Christopher Street Day 2017

CSD-Aktivist Ralph Ehrlich: „Diskriminierung ist ein ureigenes Gefühl“

Vera Rosigkeit19. Juli 2017
Wagen der Berliner Aids Hilfe auf dem Christopher Street Day 2016 in Berlin  2016.
Wagen der Berliner Aids Hilfe e.V. auf der Christopher Street Day Parade 2016 in Berlin.
Viele Jahre war die „Ehe für alle“ eine Hauptforderung am Christopher Street Day. Nun ist ein Vakuum entstanden, sagt CSD-Aktivist Ralph Ehrlich. Doch Diskriminierung bleibt, noch ist viel zu tun. Und dabei spielen auch Gewerkschaften eine Rolle.

Herr Ehrlich, Sie begleiten den Christopher Street Day nun schon viel Jahre. Wird das dieses Jahr ein besonderes Fest, nachdem die „Ehe für alle“ erfolgreich erkämpft wurde?

Ja. Es wird ein besonderer CSD in diesem Jahr, weil uns dieses Thema sehr lange beschäftigt hat und endlich abgearbeitet ist. Natürlich werden wir feiern. Aber es ist auch ein Vakuum entstanden durch den doch recht schnellen Entschluss,  die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare einzuführen. Damit fällt eine Hauptforderung der Bewegung weg. Da es aber auch Ziel des CSD ist, politische Forderungen zu stellen, stehen wir nun vor der Frage: Wie sieht die politische Forderung für die Zukunft aus.

Das heißt, dem CSD gehen die Themen aus?

Nein, Themen gibt es immer. Die Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt” (ISV) z.B. überlegt, wie man queere Themen in Schulbüchern darstellen kann. Andere Initiativen wollen beispielsweise beim Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AAG) im Bereich Sexuelle Identität noch etwas ändern. Beides Themen, über die seit vielen Jahren diskutiert wird. Aber das sind jetzt keine großen emotionalen Ziele,  die man auf einer großen Veranstaltung exklusiv herausstellen kann. Da bot sich die „Ehe für alle” als Schlagwort schon besonders gut an.

Ihr kooperiert in diesem Jahr mit der Gewerkschaftsinitiative „Die Gelbe Hand – Mach‘ meinen Kumpel nicht an“, einer Initiative für Gleichbehandlung und gegen Fremdenfeindlichkeit. Wie kam es dazu?

Diskriminierung ist ein ureigenes Gefühl und auch in unsere Community ein Thema. Als Vorstand der Berliner Aids Hilfe weiß ich um die Ausgrenzung von Menschen, die HIV positiv sind. Oft ist das mit doppelter Diskriminierung verbunden. Die Gelbe Hand kenne ich seit langem und finde es wichtig, dass hier kontinuierlich antirassistische Arbeit geleistet wird. Es gibt viele Projekte, die schnell starten und genauso schnell wieder eingehen. Aber diese Initiative lebt von Leuten, die immer vor Ort sind, den Finger in die Wunde legen und auf Missstände aufmerksam machen. So wie wir das auch tun. Wir gehen in die Unternehmen und zu den Jobcentern und machen Aufklärungsarbeit.

„Akzeptanz der sexuellen Vielfalt in Schule, Ausbildung und Beruf!“ Aktion der Initiative „Die Gelbe Hand – Mach' meinen Kumpel nicht an“ in Berlin.

Arbeitet ihr dabei mit den Gewerkschaften zusammen?

Die Gewerkschaften haben das Thema HIV und Aids sehr gut aufgegriffen. Und ich finde es sehr wichtig, über die gewerkschaftlichen Strukturen in die Betriebe zu gehen, um auf Probleme rund um das Thema Aids, aber auch auf andere schwul-lesbische Themen aufmerksam zu machen. Das gehört auch in die Betriebe, denn dort gibt es Leute, die von Mobbing betroffen sind oder denen mit Kündigung gedroht wird. Übrigens bin ich selber Mitglied bei verdi-queer.

In Deutschland wurde viel erreicht. Aber wenn wir uns in Europa umschauen, gibt es in Sachen Gleichstellung und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen doch noch viel zu tun, oder?

Natürlich. Auch da sind wir aktiv. Ich erinnere mich z.B. an die vielen Aktionen vor der türkischen Botschaft in Berlin, weil der CSD in Istanbul die letzten Jahre immer massiv verhindert wurde. Ich war schon zwei Mal in Istanbul dabei und habe richtig Angst bekommen. Wir haben hier in Deutschland einen starken Fokus auf uns. Aber es ist auch wichtig zu schauen, was in den Ländern um uns herum passiert, z.B. in Ungarn, Russland oder Tschetschenien. Deshalb sollten wir unbedingt auch die nach rechts driftende europäische Ordnung stärker in den Blick nehmen. Nicht, dass wir uns in zehn, fünfzehn Jahren auf einmal wundern, dass in einigen Ländern kein CSD mehr stattfindet.

Wenn wir zur Eingangsfrage zurückkehren: Wo sehen Sie neue Herausforderungen?

Es gibt nach wie vor eine Forderung, die zentral ist. Es geht um die Forderung von Akzeptanz und Gleichstellung in allen Lebensbereichen. Ein großer Wunsch, aber gleichzeitig auch eine Utopie, weil ich weiß, das werde ich nie ganz erreichen.

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