Frankfurter Buchmesse

Wie Emanzipation im Islam gelingt

Kai Doering20. Oktober 2016
Katarina Barley und Sineb El Masrar auf der Frankfurter Buchmesse
Emanzipation und Islam schlissen sich nicht aus: Katarina Barley (l.) und Sineb El Masrar (r.) am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse
Emanzipation und Islam schließen sich nicht aus, ganz im Gegenteil. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley und die Autorin Sineb El Masrar diskutierten am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse über muslimische Frauen – und entdeckten einige Gemeinsamkeiten.

Katarina Barley und Sineb El Masrar haben einiges gemeinsam. Beide sind „in einem wohlbehüteten Elternhaus“ aufgewachsen. Beide sind emanzipierte Feministinnen. Und beide sind deshalb reichlich Gegenwind ausgesetzt. Im Fall von Sineb El Masrar kommt der in erster Linie aus der muslimischen Community und von Rechtspopulisten. Im Frühjahr hat sie ihr Buch „Emanzipation im Islam. Eine Abrechnung mit ihren Feinden“ veröffentlicht. Die erste Unterlassungsklage ließ nur wenige Wochen auf sich warten; ein Teil des Buchs musste geschwärzt werden.

„Selbstdenken ist der höchste Mut“

El Masrar, die sich selbst als „muslimische Feministin“ bezeichnet hat ihrem Buch ein Zitat der Schriftstellerin Bettina von Arnim vorangestellt: „Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.“ „Das Buch zu schreiben, war kein mutiger Akt“, sagt Sineb El Masrar in der Diskussion mit SPD-Generalsekretärin Katarina Barley am Stand des „vorwärts“ auf der Frankfurter Buchmesse. Und auch gegen „den Islam“ sei ihr Werk nicht gerichtet. „Es gibt muslimische Frauen, die brauchen den Islam als Stütze für ihre Emanzipation“, weiß El Masrar. Ihr seid es darum gegangen, zu beschreiben, welche Rolle Frauen über die Jahrhunderte im Islam gespielt hätten.

Bei ihren Recherchen förderte Sineb El Masrar viel Interessantes zu Tage: „Der erste gläubige Muslim war kein Er, sondern eine Sie.“ Und Frauen seien in der Geschichte „nicht weniger blutrünstig“ gewesen als ihre Glaubensbrüder. Sich mit der Geschichte des Islam zu befassen, solle auch Mut machen, sich mit der Bedeutung des Glaubens für die Gegenwart auseinanderzusetzen und zu überlegen, wie ein zeitgemäßer Islam aussehen könnte. „Wir müssen uns fragen: Wie gehen wir heute mit den Dingen um, die der Koran vorgibt.“ El Masrars Vorschlag: „Manche Dinge sollten wir vielleicht einfach in die Schublade der Geschichte packen.“

Auch als Gläubige den Verstand nicht abgeben

„Wir sollten klar machen, dass jede und jeder selbst entscheidet, wie sie oder er leben möchte“, meint Katarina Barley. Am vorwärts-Stand plädiert die SPD-Generalsekretärin dafür, dass gläubig zu sein nicht bedeuten dürfe, den eigenen Verstand abzugeben – und zwar unabhängig von der jeweiligen Konfession. „Egal, welchem Glauben ich angehöre: Es ist immer meine persönliche Entscheidung, wie ich lebe“, ist Barleys überzeugt.

Im Umgang mit dem Islam gebe es für die Politik in Deutschland ein Problem: „Den organisierten Islam gibt es nicht.“ Zwar gebe es einzelne Verbände, doch die sprächen nie für die Gesamtheit aller Muslime in Deutschland. „Das macht die Arbeit häufig schwer“, gibt Barley zu. Wichtig sei, „die Vermittlung von Wissen über den Islam nicht denjenigen zu überlassen, die damit ihr eigenes Spiel betreiben“. Deshalb sei es auch entscheidend, dass Imame an deutschen Hochschulen ausgebildet würden.

Bei der Emanzipation sieht Katarina Barley schließlich aber auch jede einzelne Frau in der Pflicht. Zwar müssten sie unterstütz werden, „die Entwicklung muss aber aus der Frau selbst heraus kommen“. Barleys Aufforderung: „Denk nach und triff deine Entscheidungen selbst!“

Sineb El Masrar: Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden, herder, ISBN: 978-3-451-34276-9, 24,99 Euro zu bestellen u.a. in der vorwärts-Buchhandlung

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