Reportage

Dank Palliativ-Pflege die letzten Tage zuhause verbringen

Yvonne Holl28. November 2014
Wir wollen entscheiden, wie wir leben – bis zum Schluss. In den eigenen vier Wänden zu sterben, wünscht sich fast jeder. Manchmal ist es möglich.
Seit 41 Jahren ist das Paar verheiratet, jetzt liegt er im Sterben. Die ambulante Palliativ-Pflege ermöglicht es ihnen, auch die letzten Wochen gemeinsam zuhause zu verbringen. Pfleger und Ärzte kümmern sich um Patient und Angehörige. Ein Blick auf die Versorgung am Lebensende.

Es geschah bei einem Spaziergang Ende September. Plötzlich brach Bruno B. zusammen. Am Arm seiner Frau, mit 66 Jahren. Bereits 2011 war bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert worden, kurz nachdem der Beamte aus Berlin in Pension gegangen war. „Ich hatte mir Sorgen gemacht, wie das würde, wenn er plötzlich den ganzen Tag zuhause ist. Das kannte ich ja gar nicht, weil er immer unterwegs war. Ich habe immer gesagt, ich bin eigentlich alleinerziehend.“ Nüchtern erzählt Katharina B. (63) von ihren Bedenken. Die so schnell so überflüssig wurden. „Weil sich dann alles nur noch um die Krankheit drehte.“

Drei Jahre lebte das Paar mit dem Krebs. Chemotherapie, Bestrahlung: Bruno und Katharina B. machten alles mit. „Wir führten ein fast normales Leben, mit vielen Arztterminen, aber sonst fast normal. Wir sind spazieren gegangen, mein Mann las die Zeitung“, erzählt Frau B. Die Namen sind geändert, das ist ihr wichtig. Weggefährten sollen nicht aus der Zeitung erfahren, was jetzt mit ihrem Mann los ist. Oft weiß er nicht, wo er ist. Fragt, in welchem Hotel sie gerade schlafen. Ein anderes Mal glänzt er mit einer Vokabel, die sonst keiner im Raum parat hat. Seine Tagesform schwankt.

„Wir kümmern uns um alles“

Der Sturz im Herbst dieses Jahres markiert den Umbruch. Von da an war Bruno B. nicht nur krebskrank, sondern pflegebedürftig und bettlägerig. Zunächst war nicht klar, ob er die drei Wochen im Krankenhaus überhaupt überleben würde. Dass er nicht mehr gesund wird, steht fest. „Suchen Sie ein Hospiz aus“, sagte der erste Arzt in der Klinik. „Nehmen Sie ihren Mann doch mit nach Hause“, sagte der Zweite. Und fügte hinzu: „Wir kümmern uns um alles. Und wir entlassen ihren Mann erst, wenn Sie ein Pflegebett zuhause haben, einen Pflegedienst und ärztliche Betreuung: Alles wird da sein.“ Für Katharina B. waren das die entscheidenden Worte: „Die ganze Organisation, das hätte ich nicht geschafft.“ Aber es kam, wie der Arzt gesagt hatte. Bruno B. wurde als SAPV-Patient eingestuft. Das Kürzel steht für „spezialisierte ambulante Palliativversorgung“. Diese soll per Definition der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) „die Lebensqualität und die Selbstbestimmung“ der Patienten soweit wie möglich erhalten, fördern und verbessern und ihnen ein „menschenwürdiges Leben bis zum Tod in ihrer gewohnten Umgebung“ ermöglichen. Allerdings stehen derzeit nur rund fünf Prozent der Patienten palliativmedizinische Maßnahmen zur Verfügung, kritisiert DGP-Präsident Lukas Radbruch.

Lieber im eigenen Bett

Zu den fünf Prozent gehört Bruno B. Er lebt wieder zuhause. In seinem Schlafzimmer steht ein spezielles Pflegebett, höhenverstellbar und breit genug, dass die Pflegekräfte ihn untersuchen, waschen und versorgen können. „Das Pflegebett ist einer der Hauptstreitpunkte mit Patienten und Angehörigen“, erzählt Rikke Voetmann-Groß, Leiterin der Palliativpflege des Berliner Trägers Nachbarschaftsheim Schöneberg. Wer es noch bis ins eigene Bett schafft, möchte oft lieber dort liegen. Die Pflege muss aber – insbesondere zum Schutz der Gesundheit des Personals – im Spezialbett stattfinden. „Wir suchen dann Kompromisse, die sind immer möglich“, sagt Voetmann-Groß. Im Fall einer jungen Frau steht das Krankenbett nun im Wohnzimmer und ist ihr Aufenthaltsort am Tag. „Abends trägt ihr Mann sie ins Ehebett“, erzählt die Leiterin der Palliativpflege. Wer einmal im Krankenhaus war, weiß, dass spezielle Patientenwünsche dort oft nicht erfüllt werden können, die Routine bestimmt den Ablauf und gewährleistet die Versorgung. In der Palliativambulanz zählen die Wünsche von Patienten und Angehörigen mehr. Es ist ein ganz anderer Takt, alle haben mehr Zeit.

