Filmtipp

„Deportation Class“: Die Schicksale hinter den Abschiebungen

Nils Michaelis02. Juni 2017
Für den Albaner Gizem bricht eine Welt zusammen.
Für den Albaner Gizem bricht eine Welt zusammen.
Ist etwas, was rechtens ist, auch gerecht? Wenn es um das Thema Abschiebung geht, wird diese Frage besonders leidenschaftlich diskutiert. Der Dokumentarfilm „Deportation Class“ begleitete zwei Familien bei der Zwangsmaßnahme und bringt erschütternde Situationen ans Licht.

Als diese Woche ein Berufsschüler von Nürnberg nach Afghanistan abgeschoben werden sollte, lieferten sich die Mitschüler des abgelehnten Asylbewerbers Rangeleien mit der Polizei, überregionale Medien berichteten. Am Ende brachen die Beamten den Einsatz ab. Doch auch im Verborgenen spielen sich immer wieder dramatische Szenen ab, wenn Menschen zwangsweise in ihr Herkunftsland zurückgeführt werden.

Zuführkommando in ein „sicheres Herkunftsland“

Als mitten in der Nacht irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern die Polizei vor der Tür steht, bricht für Gezim die Welt zusammen. Das martialisch betitelte „Zuführkommando“ teilt ihm und seiner Familie mit, dass sie an diesem Morgen nach Albanien abgeschoben werden. Weil die Tochter auf Klassenreise ist, wird die Familie getrennt. Wenig später schaut Gezim leeren Blickes durchs Busfenster nach draußen.

Um Korruption und Misswirtschaft zu entfliehen und den Kindern eine sichere Zukunft zu bieten, hatten sie sich gemeinsam vom Balkan aus nach Deutschland aufgemacht, wo sie sich Ordnung und Rechtsstaatlichkeit erhofften. Nun muss die Familie miterleben, wie der Staat die Rechtsstaatlichkeit zu ihrem Nachteil durchsetzt. Schließlich gilt Albanien offiziell als sicheres Herkunftsland. Zur gleichen Zeit reißen Polizei und Ordnungsamt auch in anderen Städten im Nordosten Menschen aus dem Schlaf. Elidor hatte sich mit Bruder, Mutter und Schwester nach Stralsund durchgeschlagen. Zuhause droht den beiden jungen Männern Blutrache. Dennoch sitzen sie am Ende im Charterflieger nach Tirana.

Schicksale hinter den Abschiebungen

Mit Schicksalen im Zusammenhang mit Abschiebung sind die Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler bestens vertraut. Vor fünf Jahren lief ihre mehrfach ausgezeichnete Dokumentation „Wadim“ im Kino. Darin geht es um einen Flüchtlingsjungen, der aus seiner vertrauten Umgebung in der Bundesrepublik herausgerissen wird und zurück nach Lettland geschickt wird. Am Ende nimmt er sich das Leben. Ein Schock auch für Rau und Wendler, die beschlossen, sich nie wieder als Regisseure und Autoren mit diesem Thema zu befassen, wohl aber als Produzenten. Anfang 2016 bot sich ihnen  die Gelegenheit, eine sogenannte Sammelabschiebung von rund 200 Albanern mit der Kamera zu begleiten.

Ursprünglich für eine im vergangenen Jahr ausgestrahlte Fernsehdokumentation vorgesehen, wurde das Material später für einen Kinofilm erweitert. Dass die Aufnahmen überhaupt möglich wurden, ist ein kleines Wunder, schließlich waren alles andere als schöne Bilder zu erwarten. Böse Zungen behaupten, der CDU-Innenminister Lorenz Caffier wollte sich im heraufziehenden Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern als Law-and-order-Mann profilieren. Sein Gebaren vor der Kamera fällt allerdings in die Kategorie „unfreiwillig komisch“.

Deutlicher Kommentar

Gezeigt werden wohl noch nie gesehene Szenen, die oftmals schwer zu ertragen sind. Muss man einen übernächtigten und verängstigten Familienvater in Unterwäsche zeigen, der sich mühsam mit Polizisten und Ordnungsamtsmitarbeitern über die weiteren Schritte der erzwungenen Heimreise verständigt? Dennoch werden die Migranten keinesfalls als passiv oder hilflos ausgestellt. Das Team begleitete sie auch bei ihrem Neustart in Albanien, wo sie ihre aktuelle Situation und die Umstände der Abschiebung reflektieren. In ausführlichen Gesprächssequenzen berichten sie von ihren Ängsten und Sehnsüchten. So ist „Deportation Class“ nicht nur eine Reportage über staatlichen Zwang, sondern gibt ein umfassendes und anschauliches Bild von Schicksalen hinter bloßen Zahlen.

Der Filmtitel geht zurück auf die gleichnamige Kampagne, die das Netzwerk „Kein Mensch ist illegal“ Ende der 90er-Jahre initiierte. Rau und Wendler wollen das nicht als politisches Statement verstanden wissen, sondern als Umschreibung der Menschengruppen, die gegen ihren Willen ins Flugzeug gesetzt werden, aber namenlos bleiben. In der Tat vermeidet die Dokumentation allzu deutliche politische Nuancierungen oder dramatisierende Elemente, vielmehr ist die eindringliche Wirkung einer ebenso präzisen wie sachlichen Erzählperspektive zu verdanken, die auch die Sichtweise derjenigen berücksichtigt, die die Abschiebung umsetzen. Die existenziellen Nöte der Zuwanderer sind ohnehin jederzeit greifbar. Und wenn am Ende ein Familie heimatlos auf der Straße sitzt, ist dieses Bild Kommentar genug.

Info: „Deportation Class“ (Deutschland 2016), ein Film von Carsten Rau und Hauke Wendler, 85 Minuten. Jetzt im Kino

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