OECD-Studie

Diversität statt Diskriminierung im Job: Deutschlands Hausaufgaben

Benedikt Dittrich11. Februar 2021
Auf dem Weg zum Job: Bewerbungsgespräche können für Migrant*innen eine größere Hürde als für Eingeborene sein.
Auf dem Weg zum Job: Bewerbungsgespräche können für Migrant*innen eine größere Hürde als für Eingeborene sein.
Menschen mit Migrationsbiographie haben es schwer, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Doch der Trend ist positiv, lobt die OECD. Allerdings wird gerade der Nachwuchs noch benachteiligt. Das rückt das Bildungssystem in den Fokus, sagt Karamba Diaby.

Ein Diversitätstraining hier, ein Seminar gegen Rassismus dort – und schon gehört Diskriminierung am Arbeitsplatz der Vergangenheit an? Ganz so einfach ist es leider nicht. Allerdings lobt die OECD: Deutschland ist auf einem guten Weg, auch wenn die Bundesrepublik im Ländervergleich auf einem niedrigen Niveau startete.

„Man kann in Deutschland ein Stück weit stolz sein“, sagt Thomas Liebig, Ökonom und Migrationsexperte bei der OECD. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat in den vergangenen Wochen und Monaten die Diversität am Arbeitsplatz in verschiedenen Ländern untersucht – und kommt zu dem Schluss: In Deutschland steigt der Anteil von Menschen mit Migrationsbiographie kontinuierlich an. „Das sieht sehr gut aus“, sagt Liebig mit Blick auf die Statistik, er ergänzt aber auch: „Die Startposition war eine sehr niedrige.“

Qualifikationen werden nicht anerkannt

Das hat unterschiedliche Gründe, die in den vergangenen Jahren zwar angegangen wurden, aber immer noch existierten, wie Liebig weiter ausführt. Dazu gehört zum Beispiel das Problem, dass die Qualifikationen, die Menschen im Ausland erworben haben, in Deutschland oft nicht anerkannt werden. Im Ergebnis arbeiten damit eigentlich gut ausgebildete Migrant*innen in Bereichen, die nur eine geringe Qualifikation erfordern, während Stellen für Fachkräfte unbesetzt oder Menschen vorbehalten bleiben, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und ausgebildet wurden.

Das wiederum führt dazu, dass mit steigendem Anforderungsniveau der Anteil von Menschen mit Migrationsbiographie sinkt – die Lücke ist sogar in der zweiten Generation noch da, also bei den Kindern der migrierten Eltern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Liebig kann das anhand der Auswertungen der OECD zeigen. Probleme mit der Landessprache, die Ausbildung im Ausland, was bei den Eltern noch ein Problem war, kann diese Lücke laut Liebig aber nicht erklären.

„Da ist dann das deutsche Bildungssystem gefragt“, versucht Liebig zu erklären. Denn Kinder von Eingewanderten fühlten sich offenbar sogar häufiger diskriminiert und benachteiligt auf dem Arbeitsmarkt, als ihre Eltern. Es fehlten ihnen Kenntnisse über die Funktionsweise des Arbeitsmarktes und ihnen fehlen die Netzwerke aus Bekannten und Verwandten in Deutschland. Nachteile, die Menschen mit langen Familienstammbäumen in Deutschland nicht haben, dem Nachwuchs werden diese Kenntnisse und Kontakte buchstäblich mit in die Wiege gelegt. „Diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen“, so der OECD-Ökonom, auch wenn manche Diskriminierungserfahrungen nur subjektiv wahrgenommen würden, objektiv aber nicht messbar seien. Denn wer Diskriminierung erfährt, erklärt Haci Halil Uslucan, der ist auch weniger bereit sich zu integrieren. „Warum soll ich Teil einer Gesellschaft werden, die mich gar nicht in ihrer Mitte haben will?“, fragt der Integrationsforscher bei einer Online-Debatte der OECD.

Diskriminierung hemmt Integrationswille

Aber was lässt sich dagegen machen? Dazu gab es in der Runde unterschiedliche Antworten. Uslucan forscht dazu an der Universität Duisburg-Essen. Er sieht auch direkt den Staat als Arbeitgeber in der Verantwortung. Er könne als gutes Beispiel vorangehen. Serap Güler, Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen, wünscht sich aber auch, dass viel mehr Unternehmen klarer Stellung beziehen, direkter Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen. Sensibilisierung bezüglich Diskriminierung am Arbeitsplatz müsste für Mitarbeiter*innen zur Pflicht werden.

Ein Punkt, an dem auch Karamba Diaby ansetzt: Der SPD-Bundestagsabgeordnete hat früher selber in der interkulturellen Bildung gearbeitet, er plädiert für „Diversitätstrainings“ in den Unternehmen. „So etwas sollte nicht als Unterstellung, sondern als Fortbildungs-Instrument angesehen werden.“ Damit spielt Diaby auf die Empfindung an, dass allein schon das Angebot eines solchen Kurses als Affront aufgefasst wird: Wer einen solchen Kurs im Unternehmen anbietet, unterstelle den Mitarbeiter*innen, dass sie andere diskriminieren würden. „Es geht aber darum, darüber zu diskutieren, wie gemeinsam die Arbeit besser aufgestellt werden kann.“

Diaby: Schieflage im Bildungssystem

Gleichzeitig möchte er aber auch gerne viel früher ansetzen – nämlich beim Bildungssystem: „Wir müssen das umfassender sehen.“ Corona habe den enormen Nachholbedarf in dem Bereich offenbart, viele Kinder bräuchten mehr Unterstützung, mehr Betreuung. „Da darf auch eine Diskussion über den Föderalismus kein Tabu mehr sein“, fordert er. „Wir haben immer noch eine Schieflage, dass Bildungserfolge vom Geldbeutel und der Postleitzahl abhängen.“ Ein Zusammenhang, der auch Migrant*innen benachteilige.

Außerdem plädiert Diaby – ganz im Sinne des OECD-Blicks – auch dafür, auf die europäischen Nachbarn zu schielen. Während sich in Deutschland in den vergangenen Jahren viel getan habe, könne man trotzdem noch nach Frankreich schauen, was dort besser laufe.

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