Strukturwandel

Das Dortmunder U: Wie aus einer Brauerei ein angesagtes Kulturzentrum wurde

Silke Hoock05. Juni 2019
Heute vergoldet: Das U der ehemaligen Union-Brauerei – ein Wahrzeichen Dortmunds
Heute vergoldet: Das U der ehemaligen Union-Brauerei – ein Wahrzeichen Dortmunds
Einst war die Union-Brauerei in Dortmund die größte Europas. Heute ist sie ein angesagter Treffpunkt für Kunst, Kino und digitale Kultur.

Formal betrachtet ist es ein 70 Meter hohes Kellerhochhaus auf dessen Dach ein mit Blattgold verziertes U thront. Doch das Dortmunder U, das einst das Gär- und Lagerhaus der Dortmunder Union-Brauerei war, ist längst zum Symbol des Aufbruchs und des Strukturwandels geworden. Denn dort, wo früher zu Spitzenzeiten 1800 Menschen Bier brauten, sind Kunst und kreative Köpfe eingezogen.

Das Ende kam mit Radeberger

Das Dortmunder U symbolisiert den Strukturwandel und ein wichtiges Kapitel Dortmunder Wirtschaftsgeschichte. Denn in Dortmund war das Bier neben Kohle und Stahl der größte Industriezweig und Arbeitgeber für tausende Beschäftigte. Um 1900 zählte die Stadt rund 30 Brauereien. Die Union-Brauerei war die größte Europas. Das Ende der Bierstadt wurde 1991 eingeleitet, als die heutige Radeberger Brauerei in Dortmund Fuß fasste. Sie übernahm fast alle Brauereien, schloss deren Standorte. Seitdem gibt es nur noch eine Braustätte. Lediglich die Namen Thier-Galerie und Dortmunder U erinnern an die Bier-Ära.

Dass der Erhalt des Dortmunder U und dessen Wandel zum digitalen Kunstort gelingen würde, war nicht absehbar. Nach dem endgültigen Aus des Brauerei-Standortes im Jahr 1994 stand das Gebäude viele Jahr leer. 2007 erwarb es die Stadt für rund 25 Millionen Euro und ließ es auch mit Fördermitteln umbauen für insgesamt 90 Millionen Euro. Schließlich wurde das Dortmunder U während der „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ in Teilen wiedereröffnet. Seitdem ist hier ein Zentrum für Kreativität entstanden, das wegen seiner Kombination aus zeitgenössischer Kunst und Medienkunst, kultureller Bildung sowie Wissenschaft und Forschung rund 200.000 Besucher jährlich lockt. Nicht nur, dass Filmemacher Adolf Winkelmann das U als Projektionsfläche für seine fliegenden Bilder nutzt. Vielmehr gilt das Dortmunder U als ein „,place to be für Kunst, Kino, Gaming und digitale Kultur“, wie die Stadt nicht ohne Stolz verkündet.

Die zweitbeste Lösung

Und wie sehen die ehemaligen Unionisten ihr U? „Für mich ist es die zweitbeste Lösung. Schöner wäre es, wenn hier noch Bier gebraut würde. Heute erinnert es an eine glanzvolle Zeit“, sagt der 88-Jährige Gerhard Droste. Der einstige Bilanzbuchhalter der Dortmunder Union-Brauerei schwärmt von Zeiten, in denen dieses Haus sichere Arbeitsplätze und dazu für heutige Zeiten unvorstellbar gute Sozialleistungen bot: „Wir hatten sogar ein 14. Gehalt.“ Walter Wohland (75) war hier Brauer und Mälzer – bis die Union 1994 an diesem Standort die Zapfhähne zudrehte.

Wehmut und Stolz halten sich die Waage, wenn er über das Dortmunder U spricht. „Jeder wollte hier arbeiten.“ Der ehemalige Union-Vertriebsmitarbeiter Udo Fricke bringt das Gefühl auf den Punkt. „Dass es hier mal zu Ende gehen würde mit dem Bier, hätte niemand für möglich gehalten.‘‘ Dass hier neue, andere Arbeitsplätze entstanden sind im Museum Ostwall, im Bereich kulturelle Bildung, in der Bibliothek, am Empfang, in der Verwaltung, in Laboren der TU und FH sowie beim Hartware MedienKunstVerein – finden alle gut: „Selbstverständlich.“ 

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