Spitzenkandidatur bei Präsidentschaftswahlen

Dramatische Lage für Frankreichs Sozialisten nach dem Sieg Hamons

Christine Longin30. Januar 2017
Nach seinem Sieg bei den Vorwahlen muss Benoît Hamon die sozialistische Partei hinter sich bringen. Der sozialdemokratische Flügel ist nach der Niederlage von Manuel Valls verwaist. Er könnte sich Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron zuwenden.

Zehn Sekunden dauerte der Händedruck zwischen Benoît Hamon und Manuel Valls am Sonntagabend. Zehn Sekunden, die zeigen sollten, dass die französischen Sozialisten nach den Vorwahlen nicht in zwei Lager zerfallen werden. Genau das muss Hamon, der Gewinner vom linken Parteiflügel, verhindern. „Das Härteste beginnt jetzt erst“, titelte die linksgerichtete Zeitung „Libération“ am Montag. Denn dass die Regierungspartei sich hinter dem Kandidaten vereint, der die Stichwahl gegen Valls mit 59 zu 41 Prozent gewann, ist nicht sicher.

Schwierige Mission für Hamon

„Benoît Hamon ist jetzt der Kandidat unserer politischen Familie und muss die schöne Mission der Vereinigung erfüllen“, sagte Valls in seiner Rede nach der Bekanntgabe des Ergebnisses. „Ich wünsche ihm viel Glück“. Kein Wort davon, dass der frühere Premierminister seinen Ex-Bildungsminister unterstützen wird, der ihm zusammen mit Dutzenden anderen parteiinternen Rebellen das Regieren schwer gemacht hatte.

Schon vor der Stichwahl hatte Valls angekündigt, sich im Falle einer Niederlage zurückzuziehen. „Ich kann sein Programm nicht verteidigen“, sagte der lange in den Umfragen Führende zum Projekt Hamons, das er im Wahlkampf als utopisch bezeichnet hatte. Der 49-Jährige Hamon will langfristig ein Grundeinkommen von 750 Euro für alle einführen, bleibt aber die Finanzierung des Mega-Projekts schuldig. Außerdem plant er eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 32 Stunden und die Abschaffung der Reform des Arbeitsrecht, die Valls am Parlament vorbei durchgeboxt hatte.

Bruderkampf mit Linkspopulist Mélenchon

Mit seinem stramm linken Programm war es dem früheren Bildungsminister gelungen, sich als Kandidat der Erneuerung nach fünf Jahren der Präsidentschaft von François Hollande zu zeigen. Hamon wirft dem extrem unbeliebten Staatschef vor, die Ideale der Linken für eine unternehmerfreundliche Politik verraten zu haben. „Heute Abend erhebt die Linke ihr Haupt, schaut in die Zukunft und kann gewinnen“, sagte Hamon in seiner Ansprache am Sonntagabend.

Von einem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen zu sprechen ist allerdings mehr als optimistisch: Meinungsforscher sehen den Kandidaten des Parti Socialiste (PS) weit vom Einzug in die Stichwahl entfernt. Laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage lag Hamon bei rund 15 Prozent. Damit holte er im Vergleich zu den ersten Januarwochen auf und konnte sogar den Bruderkampf mit dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, der auf zehn Prozent absackte, für sich entscheiden.

Linkes Lager ist zerrissen

„Unsere Meinungsverschiedenheiten sind nicht unüberwindbar angesichts der wirklichen Feinde“, versicherte Hamon und bot Mélenchon und dem Grünen-Kandidaten Yannick Jadot eine Zusammenarbeit an. Beide lehnten allerdings dankend ab, so dass das linke Lager zerrissen in den Wahlkampf geht.

Profitieren davon dürfte der frühere Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der mit einem sozialliberalen Programm um die Wähler der Mitte wirbt. Nach der Niederlage von Valls kündigten einige Anhänger seiner sozialdemokratischen Strömung bereits den Sprung zu Macrons Bewegung „En Marche“ an. Auch mindestens ein Dutzend sozialistische Abgeordnete könnten das Lager wechseln und sich dem 39-jährigen Jungstar anschließen, der in Umfragen bei rund 20 Prozent liegt.

