Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Das duale Ausbildungssystem als Chance

Carolin Katschak20. Mai 2014

5,5 Millionen Jugendliche unter 25 Jahre sind arbeitslos in Europa. Andrea Nahles und Jutta Allmendinger diskutierten am Montagabend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über Probleme und Chancen der Jugendarbeitslosigkeit.

Seit der Finanz- und Schuldenkrise steigen die Arbeitslosenzahlen von Jugendlichen in Europa stetig an. In Griechenland, Spanien, Kroatien, Italien und Zypern liegt die Jugendarbeitslosenquote bei über 40 Prozent. Hinzu kommt, dass die hohe Erwerbslosigkeit von gering bezahlten, kurzen Arbeitsverträgen und schlechten Jobperspektiven begleitet wird.

Doch welche konkreten Maßnahmen werden von der Bundesregierung getroffen, um die Zahl junger Arbeitslose zu senken?

Die Bundesregierung stellte 2013 sechs Milliarden Euro zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zur Verfügung. Während Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, damals noch SPD-Generalsekretärin den Etat zu niedrig fand, muss sie heute feststellen: „Selbst sechs Milliarden machen offensichtlich große Schwierigkeiten da eingesetzt, umgesetzt und angewendet zu werden, wo sie tatsächlich Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen könnten.“

Disproportionalität in Europa

Die Frage sei, wie, wann und wo man das Geld einsetzt. „Wir haben vielleicht zu lange die Sozialunion vernachlässigt und die Wettbewerbsunion einseitig ins Laufen gebracht“, kritisiert Nahles. In dieser Hinsicht funktioniere das Europa nicht so gut wie bei anderen Fragen zur Wettbewerbsregulierung oder Bankenrettung.

Mit den sechs Milliarden werden Regionen gefördert, in denen die Jugendarbeitslosenquote über 25 Prozent liegt. Somit wird das Geld  auf die schwierigsten Fälle konzentriert. „Wir haben jetzt 24 von 25 Länder, die eine Jugendgarantie beschlossen haben und es hat echt ewig gedauert“, sagt Nahles. Mithilfe der Jugendgarantie sollen Jugendliche innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und qualitativ hochwertiges Jobangebot erhalten.

Fehlende Trägerstrukturen

Ein weiteres Problem sei, dass es keine Arbeitsverwaltungen gebe, die die Mittel vor Ort gewichten und umsetzen. In Madrid habe man gemeinsam eine Bundesagentur für Arbeit eingerichtet, um Arbeitsvermittlungsorganisationen zu etablieren.

Dies sei keinesfalls ein regionales Problem. „Wir haben in diesem Zusammenhang festgestellt, dass es kein spanisches Problem ist und haben deswegen eine internationale Initiative gegründet, in der sich Agenturen europaweit vernetzen können“, betonte Nahles. Aber auch der Aufbau von internationalen Strukturen brauche seine Zeit, um sich zu etablieren.

Förderung von Mobilität

Ein weiterer Versuch der Bundesregierung ist die Initiative „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa“ (MobiPro). Jugendliche aus Europa werden zum Beispiel nach Deutschland eingeladen, um zunächst einen Sprachkurs zu belegen und dann eine Ausbildung zu beginnen. 2014 sind 9 000 Jugendliche an dem Programm beteiligt.

„Bildung ist eine Grundvoraussetzung für Erwerbstätigkeit“

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger sieht die Problematik der Jugendarbeitslosigkeit nicht nur in den fehlenden Arbeitsmarktstellen, sondern auch in der Bildung, denn diese sei eine Grundvoraussetzung für Erwerbstätigkeit. Allemendinger kritisiert: „Wir haben es verpasst zu den neuen Mitgliedsländern und in der Europäischen Union befindlichen Ländern, Kontakte aufzubauen“. Für den Ausbau schlägt sie vor „Unternehmer mit ins Boot zu holen“.

Zudem habe die Jugendarbeitslosigkeit ein weit höheres Ausmaß, warnt Allmendinger. In einigen Ländern sind bis zu 30 Prozent der 20-25 Jährigen so genannte „Neets“, also inaktive Personen, die nicht registrierte Arbeitlose sind, die nicht in bezahlter Erwerbstätigkeit stehen oder die nicht in der Schule sind. 

Dazu kommt, dass Erwerbstätige zunehmend in schlechter Beschäftigung seien: „Das heißt, dass sie mit befristeten Arbeitsverträgen oder sehr wenige Stunden ausgestattet sind.“ Allmendinger fordert, dass der Fokus auch auf diese Problematiken gelegt wird.

Deutschland und Österreich als Vorbild

Eine Chance die Arbeitslosenquote zu senken sieht Nahles im Dualen Ausbildungssystem. Deutschland und Österreich haben auch durch das duale Ausbildungssystem die niedrigsten Quoten im europaweiten Vergleich. „Wir haben aus dem Dualen Ausbildungssystem einen regelrechten Kassenschlager gemacht“, betonte Nahles. Gleichzeitig verwies sie aber auch auf die Schwierigkeit: „Es ist nicht einfach über Nacht das duale Ausbildungssystem – schon gar nicht als einfach Kopie Deutschlands – in anderen Ländern zu etablieren“. 

Allmendinger kritisierte, dass die Lohnentwicklung von akademisch Gebildeten wesentlich rasanter erfolge als bei beruflich Gebildeten. Beide Ausbildungsformen seien jedoch in der Hinsicht gleichwertig gut, dass sie für Jugendliche den Übergang in die Erwerbstätigkeit schaffen.

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