Interview mit Yasmin Fahimi

Digitalisierung: Wie die SPD die berufliche Zukunft durch Bildung sichern will

Vera Rosigkeit07. Januar 2019
Die berufliche Ausbildung soll nicht mehr in Konkurrenz zur akademischen stehen, erklärt Yasmin Fahimi
Mehr Durchlässigkeit zwischen beruflichen und akademischen Bildungswegen und mehr Klarheit über die Qualität von Weiterbildungen: Die SPD-Politikerin Yasmin Fahimi sieht die berufliche Bildung von der Erstausbildung bis zum lebensbegleitenden Lernen vor Herausforderungen. Und hat konkrete Pläne.

Der beruflichen Bildung kommt in Zeiten des technologischen Wandels große Bedeutung zu: Was ist derzeit konkret geplant?

Ein sehr konkretes Gesetzesvorhaben ist die Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG). Nach langem Zögern gibt es jetzt endlich ein erstes Eckpunktepapier vom unionsgeführten BMBF, die Vorschläge sind aus meiner Sicht aber nicht wirklich konsequent durchdacht.

Wir haben im Koalitionsvertrag durchgesetzt, dass mit der Novelle eine Mindestausbildungsvergütung (MAV) eingeführt wird. Der Vorschlag des BMBF orientiert sich nun aber am Schüler-BAföG, das reicht uns nicht. Denn im Gegensatz zum Schüler-BAföG ist die Ausbildungsvergütung der Steuer- und Versicherungspflicht unterzogen. Trotz gleicher Beträge würde deshalb ein Auszubildender weniger Geld erhalten als ein Schüler. Das ist absurd.

Die SPD will eine Ausbildungsvergütung, die sich am Tarifdurchschnitt orientiert und wie beim Mindestlohn eine untere Haltelinie definiert. Um konkret zu werden: Ginge es nach den Vorstellungen des BMBF würde man im ersten Ausbildungslehrjahr analog zum Schüler-BAföG 504.- Euro erhalten. Nach dem von uns favorisierten DGB-Modell wären es 635.- Euro.

Leben kann man davon aber nicht…

Nein. Eine Ausbildungsvergütung alleine kann aber auch nicht existenzsichernd sein. Deshalb müssen wir parallel mit weiteren Instrumenten dafür sorgen, dass Auszubildende alleine und selbstständig leben können. Da brauchen wir mit Blick auf Aus- und Weiterbildungsfinanzierung einen anderen Ansatz, z.B. ein Gerüst bestehend aus Ausbildungsbeihilfen, Bafög, Wohnzuschüssen und Mobilitätshilfen.

Was spielt neben der Mindestausbildungsvergütung noch eine Rolle?

Unser Ziel ist, die Qualität der beruflichen Ausbildung so attraktiv zu gestalten, dass berufliche und akademische Ausbildung nicht zwei in Konkurrenz stehende Systeme sind, sondern eine gleichwertige Alternative darstellen. Wir müssen transparent machen, mit welchen beruflichen Aus- oder Fortbildungen man welchen Qualifikationsstandard erreicht. Das gilt auch für ein duales Studium. Und wir brauchen mehr Durchlässigkeit zwischen dem beruflichen und dem akademischen Bildungsweg.

Nun reicht eine Erstausbildung nicht mehr aus, um dem technologischen Wandel im Berufsleben kompetent zu begegnen. Wie lässt sich lebensbegleitendes Lernen gut organisieren? 

Nehmen wir als positives Beispiel die Handwerksordnung: Fort- und Aufstiegslehrgänge sind da klar definiert: es gibt den Fachwirt, den Techniker, den Meister. Mit dieser Klarheit schafft es das Handwerk derzeit viel besser als andere Bereiche, Fachkräfte zu Aus- und Fortbildungen zu animieren. Ein Beispiel: Warum nicht künftig auch einem 40 jährigen gelernten Mechatroniker eine Aufstiegsfortbildung finanzieren, wenn er an einer Fachhochschule für Elektrotechnik ein Studium absolvieren will: also ähnlich dem Meister-BAföG?

Yasmin Fahimi ist Sprecherin der Arbeitsgruppe der Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt"

Um mehr Flexibilität und Durchlässigkeit in den Bildungsverläufen finanziell unterstützen zu können, brauchen wir allerdings auch mehr Klarheit über die Qualität und Wertigkeit in den Ausbildungsgängen.

Was muss sich ändern?

Sowohl in der Berufsorientierung als auch in der lebensbegleitenden Bildung brauchen wir mehr Transparenz und mehr Qualitätskontrolle. Das heißt wir müssen über ein Bündel von mehr staatlichen Zertifizierungen reden und zwar nach Fortbildungsordnungen, die durch Sozialpartner verabredet sind. Wir müssen Bildungswerte schaffen, die Menschen motivieren, sich dem Thema Fortbildung zuzuwenden. Lebensbegleitendes Lernen sollte eine Bereicherung sein, bessere Beschäftigungsperspektiven absichern und kein Schreckgespenst sein. Damit zusammenhängend müssen wir auch die Frage der Finanzierung klären. Wir müssen definieren, welche Aus- und Fortbildungsmaßnahmen wir steuerlich stärker unterstützen und fördern wollen. Auch dafür wäre eine breiter aufgestellte Zertifizierung von Fortbildungsmodulen wichtig.