Macron könnte profitieren

„Benoit Hamon übernimmt die Spitzenkandidatur einer sozialistischen Linken, die in zwei Teile zerschnitten ist und im Schraubstock steckt zwischen Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon“, schrieb die Zeitung „Le Monde“. Die konservative Opposition hat ihren Gegner auf der linken Seite bereits gefunden. „Macron steht für die Bilanz von Hollande“, kritisierte Spitzenkandidat François Fillon bei einer Wahlkampfveranstaltung am Sonntag. Der Name Hamon kam in seiner gut einstündigen Rede kein einziges Mal vor.

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Kommentare

Dramatische Lage für Frankreichs Sozialisten nach dem Sieg Hamon

Warum wird Hamon ebenso wie früher schon Corbyn oder Sanders wieder schlecht gemacht?
Schließlich sind die Franzosen von dem früheren Hoffnungsträger Hollande bitter enttäuscht worden, so z.B. bei dieser kapitalfreundlichen Arbeitsrechts"reform", nachdem er sich zunehmend von Merkel hat einwickeln lassen anstatt sein Wahlprogramm konsequent zu realisieren, wozu ihm die französischen Wähler ihr Vertrauen geschenkt haben.
Anstatt Hamon gegen Le Pen und die Konservativen zu unterstützen, wird er nun verrissen. Ist das die Fraternité der Linken?

Hamon als Kandidat der PS

Ich stimme dem Kommentar von Peter Boettel zu. Die durchschnittlichen Zustimmungswerte für Hamon lagen im Januar bei rund 6%. Jetzt nach seiner Wahl zum Präsidentschaftskandidaten steigen sie mit 15 bis zuletzt 18% auf das Dreifache an.

Macron und LePen haben von den neuesten Entwicklungen erkennbar nicht profitiert. Es läuft derzeit alles gegen die vorherrschende Meinung, die auch hier vertreten wird - in der Zeitung der Sozialdemokratie.

Bericht statt Kommentar

Unsere Korrespondentin vertritt keine Meinung, sondern beschreibt die Situation und die Reaktionen auf den Ausgang der Vorwahl in Frankreich. Daraus ein "Schlechtmachen" zu konstruieren, wird dem Bericht nicht gerecht.

Sehr geehrter Herr Doering,

Sie verwahren sich dagegen, dass der Artikelr eine Meinungsmache gegen Hamon enthalte. Ich sehe es ebenso wie der kritisierte Kommentar. Im deutschen Journalismus hat sich m.E. eine Seuche eingeschlichen, die Information und Meinung vermengt, so auch in diesem Artikel. Zu diesem Zweck wird mit Adjektiven gearbeitet.

Ohne eine Meinung zu transportieren hätte die Überschrift etwa "Zur Lage der PS usw." lauten können. Und statt des Ausdrucks "sehr optimistisch" im weiteren Text deutlich neutraler etwa: "Veröffentlichte Meinungsumfragen besagen, dass Hamon trotz ansteigender Zustimmungswerte bisher nicht in die Stichwahl gelangen wird."

So aber wird unausgesprochen der Eindruck erweckt, der PS-Kandidat habe keine Chance. Der Auffassung kann man zweifellos sein, aber dann bitte auch klar als Kommentar kennzeichnen.

Lieber Herr Scholz,

Ihre Analyse den Journalismus betreffend kann ich nachvollziehen. Ich würde allerdings sagen, dass das kein deutsches Phänomen ist, sondern wir da lediglich einer internationalen Entwicklung folgen (nein, damit ist keine Wertung verbunden).

Ich denke, Sie müssen unterscheiden: Für eine Meldung teile ich Ihre Punkte, aber ein journalistischer Beitrag besteht eben auch daraus, dass der Autorin (respektive die Autorin) Tatsachen einordnet und bewertet. Schon allein der Bericht über eine Veranstaltung ist subjektiv gefärbt, da sie auf jeden Menschen unterschiedlich wirkt. Das hat aber noch lange nichts mit Meinungsmache zu tun. Ein Kommentar ist nochmal etwas ganz anderes.

Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich: http://upload-magazin.de/blog/129-schreib-das-auf-aber-wie/