Gleichberechtigung

Emanzipation: Wie Frauen den Islam geprägt haben

Sineb El Masrar07. März 2016
Sineb El Masrar
Die vielen starken Frauen in der islamischen Geschichte sind vergessen. Dieses Erbe müssen wir wiederentdecken, fordert die Autorin und Journalistin Sineb El Masrar.

Seit mehr als 100 Jahren feiern wir am 8. März den Internationalen Frauentag – in Erinnerung an Frauen, die nicht weiter auf die Gunst und Milde der Männer hofften. Bis heute hält der Kampf um Rechte, körperliche wie psychische Unversehrtheit sowie Anerkennung an.

In Deutschland haben die meisten Aktivistinnen heute keine Einwanderungserfahrung und stammen selten aus Familien, die der Arbeiterschicht angehören. Anders bei den Nachkomminnen sogenannter Gastarbeiter in  Europa. So manche kennt Arbeitsstreiks zumindest durch den eigenen Vater, der am Fließband von Ford oder Krupp Stahl schuftete und bei von den Gewerkschaften organisierten Streiks auf die Straße ging.

Passt zusammen: Islam und Emanzipation

Im Zusammenhang mit muslimischen Frauen stellt sich für viele Nichtmuslime oft die Frage, ob das überhaupt zusammenpasst: Islam und Emanzipation. Nun ist der Islam zwar eine patriarchale Religion, genau wie das Judentum und Christentum. Doch was vielen – auch vielen Muslimen – nicht bekannt ist, sind die starken Frauenfiguren in der islamischen Geschichte.

Beginnend mit der ersten Frau des Propheten Mohammed: Khadija. Kauffrau, einflussreich und deutlich älter als der spätere Gesandte Gottes. Außerdem die erste Person, die sich zur neuen Religion des Islam bekannte. Nicht einmal der Onkel des Propheten konvertierte jemals! Aus der Beziehung zwischen Khadija und Mohammed gingen vor allem Töchter hervor. Die Söhne, inklusive Adoptivsohn, starben noch im Kindsalter. Laut Überlieferungen behandelte der Prophet die Töchter und auch seine Frauen mit großem Respekt. So weigerte sich seine Tochter Zainab, ihre große Liebe zu verlassen: Der Auserwählte war nämlich kein Muslim, sondern Polytheist, er glaubte also nicht an einen Gott. Mohammed stand seiner Tochter bei und forderte keine Scheidung. Wenn ein muslimischer Vater heute also darauf beharrt, dass seine Tochter keinen Hans oder Alfonso ehelichen darf und der Prophet sein Vorbild sei, sollte er sich mit seiner Religion gründlicher beschäftigten.

Herrscherinnen und Heilige

Selbst Aischa, die Kindsbraut, war kämpferisch – und obendrein eine der wichtigsten Übermittlerinnen der Prophetentradition. Darüber hinaus forderte sie die Gefährten des Propheten regelmäßig heraus. Wie zum Beispiel Ali, Ehemann der Prophetentochter Fatima und von den Schiiten verehrt: Nach dem Tod des Propheten erhob er Anspruch auf dessen Nachfolge und legte damit den Grundstein für die heutigen Rivalitäten zwischen den zwei islamischen Richtungen Sunniten- und Schiitentum.

Die islamische Geschichte kennt auch spätere muslimische Herrscherinnen im Raum der heutigen Türkei sowie weibliche Mystikerinnen und Heilige, wie zum Beispiel Rabia von Basra. Sie sind meist in Vergessenheit geraten, gerade weil die Deutungshoheit über die Religion und die damit entstehende Religionspraxis sowie Tradition fest in der Hand von männlichen Gelehrten lag. Dort liegt sie bis heute und wird mit aller Macht und Absurditäten verteidigt. Wenn einflussreiche und engagierte Frauen nicht gerade der Herrscherkaste angehörten, hatten sie keinen Zugang zu Bildung, Dichtkunst, Musik und Theologie und entfernten sich darüber hinaus immer mehr von ihrem islamisch-weiblichen Erbe. Nicht jede hatte einen reichen Kaufmann als Vater, so wie Fatima al-Fihri – die nutzte das Familienvermögen, um im 9. Jahrhundert eine der ersten Universitäten der Welt in Fès zu stiften.

Es ist an der Zeit, dieses Erbe wiederzuentdecken und zurückzuerobern – bevor es weiter in Vergessenheit gerät und von Islamisten instrumentalisiert und umgedeutet wird.

Sineb El Masrar
Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden
Herder Verlag
320 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-451-34276-9

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