Auch in den sogenannten dualen Studiengängen herrscht ziemlicher Wildwuchs. Ein erster Schritt wäre es, die betrieblichen Praxisphasen des Dualen Studiums in das BBIG aufzunehmen. Bisher ist dieser Teil der Beliebigkeit unterworfen, was einzelne Hochschulen mit einzelnen Unternehmen verabreden. Duale Studienangebote sind toll. Aber es muss auch klar sein, was das eigentlich ist. Von der Akkreditierung bis hin zur Art des Ausbildungsvertrages - derzeit gibt es so ziemlich alles: vom Teilzeitarbeitsverhältnis, das erlaubt, nebenbei studieren zu gehen bis hin zum ausgefeilten Konzept, aus dem mehrere Unternehmen gemeinsam mit Hochschulen ein eigenes Studienfach kreiert haben.

Für die berufliche Weiterbildung gilt ähnliches: Es gibt eine Fülle von Anbietern jeglicher Art, die zur Zeit selbst definieren können, welche DQR- also Qualitäts-Stufen mit dem einen oder anderen Angebot verbunden sind. Auch die Titel der Abschlüsse sind zum Teil frei erfunden.

Nun ist die Zukunft aber so genau nicht vorhersehbar. Wie lässt sich die Ungewissheit koordinieren?

Wir sollten in dieser Debatte nicht nur in neuen Berufsbildern denken. Auch wenn die Modernisierung von Berufen eine wichtige Aufgabe ist, brauchen wir beweglichere Instrumente. Die Herausforderung liegt darin, Menschen schnell in neuen Tätigkeitsanforderungen zu schulen.

Das funktioniert mit „learning on the job“ am besten und es gibt dafür auch ein hohes Maß an betrieblichen Aktivitäten. Aber wir können auch kleinere „Schnellboote“ mit Hilfe von Weiterbildungsmodulen schaffen. Wenn wir definieren, welches Modul welchen Standard hat und was und wie dabei gelernt wird, kann ein solches Modul auch ein staatlich anerkanntes Zertifikat erhalten. Und da es sich nur um Module handelt, können diese auch flexibler gestaltet werden, also schneller angepasst werden. Das ist eine Perspektive, die wir auch in der Enquetekommission diskutieren wollen.

Was muss am Ende stehen?

Das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen durch Bildung müssen wir erneuern. Wir werden deutlich machen, dass es nicht nur für die Allgemeinbildung und die Erstausbildung gilt. Unsere Vorstellung ist, dass es jedem/jeder möglich sein soll, durch selbstbestimmtes lebensbegleitenden Lernen, inklusive Weiterbildung die eigene berufliche Zukunft zu sichern. Wir wissen, dass die Chancen auf Weiterbildung für die am besten sind, die bereits ein hohes Qualifikationsniveau erworben und gute finanzielle Polster haben. Damit dürfen wir nicht zufrieden sein. Die Chance auf gute Weiterbildung verdienen alle. Das sicherzustellen, ist unser Ziel.

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Kommentare

Verstoß gegen Netiquette

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Selbstbestimmtes Lernen als sozialdemokratisches Leitbild

Ist das selbst bestimmte Lernen bisher in den föderalen Bildungscurricula eingebettet? Ist das Schulwesen ständisch entrümpelt?

Im Ergebnis braucht es nur eine integrative [inklusive] Gesamtmittelschule mit angeschlossener Berufsschule ohne oder mit Abiturstufe und G8-Gymnasien. Ausbildungsbetriebe könnten hier schon weit in der Mittelstufe schulbegleitende Berufsorientierungspraktika anbieten.

Komplementär sollten Absolventen von Meisterkursen, Betriebswirten der HWK oder IHK oder berufserfahrene Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich bei berufsspezifischen Studiengängen einen NC umgehen können. Die Fortführung des Promotionsrecht von Fachhochschulen ist gerade für Betriebswirte, Meister[innen], Techniker[innen] wie medizinische Fachkräfte förderlich.

[Warum wird eigentlich die Promotionsordnung von Mediziner(innen) nicht darin angepasst, dass sie als Abschlussarbeit eine Facharztausbildung universitär begleitet?]

Das sozialdemokratische Leitbild muss sich hier von jeglichem Utilitarismus und betriebswirtschaftlichem Verwertungsbedürfnis freimachen. Nur so wird eine berufsorientierte Selbstbestimmung volkswirtschaftlich erfolgreich eingebettet werden.