Claudia Finke arbeitet seit 14 Jahren in der ambulanten Palliativpflege. Voetmann-Groß ist ihre Chefin. Früher war die ausgebildete Krankenschwester Finke auf der Intensivstation einer Klinik tätig. Der Umgang mit dem Tod hat sie dort oft gegruselt: „Ich musste eine 80-Jährige reanimieren. Das fand ich pietätlos“. Und es stand im Widerspruch zu ihren Erfahrungen als Kind, das auf einem Bauernhof aufwuchs, die Großmutter im Familienkreis sterben sah und dabei war, als diese aufgebahrt im Wohnzimmer


Heute versteht sich Finke (rechts im Bild) als Fürsprecherin der Patienten. Die auch mal schützend eingreift, wenn verzweifelte Angehörige unbedingt wollen, dass ein Todkranker „ordentlich isst, damit er wieder zu Kräften kommt“. Manchmal sagt sie dann: „Mit einem Schinkenbrot können Sie den Lauf der Welt auch nicht aufhalten.“

„Ich habe die Situation im Griff“

Bei Familie B. ist inzwischen so etwas wie Alltag eingekehrt: Jeden Morgen kommt zuerst eine Krankenschwester des Pflegedienstes und beurteilt den Gesundheitszustand. Wenn nötig, würde sie die behandelnde Ärztin anrufen. Diese arbeitet für den Träger Home Care Berlin, der speziell die ärztliche Versorgung in der Palliativpflege anbietet. Inklusive 24-Stunden-Rufbereitschaft. Die Ärztin hat nicht nur das Pflegepersonal, sondern auch Frau B. eingewiesen in die Vergabe von lindernden Medikamenten. Etwas gegen Unruhe und leichtere Schmerzmittel. „Es ist alles organisiert. Und ich habe das Gefühl, die Situation im Griff zu haben.“ Als ihr Mann noch im Krankenhaus lag, kam B. manchmal ins Zimmer und es standen neue Arzneifläschchen auf dem Tisch, einmal hatte ihr Mann ein Morphiumpflaster am Hals. Sie musste erst nachfragen, was passiert war. Zuhause läuft das anders. „Hier bin ich immer da und weiß Bescheid.“ Das gibt Frau B. Sicherheit. Und sie ist daheim, kann mit einer Freundin telefonieren, auch eigenen Aufgaben nachgehen. „Das war auch ein Grund für mich, meinen Mann zu holen: Sonst würde ich doch jetzt den ganzen Tag im Hospiz sitzen – jeden Tag. Hier haben wir wenigstens noch so etwas wie Alltag.“

Letzter Liebesdienst

Nach der Krankenschwester kommt die Pflegerin für die Morgentoilette. Herr B. wird gewaschen und versorgt. Jeden Tag von derselben Frau. Manchmal hört Frau B. dann Gesang aus dem Krankenzimmer. „Die Pfleger sind unglaublich liebevoll, sie haben auch Zeit.“
Wie oft sie kommen, vereinbart die Familie in Absprache mit Ärztin und Pflegern. Es handelt sich um examinierte Pflegefachkräfte, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. Diese dauert 160 Stunden und behandelt Krankheitsbilder ebenso wie ethische Fragen. Die Pfleger sind ausgebildet, etwa Infusionen zu verabreichen, künstliche Nahrung und auch Gaben nach dem Betäubungsmittelgesetz zu verabreichen, wie z.B. Morphin. Vor allem aber unterstützen sie den Patienten darin, seine letzten Tage so zu verbringen, wie es ihm gut tut. „Bei uns gibt der Patient den Weg vor. Er ist nicht Gast wie im Krankenhaus oder Hospiz, sondern bei sich zu Hause, das gibt ihm das Gefühl von Autonomie“, beschreibt Rikke Voetmann-Groß. 41 Jahre sind Frau und Herr B. schon verheiratet. Das ambulante Angebot ermöglicht es ihnen, auch die letzten Wochen gemeinsam zu verbringen. „Das ist mein letzter Liebesdienst“, sagt die Ehefrau.

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Kommentare

Sterbebegleitung

Dank für den realistischen Artikel, aber es fehlen einige Aspekte. Es fehlt mir die Nennng von ehrenamtlich Begleitenden, die gerade im ambulanten Bereich eine große Hilfe sind. Sie sind Gesprächspartner für Patienten, aber auch Entlastung für die Angehörigen. Zum Zweiten fehlt mir die gesellschaftliche Verantwortung in dem Bereich. Erst wenn wir das Sterben und den Tod aus der Tabuecke bekommen, erst wenn wir mehr Menschen zum ehrenamtlichen Engagement bewegen können, vielleicht erst dann kann eine informierte und sensibilisierte Gesellschaft, einschließlich politischer Vertreter, grundlegend das Thema Sterbehlife angehen.