Gas, Öl, Kohle

Wie Deutschland unabhängiger von russischem Öl und Gas werden kann

Kai Doering17. März 2022
Um unabhängiger von russischen Energieimporten zu werden, muss Deutschland die Energiewende beschleunigen, sagen Expert*innen aus Wissenschaft und Politik.
Um unabhängiger von russischen Energieimporten zu werden, muss Deutschland die Energiewende beschleunigen, sagen Expert*innen aus Wissenschaft und Politik.
Der Krieg in der Ukraine treibt nicht nur die Energiepreise nach oben. Er macht auch deutlich, wie abhängig Deutschland von Energieimporten aus Russland ist. Wie lässt sich das ändern?

Seit der russische Präsident Wladimir Putin vor drei Wochen den Überfall auf die Ukraine befahl, tobt in Deutschland auch eine Debatte darüber, wie sich die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen verringern lässt – am liebsten schnell. 55 Prozent seines Erdgases bezog die Bundesrepublik 2020 aus Russland. Bei der Steinkohle waren es 45 Prozent und beim Rohöl 34 Prozent.

„Die Abhängigkeit ist zu groß. Das war vielen Entscheidungsträgern auch schon vor dem Überfall auf die Ukraine bewusst“, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Es habe allerdings bis zum Beginn des Krieges keinen Druck gegeben, diese zu reduzieren. Zumal die Importe aus Russland zuverlässig und verhältnismäßig günstig zu haben gewesen seien. Warum also etwas ändern? „Resilienz ist teurer als der Status Quo“, so Grimm.

Was, wenn Putin den Gashahn zudreht?

Mit Kriegsbeginn ist die Lage allerdings eine völlig andere. Zwar exportiert Russland nach wie vor tagtäglich zuverlässig Gas, Öl und Kohle, doch zum einen wird die Kritik lauter, dass Deutschland so indirekt Putins Krieg finanziere, zum anderen besteht die Sorge, was ist, wenn der russische Präsident den Gashahn zudreht. „Für die deutsche Energieversorgung wäre ein Importstopp für russische Energie überhaupt nicht trivial“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Matthias Miersch. Sie würde Wirtschaft und Industrie mindestens ebenso hart treffen wie Verbraucherinnen und Verbraucher, hätte also „extreme Verwerfungen für die Wirtschaft und ganz sicher auch steigende Arbeitslosenzahlen zur Folge“, so Miersch.

Was also tun? „Es kann passieren, dass wir kurzfristig bei der Stromerzeugung mehr Kohle werden verfeuern müssen, um Gas zu ersetzen“, meint Ökonomin Grimm. Bei der Wärmeerzeugung sei ein Ersatz dagegen schwieriger. Der Vorteil der Kohle: Sie könnte relativ problemlos per Schiff aus anderen Regionen der Erde nach Deutschland geholt werden, was beim Gas nicht ohne weiteres möglich wäre. „Wir werden länger auf die Kohle setzen müssen“, ist deshalb auch Olaf Lies überzeugt. Der niedersächsische Umweltminister ist in diesem Jahr auch Vorsitzender der Bundesenergieministerkonferenz. Auch er schlägt vor, Kohle international zu kaufen und in Deutschland Vorräte anzulegen. Das bei der Verbrennung zusätzlich entstehende CO2 will Lies durch den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien ausgleichen.

Die Energiewende beschleunigen

Was aber tun beim Gas? Gerade beim Heizen gibt es kaum Ersatzmöglichkeiten. Bundeskanzler Olaf Scholz will deshalb möglichst schnell zwei Terminals für Flüssiggas (LNG) in Deutschland bauen lassen. Als Standorte im Gespräch sind Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade. Hier könnten entsprechende Tankschiffe aus Katar oder den USA mit ihrer Ladung anlanden und sie deutschlandweit verteilen. „Wir brauchen den LNG-Import“, sagt Umweltminister Lies. Die bereits vorhandenen Kapazitäten könnten auch noch besser ausgelastet werden.

Doch auch das Ausweichen auf neue Lieferanten kann nur eine kurzfristige Lösung sein. Da sind sich Expert*innen wie Politiker*innen einig. „Mittelfristig machen wir uns unabhängiger vom Gas, wenn wie die Energiewende schneller vorantreiben“, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien bedeute das auch den massiven Import von Wasserstoff und den schnellen Aufbau der notwendigen Infrastruktur.

„Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist überragend für das öffentliche Interesse, nicht nur, um das Klima zu schützen, sondern um eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten“, sagt SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. Auch das habe der Krieg in der Ukraine gezeigt. „Wir brauchen einen klaren Vorrang zu Gunsten der Erneuerbaren Energien“, fordert Miersch deshalb. Das könne im Zweifel auch bedeuten, Einspruchsmöglichkeiten gegen geplante Windkraft- oder Solaranlage deutlich zu beschneiden. „Klimaschutz, Versorgungssicherheit, aber auch Bezahlbarkeit von Energie und letztlich sozialer Zusammenhalt“, müssten zusammengesehen werden.

Keine neuen Abhängigkeiten schaffen

Auch Forscher*innen der Deutschen Akademie „Leopoldina“ empfehlen mittelfristig die Ausweitung von Flüssiggas-Importen. Langfristig setzen sie auf den massiven Ausbau der Wind- und Sonnenkraft. Die Erneuerbaren müssten um mindestens 40 Prozent gegenüber der bereits heute installierten Leistung ausgebaut werden, schrieben sie Anfang März in einer Studie. Wichtig sei dabei auch eine enge Abstimmung mit den anderen Staaten der EU. Richtig angepackt könne das die ohnehin geplante Energiewende deutlich beschleunigen.

Auch Ökonomin Veronika Grimm betont die Chancen, die in der schwierigen Situation lägen. „Der Krieg in Europa ist ein unendlich schmerzhafter Weckruf“, sagt sie. „Wir müssen uns nun im Schnelldurchlauf an die Realitäten einer machtbasierten Weltordnung anpassen, in der wir schon eine Weile leben.“ Im Energiesektor, aber auch in der Industrie werde sich die Transformation nun massiv beschleunigen, sagt Grimm voraus. „Wir müssen dabei besonders darauf achten, dass wir nicht unbeabsichtigt in neue Abhängigkeiten geraten.“

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Kommentare

ja, ja die erneuerbaren sollen es richten,

gleichzeitig verabschieden wir uns aus diversen anderen Technologien, meist aus ideologischen Gründen, denn denn nun mehr Kohle verfeuert wird, muss doch zwangsläufig die Frage beantwortet werden, warum die Diesel Technologie nicht ihrerseits eine neue Beurteilung erfährt. Wir verbrennen mehr Kohle, um Strom zu erzeugen, mit dem wir dann Fahrzeuge mobilisieren- die Effizienz dieser Methode ist angesichts unzureichender Infrastruktur außerordentlich gering. Über den betrieb der AKW habe ich mich wiederholt geäußert, da ist es iW auch nur die Ideologie, die uns zwingt, auf Kohleverstromung auszuweichen.
Wir sind energiepolitisch "auf dem Holzweg", und je eher wir umkehren, desto geringer ist der Schaden, den wir insgesamt nehmen. Einen falschen Weg einschlagen, das kann und darf passieren. Aber unbeirrt weiterzulaufen, nachdem man erkannt hat, dass die Richtung nicht stimmt, das ist das eigentliche Problem. das darf nicht sein. Und die Parole- jetzt erst recht- löst das Problem nicht , sondern verstärkt es nur, denn die einseitig hochgepuschte nachfrage treibt lediglich die Preise in die Höhe, schafft also mit mehr Geld nicht mehr sondern weniger Angebot

Realitätsverweigerung

Das umweltschädlichste und teuerste Gas ist ebensowenig eine Lösung wie die hirnlos übereilte Abwendung von den bösen russischen Importen. Der böse (damals noch Sowjet)Russe hat nicht nur beim ersten kalten Krieg Zuverlässigkeit bewiesen, es stellt sich auch die Frage warum "wir" wirtschaftlichen Selbstmord per Sanktionsirrsinn begehen sollen während der "Wertepartner" USA ohne jede Sanktioniererei russischen Rohstoffen einen Abnahmemarkt garantiert. Also bitte nicht schon wieder hirnlose Panikmache sondern ausnahmsweise und erstmalig ein auch technisch umsetzbares und realistisches Versorgungskonzept.