Willy Brandts Reformengagement für die Gleichstellung

Damit die Schnecke Fortschritt das Kriechen nicht verlernt

Inge Wettig-Danielmeier23. Dezember 2013

Zu seinem 100. Geburtstag wurde Willy Brandt vor allem für seine Politik der Versöhnung mit dem Osten gewürdigt, zu Recht! Aber er war auch Kanzler der Reformen im Innern und engagierte sich für die Gleichstellung der Geschlechter.

Die Adenauer/Erhard-Republik war erstarrt. Die Gesellschaft wollte liberaler werden. Die SPD setzte in der Großen Koalition von 1966-69 erste Korrekturen durch: die Strafrechtsreform, das Nichtehelichenrecht, die Gemeinschaftsaufgaben.

Brandt beruft drei Frauen in sein Kabinett

1969 ruft Brandt in der Sozialliberalen Koalition auf, mehr Demokratie zu wagen. „Wir sind nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an!“ Er will der Kanzler der guten Nachbarn nach außen und im Innern sein, dazu gehören grundlegende Reformen in der Wirtschaft, im Arbeitsleben, in der Bildung und Ausbildung und in der Stellung und Gleichberechtigung der Frauen. Ein erstes Signal setzt Willy Brandt 1969 mit der Berufung von drei Frauen in sein Kabinett: Käte Strobel als Bundesministerin, Katharina Focke und Brigitte Freyh als Parlamentarische Staatssekretärinnen.

„Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen“, dieser Wahlkampfslogan formulierte 1972 die Kampflage. Und 1972 ereignete sich fast eine Sensation: Annemarie Renger wird Bundestagspräsidentin, damit erhielt zum ersten Mal in der deutschen Verfassungsgeschichte eine Frau ein hohes Staatsamt. Gleichzeitig werden eine Reihe von Gesetzesvorhaben zum Familienrecht und zum Arbeitsrecht entwickelt, die zum Teil erst unter Brandts Nachfolger umgesetzt werden können, wie das Recht beider Ehepartner auf Berufstätigkeit, Gleichbehandlung am Arbeitsplatz, etc.

Recht auf Berufstätigkeit, Gleichbehandlung am Arbeitsplatz

Nach seinem Rücktritt als Kanzler verlagert Willy Brandt sein Reformengagement für die Gleichstellung von Frau und Mann auf die Gleichstellung in der SPD. 1977 beginnt eine Gleichstellungskommission bestehend aus Mitgliedern des Parteivorstandes und der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen unter dem Vorsitz von Willy Brandt ihre umfassende Arbeit. Zur Europawahl 1979 machte Brandt seine Spitzenkandidatur davon abhängig, dass mindestens 25% Frauen sichere Listenplätze bekommen, und setzt sich durch.

Nach immer neuen, mit unendlicher Geduld von Willy Brandt vorgetragenen Überzeugungsversuchen der Spitzenfunktionäre, wird schließlich 1986 in Nürnberg die satzungsmäßige Quotierung mit dem Ziel der vollständigen Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der SPD beschlossen. Die Details werden dann 1988 in die Satzung eingefügt.

Gleichstellung von Mann und Frau

Zeitgleich beginnt Anfang der 1980er Jahre die neue Programmarbeit, mit dem Ziel die Gleichstellung von Mann und Frau umfassend programmatisch aufzuarbeiten. Das neue Programm sollte die Entwicklung seit dem Godesberger Programm aufarbeiten. Willy Brandt führte den Vorsitz, Hermann Rappe und ich waren seine Stellvertreter, später kam Erhard Eppler hinzu. Das Programm wurde 1989 angenommen. 

Auch nach seinem Rücktritt als Vorsitzender hat Willy Brandt immer wieder die Frauenfrage aufgeworfen und Gleichstellungsbemühungen unterstützt.

Ein Treppenwitz der Geschichte war, dass ausgerechnet die Vereinigung der beiden deutschen Staaten die Verwirklichung des Programms zur Gleichstellung zunächst behinderte. Die Vorstellung, dass zur Gleichstellung nicht nur die Frauen, sondern vor allem die Männer beitragen müssen, auch sie ihr Leben ändern müssen, war in den „neuen Ländern“ schwer zu vermitteln.

Heute kann die SPD, die seit 150 Jahren für mehr Rechte für Frauen eintritt, sagen: Willy Brandt hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass auch in der Gleichstellung der Geschlechter die „Schnecke Fortschritt das Kriechen nicht verlernte“. (Willy Brandt in seinem Abschiedsbrief an mich)

 

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