Filmtipp

„Dil Leyla“: Wie eine junge Frau Kurdistan erobert

Nils Michaelis30. Juni 2017
Bürgermeisterin Leyla Imret fliegen die Herzen zu
Bürgermeisterin Leyla Imret fliegen die Herzen zu
Eine Frisörin aus Norddeutschland wird Bürgermeisterin im Reich der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK): Der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ erzählt vom jähen Ende eines politischen Wunders nach den Parlamentswahlen 2015 in der Türkei.

An einem Nachmittag im Kurdistan: Der kleine Junge, der auf die elegante Frau und ihr Gefolge trifft, hat einen großen Wunsch. „Die Panzer sollen verschwinden“, sagt er mit Blick auf Einsätze der türkischen Armee. „Die Panzer werden Dich nie wieder bedrohen“, antwortet sie. Es ist Leyla Imret, die Bürgermeisterin der Stadt Cizre. In diesem Moment glaubt sie vielleicht sogar selbst an ihr Versprechen.

Von der Frisörin zur Bürgermeisterin

Im Jahr 2014 wurde die damals 26-Jährige zur Bürgermeisterin gewählt, damit war sie das jüngste Stadtoberhaupt in der Türkei. Und die erste Rathauschefin in Cizre überhaupt. Viele sahen darin ein Zeichen des Aufbruchs, auch deswegen flogen ihr die Hoffnungen zu, wie in mehreren Szenen zu erleben ist. Während der Zuspitzung des Konflikts zwischen Kurden und der Regierung in Ankara nach den Parlamentswahlen 2015 sollten sie allerdings bitter enttäuscht werden.

Unabhängig davon ist der Lebensweg der ehemaligen Frisörin, den die Filmemacherin Asli Özarslan eingefangen hat, tatsächlich außergewöhnlich. Anfang der 90er-Jahre, mit gerade einmal fünf Jahren, verliert sie ihren Vater, einen der meistgesuchten Untergrundkämpfer der Region. In Cizre hatte seinerzeit die verbotene PKK das Sagen. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Aufständen. Originalbilder zeigen, wie türkische Soldaten im Schützenpanzer eine friedliche Menge beim kurdischen Neujahrsfest auseinandertreiben.

Überwältigender Wahlsieg

Wenig später schickt ihre Mutter sie zur Tante nach Bremen. 15 Jahre danach kehrt sie für ein paar Urlaubstage nach Cizre zurück und wird vom Heimatgefühl überwältigt. Wenig später sitzt sie auf dem Chefsessel im Rathaus. Der Film erzählt von einer Frau, die schon sehr früh erkennen muss, wie ein politischer Konflikt Lücken in eine Familie reißen kann. Auch deswegen sind ihre Mutter und die Geschwister, die nach dem Tod des Vaters in Cizre geblieben sind, voller Sorge, als Imret bei der Bürgermeisterwahl 83 Prozent der Stimmen holt. Nicht anders ergeht es den Verwandten in ihrer zweiten Heimat in Deutschland.

Indem die Perspektive immer wieder zwischen Kurdistan und Bremen wechselt, wird deutlich, wie sehr Imret letztlich von beiden Lebenswelten geprägt ist. Das zeigt sich auch in ihren Kommentaren aus dem Off. Mit den konservativ gekleideten kurdischen Frauen scheint die Jeansträgerin mit dem wallenden blonden Haar nicht nur rein optisch wenig zu verbinden, gleichwohl bewegt sie sich bei traditionellen kurdischen Neujahrstänzen wie ein Fisch im Wasser. Nicht minder souverän tritt sie bei Wahlkampfveranstaltungen für die Kurden-Partei HDP und die Rechte der Minderheit ein.

Nach 2015 ändert sich alles

Kein Wunder, dass sie ihr Amt im Herbst 2015 wieder verliert. Ankara wirft ihr vor, das Volk gegen den Staat aufzuwiegeln und Propaganda für Terrorismus zu machen. Währenddessen entfesselt das Regime in Cizre und anderswo aufs Neue die Gewalt. Als Imret daraufhin von der Bildfläche verschwindet, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen ihrer Angehörigen zu bestätigen. Zu dieser Zeit wird auch für das Filmteam die Lage vor Ort brenzlig.

„Dil Leyla“, der Titel geht auf einen Kosenamen des Vaters für seine Tochter zurück, richtet seinen Fokus auf Kurdistan und zeigt einen anschaulichen und beunruhigenden Eindruck vom Niedergang des demokratischen Aufbruchs und der Remilitarisierung der Politik im System Erdogan. Gerne hätte man mehr darüber erfahren, wie Imret ihren Aufstieg in ihrer sozialistischen und prokurdischen Partei bis hin zur Kandidatur bei der Kommunalwahl gemeistert hat. Genügte dafür etwa ihr Name und die Erinnerung an den auf Fotos noch immer verehrten PKK-Kämpfer? Wie steht es um ihre langfristigen politischen Ziele? Und wie hält es mit der von der EU als Terrororganisation eingestuften PKK?

So besteht die Stärke der Dokumentation vor allem im Blick auf die Gemütslage der Protagonistin. Die Regiestudentin Özarslan legt den Schwerpunkt auf Imrets kurze Zeit an der politischen Spitze der Großstadt im Dreiländereck zwischen Syrien, Irak und der Türkei. Die Schatten über dieser für sie glanzvollen Zeit, sei es in ihrer Kindheit oder im Zuge der Krise der Parlamentswahl von vor zwei Jahren, sind dabei aber stets präsent.

 

Info: „Dil Leyla“ (Deutschland 2016), ein Film von Asli Özarslan, OmU, 71 Minuten. Jetzt im Kino

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