Filmtipp

„Death By Design“: Leiden für den Smartphone-Wahn

Nils Michaelis10. August 2018
Chinesische Arbeiterinnen in einer IT-Fabrik
Schuften für Apple und Co.: Viele chinesische Arbeiterinnen sind großen Gesundheitsgefahren ausgesetzt.
Mensch und Natur zahlen den Preis für die stete Flut an neuen Produkten: Der Dokumentarfilm „Death By Design“ beleuchtet die mörderische Seite der globalisierten IT-Industrie und wirbt für Alternativen.

Ein Bach irgendwo in China: Eigentlich ist es gar kein Bach. Eine milchig-trübe Brühe fließt träge zwischen den Feldern. Die Abwässer einer nahegelegenen IT-Schmiede verseuchen nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch einen größeren See. Der Umweltschützer Ma Jun, der das Kamerateam zu dieser Kloake geführt hat, ist ebenso fassungslos wie entschlossen: Der Gründer des Institute of Public and Environmental Affaires/China hat es sich zur Aufgabe gemacht, derlei Vorfälle, die auch gegen chinesische Gesetze verstoßen, öffentlich zu machen.

Später sehen wir, wie Ma Jun für sein durchaus riskantes Engagement in den USA ausgezeichnet wird. Also in jenem Land, wo der Digital-Boom vor gut vierzig Jahren begann. In diesen vier Jahrzehnten wurden nicht nur viele Produkte von kalkuliert kurzer Lebensdauer, sondern auch eine Reihe von Lebenslügen produziert. Zum Beispiel, dass Smartphones und Computer „politisch korrekte“, „saubere“, wenn nicht gar „grüne“ Produkte sind. Wen kümmert es schon, dass sie hochgiftige Stoffe wie Blei und allerlei Säuren enthalten und dass selbst kleine Geräte irrsinnig hohe Mengen seltener Elemente verschlingen?

Persönliche Tragödien

In „Death By Design“ räumt die renommierte US-Dokumentarfilmerin Sue Williams mit diesen Lügen auf. Manche Aspekte – etwa die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in chinesischen Betrieben und die grassierende Umweltzerstörung im Reich der Mitte – sind nicht wirklich neu. Williams verdichtet ihr Material aus mehreren Jahrzehnten allerdings zu einer bedrückenden Global-Geschichte, die im Grunde jeden betrifft und die bislang eine Unzahl von persönlichen Tragödien hervorgebracht hat, sei es in China oder in den USA.

Denn das, was sich heute in chinesischen Fertigungsstätten abspielt, nahm seinen Anfang in den Vereinigten Staaten. Bis Anfang der 90er-Jahre produzierten IBM, Intel, Hewlett Packard und andere Marktführer in Kalifornien und anderen Bundesstaaten. Damals machten erste Berichte über auffallend viele Krebsfälle in und außerhalb der Fabriken, insbesondere nach technischen Pannen, die Runde. Arbeiterinnen brachten missgebildete Kinder zur Welt. Betroffene klagten. „Death By Design“ („Tod durch Design“ oder „Tod nach Plan“) führt dafür vielerlei Einzelschicksale an. Viele Konzerne atmeten auf, als sich in den Neunzigern die Gelegenheit bot, nicht nur die Produktion, sondern auch die Umweltbelastung nach China auszulagern. So wurde das Riesenreich zum Exportweltmeister, wenn auch um einen hohen Preis: Der Raubbau an Mensch und Natur, so macht Williams immer wieder deutlich, übertrifft alles bisher Dagewesene. Heute gelten 60 Prozent des chinesischen Grundwassers als unbrauchbar. Das hat auch mit einer weiteren Branche zu tun, die ebenfalls jahrelang boomte: das Ausschlachten der ausrangierten elektronischen Geräte, die die konsumfreudigen Abnehmer-Staaten zuvor nach China exportiert hatten. So wie übrigens auch ein Großteil des in Europa anfallenden Plastikmülls.

Jeder kann etwas tun

Die Absicht dieses engagierten, aber keinesfalls belehrenden Dokumentarfilms hat nichts mit Technikfeindlichkeit oder einem Weltuntergangsszenario zu tun. Wohl aber will Williams Alternativen zur Ausbeutung von Menschen, Umwelt und Ressourcen aufzeigen. So lernen wir das Unternehmen ifixit kennen. Dieses gibt seinen weltweiten Kunden Werkzeuge und Anleitungen an die Hand, damit sie ihr altes iPhone alle paar Jahre nicht durch ein neues austauschen, sondern reparieren. Und da wäre noch der irische Anbieter iameco, der versucht, durch alternative Rohstoffe wie Holz die Rechner nicht nur möglichst frei von Giften, sondern auch langlebig zu konzipieren. Damit zeigt Williams, was jeder einzelne gegen den von den Anbietern geschürten Hunger nach immer neuen „Must-haves“ tun kann. Sei es als Unternehmensgründer oder als Konsument.

Unklar ist, warum dieser Film erst drei Jahre nach der Fertigstellung in die Kinos kommt. Fehlte potenziellen Verleihern der Mut, sich kritisch gegenüber der schönen Silicon-Valley-Welt zu positionieren? Dass die von den Interviewpartnern mitunter heftig angegangenen Multis sich gar nicht oder nur in dürren Statements äußern, spricht für sich. Oder mangelte es an finanzieller Unterstützung? Durch die zeitliche Verzögerung ging jedenfalls ein weiterer zu vorsichtigem Optimismus verleitender Fakt verloren: Medienberichten zufolge hat China Anfang dieses Jahres den Import verschiedener Sorten von Recycling-Schrott gestoppt.

Info: „Death By Design – die dunkle Seite der IT-Industrie“ (USA 2015), ein Film von Sue Williams, OmU, 73 Minuten. Jetzt im Kino und on demand auf deathbydesignfilm.com.

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen