Fehlende Aufmerksamkeit

In der Coronakrise ist Gleichstellung wichtiger denn je

Benedikt Dittrich15. April 2020
In der Coronakrise systemrelevant: Kassiererinnen in einem Supermarkt.
In der Coronakrise systemrelevant: Kassiererinnen in einem Supermarkt.
Der Kampf um Gleichstellung droht in der Coronakrise unterzugehen. Doch gerade jetzt ist es wichtiger denn je, sich für gleiche Bezahlung und Lastenverteilung einzusetzen. Der gesellschaftliche Fortschritt ist in Gefahr.

Was passiert nach dem 19. April? Diese Frage stellen sich am heutigen Mittwoch die Bundesregierung und die Ministerpräsident*innen. So viel ist sicher: Nächste Woche wird nicht wieder alles so sein wie vor der Krise. Das Coronavirus ist noch da, es gibt noch keinen Impfstoff und Krankenhäuser können immer noch überlastet werden, sollte die Infektionsrate wieder ansteigen.

Deswegen müssen wir über Gleichstellung reden. Gerade jetzt, wo Begriffe wie Risikogruppen, Infektionsschutz und Kapazitätsgrenzen die Diskussionen beherrschen, ist die Gleichbehandlung von Frau und Mann wichtiger denn je. Denn sie geht unter. Dabei genügt schon eine kurze Überlegung, um das zu erkennen.

Neue Debatte über Arbeit und Betreuung

Selbst wenn in den kommenden Tagen schrittweise Kitas und Schulen wieder ihre Türen für alle Kinder öffnen und vielleicht sogar Gastronomie und Dienstleister*innen wieder Kund*innen empfangen dürfen: Dass von heute auf morgen wieder alle Kinder rund um die Uhr betreut werden können, ist utopisch. Deswegen wird in Familien wieder neu verhandelt werden müssen: Können Eltern auf Dauer beide gleich viel arbeiten, wenn die Kinder weiter zu Hause betreut werden müssen? Kann eine Person trotz Home Office oder gerade wegen Kurzarbeit ein Auge auf die Kinder haben oder muss doch die Arbeitszeit weiter reduziert werden, von Alleinerziehenden ganz zu schweigen?

Wer während einer Videokonferenz den Nachwuchs auf dem Arm hat oder parallel die Kinder auf dem Spielteppich beobachten muss, weiß, wie schwierig es ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen – erst recht, wenn beides in den eigenen vier Wänden stattfindet. Bei einigen Eltern kommt mit der andauernden Kontaktsperre womöglich noch die Betreuung der eigenen Eltern obendrauf.

Diese zusätzlichen Belastungen sollten gleichberechtigt verteilt werden. Denn sonst wird es überwiegend die treffen, die davon schon vorher ungleich stärker betroffen waren: Frauen. So wie die Geburt der eigenen Kinder nachweislich immer noch die berufliche Karriere beeinflusst, könnte die Coronakrise zu einem weiteren Knick führen, der den Gender-Pay-Gap, also den Gehaltsunterschied zwischen Mann und Frau, weiter verstärkt. Denn wer seine Arbeitszeit reduziert oder seinen Job zeitweise aufgibt, setzt in Deutschland immer noch seine Karriere aufs Spiel. Es droht ein Rückschritt nach jahrelangen Debatten zu Lohngleichheit und gleichen Karrierechancen für Mann und Frau.

Nicht das Gehalt allein entscheidet

Deswegen sollte auch jeder Familienvater gut überlegen, ob allein das monatliche Gehalt über die Betreuungsfrage entscheiden sollte. Fachkräfte können es sich vielleicht in Zeiten von Kurzarbeit sogar besser leisten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und später wieder voll einzusteigen. