Porträt

Doku über Gerhard Schröder: Keiner wie Günter Netzer

Jonas Jordan16. Juli 2020
Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine bejubeln gemeinsam den Sieg der SPD bei der Bundestagswahl 1998.
Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine bejubeln gemeinsam den Sieg der SPD bei der Bundestagswahl 1998.
Eine neue Dokumentation widmet sich dem Leben von Gerhard Schröder als unbeirrbaren, aber strittigen Machtpolitiker. Das gelingt den Macher*innen phasenweise sehr gut, der Vergleich mit Fußball-Legende Günter Netzer ist dann aber doch des Guten zu viel.

Nein, ein Leisetreter war Gerhard Schröder gewiss noch nie. Er war ein Machtpolitiker, der stets klare Ziele verfolgte. Insofern ist der Titel der aktuellen arte-Dokumentation passend gewählt. „Gerhard Schröder – schlage die Trommel“, so der Titel des 52-minütigen Porträts. Es beginnt mit einer Einstellung, in der auf einem Stuhl sitzt und Heinrich Heines Gedicht „Doctrin“ liest. „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, und küsse die Marketenderin! Das ist die ganze Wissenschaft, das ist der Bücher tiefster Sinn. Ich hab' sie begriffen, weil ich gescheidt und weil ich ein guter Tambour bin“, zitiert Schröder und lächelt.

Der angriffslustige Mittelstürmer „Acker“

Anschließend blickt der Film zurück auf Schröders steinigen Weg vom Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus dem Lippischen Land zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit Fleiß, Ehrgeiz und großem Willen schaffte er diesen Aufstieg. Eine große Rolle habe dabei auch der Fußball gespielt, heißt es. Schröder, der angriffslustige Mittelstürmer mit Spitznamen „Acker“ – das ist keine Neuigkeit, aber die Geschichte passt in das Bild, das die Macher*innen des Films offenbar erzählen möchten. Der Fußball als Metapher für Schröders Aufstieg und Wirken. 

Das erscheint spätestens dann ein bisschen zu konstruiert, als es heißt, Schröder sei „der Günter Netzer der SPD“. Als Beleg für diese These reicht dem Dokumentarfilmer Thorsten Körner tatsächlich eine einzige Szene aus dem DFB-Pokalfinale 1973 zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1.FC Köln. Damals stand Netzers Wechsel zu Real Madrid kurz bevor. Gladbachs Trainer Hennes Weisweiler ließ seinen Star daher auf der Bank schmoren, woraufhin Netzer sich selbst einwechselte und das Siegtor erzielte. Im sozialdemokratischen Bild wäre Weisweiler Lafontaine als Trainer und späterer Gegenspieler und Schröders Selbsteinwechslung die erfolgreiche Kanzlerkandidatur 1998. Mit Ausnahme des gleichen Geburtsjahres und – zumindest während Schröders Zeit als Juso-Bundesvorsitzender – einer ähnlichen Frisur ein wenig weit hergeholt.

Den Zaun überwunden

Was passt, ist Schröders Angriffslust und Siegeswillen. Was in diesem Kontext nicht fehlen darf, ist die zur Schlüsselszene seines frühen politischen Wirkens hochstilisierte Tat, als er nachts am Zaun des Bonner Kanzleramtes rüttelte. Er wollte Kanzler werden und wurde es einige Jahre später auch. Der Film erzählt, wie Schröder dafür zunächst Lafontaine und Scharping den Vortritt lassen und den Umweg über Hannover nehmen musste, ehe er im Herbst 1998 nach seinem triumphalen Wahlerfolg schließlich in Kohls Sessel Platz nehmen durfte.

Am ausführlichsten beleuchtet Körners Porträt Schröders Wirken während seiner Kanzlerschaft. Auf den großen Erfolg und die erhoffte rot-grüne Zeitenwende folgten vor allem außenpolitisch große Herausforderungen. Der Kosovo-Einsatz der Bundeswehr 1999 wurde zur Bewährungsprobe für die noch junge Koalition. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 versprach Schröder den USA „uneingeschränkte Solidarität“, die so lange hielt, bis die Vereinigten Staaten einen völkerrechtswidrigen Krieg im Irak beginnen wollte. Das machte Schröder nicht mit und setzte damit ein klares außenpolitisches Signal.

Agenda 2010: mutig und umstritten

Auf den knappen Wahlerfolg 2002 folgte das mutigste und zugleich umstrittenste Projekt von Schröders Kanzlerschaft: die Agenda 2010. Die Stärke des Films liegt darin, dass er enge Weggefährten des früheren Kanzlers wie Joschka Fischer, Franz Müntefering und Otto Schily ebenso zu Wort kommen lässt wie Kritiker*innen. Wobei auf der zweiten Seite der frühere SPD-Vorsitzende und heutige Linken-Fraktionschef im Saarland Oskar Lafontaine eine deutlich zu prominente Position einnimmt. Dessen Rolle als „Advocatus Diaboli“ von Schröders Politik und dem Wirken der SPD wirkt wenig glaubhaft. Stattdessen erscheint Lafontaine häufig in der Rolle als schlechter Verlierer. Der Mann, der selbst Kanzler werden wollte und nicht akzeptieren konnte, dass ein anderer es geschafft hatte.

Nachdem die SPD bei der Bundestagswahl 2005 mit 34,2 Prozent trotz einer starken Aufholjagd knapp hinter der CDU/CSU gelandet war, endete Schröders Kanzlerschaft am 22. November 2005. Es folgte eine neue Lebensphase als Wirtschaftslobbyist. Die damit verbundenen Tätigkeiten sorgten teilweise für Kritik. Doch auch hier zeigt sich Schröder unbeirrbar. Insofern zeichnet der Film ein konsequentes Bild des Ex-Kanzlers. „Schröder war stets streitbar und umstritten. Doch wo andere nur Gegenwind spüren, setzt er die Segel. Für ihn ist es Rückenwind“, heißt es im Film. 

Körner versucht ihn letztlich mit seiner Partei zu versöhnen. Denn Schröder hat das letzte Wort und darf den aktuellen SPD-Politiker*innen am Ende noch einen Hinweis mit auf den Weg geben. Was er ihnen rät, ist noch bis zum 13. August in der Arte-Mediathek zu sehen.

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