Erinnerungskultur

Dachau: Martin Schulz ehrt sozialdemokratische Opfer der NS-Diktatur

Paul Starzmann21. Juli 2017
Martin Schulz in Dachau
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Seine Partei sei schon immer ein „Bollwerk“ gegen den Faschismus, sagt der Sozialdemokrat.
Bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau sagt SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz, das Schicksal der NS-Opfer müsse allen Deutschen eine Mahnung sein – vor allem in Zeiten des Rechtspopulismus.

Die Sonne strahlt über dem Münchner Umland, kaum eine Wolke trübt das Bild, nur in der Ferne schreiben Flugzeuge weiße Streifen in den Himmel. Die Dachauer Römerstraße ist an diesem heißen Sommertag fast ein idyllischer Ort. Eine leichte Brise wiegt die Bäume im Wind, ein paar Touristen warten auf den Bus. Seltsam ruhig sind sie, ungewöhnlich schweigsam für entspannte Urlauber in Sonnenhüten und Sandalen.

KZ Dachau: „Mörderschule der SS“

Der Grund, warum den Menschen heute nicht zum Lachen zu Mute ist: Sie haben gerade die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht, das erste von den Nationalsozialisten errichtete Konzentrationslager vor den Toren Münchens. Rund 200.000 Menschen haben die Nazis hier zwischen 1933 und 1945 inhaftiert. Sie wurden gefoltert, ausgehungert, misshandelt. Dachau, sagt Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, war die „Mörderschule der SS“. Über 40.000 Menschen wurden hier getötet – darunter unzählige Sozialdemokraten.

Aus diesem Grund nimmt sich SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz an diesem Freitag eine kurze Auszeit vom Wahlkampf. Er will der Sozialdemokraten gedenken, die hier für ihre Überzeugungen hinter Gitter gebracht wurden – und oft genug nie mehr herauskamen aus dieser Hölle auf Erden. In Erinnerung an ihr Schicksal hat der SPD-Parteivorstand in dem ehemaligen Konzentrationslager eine Gedenktafel anbringen lassen, die Martin Schulz an diesem Nachmittag enthüllt.

„Hättest du diese Kraft aufgebracht?“

Dass der SPD-Kanzlerkandidat heute hier ist und eine Reihe hochrangiger Genossen wie Natascha Kohnen, Chefin der bayerischen Sozialdemokraten, oder die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann mitgebracht hat, freut Karl Freller. „Es ist wirklich schön, dass hier die Demokraten zusammenhalten“, sagt er als Schulz durch das weltberühmte Tor des ehemaligen Konzentrationslagers tritt, auf dem der zynische Nazi-Spruch „Arbeit macht frei“ steht.

Schulz’ Begleiter und die mitgereisten Journalisten erleben einen nachdenklichen SPD-Vorsitzenden. „Das ist für die SPD heute ein wichtiger Tag“, sagt er. „Das ist nicht irgendein Ereignis.“ Was Schulz in Dachau sieht, geht ihm sichtlich nahe. Kein Wunder: Einer seiner Vorgänger im Amt des Parteivorsitzenden, der Sozialdemokrat Kurt Schumacher, war hier von den Nazis 1935 eingesperrt und schwer misshandelt worden. Wie er wohl reagiert hätte, wäre er damals in Schumachers Position gewesen, fragt sich Schulz. Wäre er bereit gewesen, sein eigenes Leben und das seiner Familie zu riskieren im Kampf gegen das NS-Regime? „Hättest du diese Kraft aufgebracht?“ fragt er sich.

Rassismus: Vom NSU bis zur AfD

Der SPD-Vorsitzende bezeugt seinen Respekt für alle, die im Dritten Reich Widerstand gegen die Nazis geleistet haben – und dafür nicht selten im KZ gelandet sind. „Diese Leute sind in meinen Augen die größten Helden der deutschen Geschichte“, sagt er. Aber auch die amerikanischen, französischen und sowjetischen Soldaten, die Deutschland 1945 vom Nazi-Terror befreit haben, dürften nicht vergessen werden. „Für die nächste Generation wird das Grauen in Dachau so weit weg sein wie für uns die Völkerschlacht von Leipzig.“ Umso wichtiger sei deshalb, die Gedenkstättenpolitik hochzuhalten. „Das sind wir diesen Menschen schuldig“, sagt Schulz über die Widerstandskämpfer im Dritten Reich.

In Zeiten, in denen sich „in unserem Lande die Fratze des Rassismus, der Menschenverachtung, des Terrors“ wieder zeige, müsse entschieden gegengehalten werden. Schulz nennt die rechtspopulistische AfD nicht beim Namen, doch allen ist klar, gegen wen er sich richtet. „Das ist nicht der NSU-Mob alleine, der gezielt Menschen wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer Nationalität, wegen ihrer Religion ermordet hat,“ sagt Schulz „Nein, wir haben auch Parteien in Landtagen und möglicherweise auch bald im Deutschen Bundestag, die von einer 180-Gradwende in der Erinnerungskultur unseres Landes reden.“ Gemeint sind die Positionen des Thüringer AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der sich eine Abkehr vom öffentlichen Gedenken an die Nazi-Opfer wünscht.

„Bollwerk“ gegen Faschismus: Erinnerungskultur im Koalitionsvertrag

Eine Geschichtsklitterung wie sie Teilen der AfD vorschwebt wird es mit Martin Schulz natürlich nicht geben. Im Gegenteil: Er will in Zukunft die Gedenk- und Bildungsorte in Deutschland weiter ausbauen. Einen Koalitionsvertrag, in dem dies nicht verankert sei, werde er nicht unterschreiben, verspricht der SPD-Kanzlerkandidat – und schiebt hinterher: „Und der nächste Koalitionsvertrag wird von mir geschrieben.“

Schulz sagt, seine Partei sei schon immer ein „Bollwerk“ gegen den Faschismus gewesen und werde dies auch bleiben. Dass die Sozialdemokratie damit seit jeher den Hass der Rechten auf sich zieht, stört den SPD-Chef nicht. Es ist ihm eher ein Ansporn. Schulz zeigt sich kämpferisch: „Wenn wir deren Hauptgegner sind, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“

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