Arbeiten 4.0

Warum die digitale Arbeitswelt der Zukunft den Menschen braucht

Andreas BoesTobias KämpfKira Marrs05. Mai 2015
Die vierte industrielle Revolution hat begonnen. Hannover Messe 2015
Die vierte industrielle Revolution hat begonnen. Vor allem Dienstleister treiben diese Entwicklung voran. Hier ein Bild vion der Hannover Messe 2015
Die Digitalisierung der Fabriken wird die Art, wie wir arbeiten werden, verändern. Wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen wird, ist unklar. Aber ohne Menschen geht es nicht.

Die digitale Transformation ist einer der gravierendsten Umbrüche seit der ersten industriellen Revolution – mit weitreichenden Konsequenzen für die Unternehmen und ihre Beschäftigten. Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften haben diese historische Herausforderung erkannt. Ob sie aber die richtigen Strategien finden, ist derzeit noch unklar. Denn die Vorschläge zur Innovation verharren in alten technizistischen Denkmustern.

Wir wissen nicht erst seit der Diskussion um Uber, dass die gerade entstehenden neuen Geschäftsmodelle das Potenzial zur Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft haben. Aktuell ist die Rede von „disruptiven Innovationen“, also sprunghaften Veränderungen, die unsere historisch gewachsenen Branchenstrukturen komplett verändern könnten.

Neue Arbeitszeitinitiative gefragt

Besondere Aufmerksamkeit gehört dabei den Beschäftigungseffekten. So befürchten Experten nach aktuellen Prognosen gar einen „Tsunami auf dem Arbeitsmarkt“. Denn die neue Welle der Digitalisierung wird die Produktivität in vielen Branchen enorm steigern. Das wirft die Frage auf, wofür wir diese Produktivitätspotenziale nutzen und wie wir den sich abzeichnenden gravierenden Wandel der Tätigkeits- und Qualifikationsprofile bewältigen. Eine neue Arbeitszeitinitiative scheint gesellschaftlich dringend geboten.

Wir müssen uns aber auch fragen, wodurch die Digitalisierung eine so tiefgreifende Wirkung auf die Zukunft der Arbeitswelt entfaltet und wie wir im Sinne der Menschen die Entwicklung beeinflussen können. Der Umbruch resultiert nicht primär aus dem gestiegenen Automatisierungspotenzial der Digitalisierung, sondern aus dem Entstehen eines weltweiten Informationsraums. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um einen sozialen Handlungsraum, der Menschen miteinander vernetzt und in Beziehung bringt. Diese Erkenntnis ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Unternehmen des Silicon Valley.

Besonders gravierend sind die Veränderungen im Bereich der Produktions- und Arbeitskonzepte:

Wie wird der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Gibt es in Zukunft überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz im Betrieb oder arbeiten wir, wo immer wir gerade sind: im Zug, im Café oder von zu Hause aus? Viele Unternehmen experimentieren aktuell mit neuen Konzepten und treffen mit den Interessenvertretungen Vereinbarungen zu mobilem Arbeiten. Wie schaffen wir es hier, eine neue Zeitsouveränität zu verankern? Wie verhindern wir, dass eine Unkultur „permanenter Verfügbarkeit“ immer weiter um sich greift?

„System permanenter Bewährung“

Die radikalsten Überlegungen zur Nutzung des Informationsraums entwickelt aktuell die IT-Branche. Die Begriffe „Cloudworking“ und „Crowdsourcing“ stehen dafür. Hier geht es nicht nur um eine neue Strategie des Outsourcings. Viel radikaler ist die dahinter liegende Idee eines Unternehmens der Zukunft, oft umschrieben mit „working in the open“. In dieser Vorstellung bilden das Innen des Unternehmens mit den fest angestellten Beschäftigten und das Außen der Millionen Arbeitskräfte im Informationsraum ein Ganzes. Wenn das Innen und das Außen des Unternehmens gegeneinander ausgespielt werden, entsteht ein ungeheurer Druck auf Beschäftigte und Freelancer gleichermaßen – ein radikales „System permanenter Bewährung“.

Die Gefahr, dass auf diese Weise der vergleichsweise geschützte Rechtsstatus des Arbeitnehmers unterlaufen wird und das gesamte darauf aufbauende Regulations­system der Arbeit inklusive der Sozialversicherungssysteme in bisher nicht bekanntem Maße unter Druck kommen, liegt auf der Hand.

Wir sind davon überzeugt, dass die digitale Gesellschaft nicht ohne die Menschen zu haben sein wird. Der digitale Umbruch in der Arbeitswelt braucht daher das positive Leitbild des „sozialen Handlungsraums“. Das heißt, wir müssen die neuen Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen nutzen, um aus dem Produktivkraftpotenzial der Digitalisierung ein Mehr an gesellschaftlicher Wohlfahrt zu gewinnen.

Das alles wird nicht im Selbstlauf geschehen. Dazu braucht es starke Allianzen und eine beherzte Einflussnahme. Hierin liegt zugleich die große Verantwortung und die große Chance für Politik und Gewerkschaften in Deutschland.

Arbeit 4.0: Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus?

weiterführender Artikel

Kommentare

Welches Bedürfnis soll gedeckt werden und von wem?

Vielen Dank für den Artikel, der mir in Bezug auf die Verwendung des Begriffes Tsunami aber noch verschlossen bleibt.

Ein Tsunami ist eine Welle, die sich durch flacher werdendes Gewässer immer weiter aufbaut, weit ins Landesinnere läuft und auf dem Rückweg mitnimmt, was den Kräften des Wasserdrucks und der Fließgeschwindigkeit nicht standhält. Ein Tsunami steht dabei für große Zerstörung und in keinster Weise für einen gewollten Vorgang, um einen Neuanfang zu starten. Bei der Verwendeten Kombination mit Arbeitsmarkt würde das heißen, dass danach nichts mehr steht und es Jahre braucht, um zur alten Blüte unseres Sozialsystems zu gelangen.

Ich kann natürlich mitgehen, dass das soziale Firmengefüge durch die Digitalisierung und Vernetzung aufgeweicht wird, dass das Thema Arbeitsplatz und für wen arbeite ich gerade dynamischer wird, aber auf der anderen Seite auch der Grad an Veränderung systemischen Regeln folgen wird. So wird das System selber dafür sorgen, dass der Grad an Veränderung geglättet und eingebremst wird. Wäre es nicht so, und würde bedenkenlos alle Energie in das Thema Industrie 4.0 gesteckt, bräuchte es auch nicht so viele Initiativen, das sinnvolle Thema zu beschleunigen. So glaube ich nicht an den von Ihnen hinterfragten Tsunami.

Betrachtet man das Thema Industrie 4.0 oder seinen Wandel als ein Produkt, so wird das Produkt seinen Markt finden und der Markt das Produkt, wenn die Bedürfnisse des Marktes gedeckt werden.

Welche Bedürfnisse des Mitarbeiters, des Geschäftsführers, des Kunden und der sozialen Systeme soll gedeckt werden? Wie sollen die unterschiedlichen Bedürfnisse und Werte miteinander synchronisiert werden und wo liegt am Ende der gemeinsame Nenner?

Mit freundlichen Grüßen
Olav Birlem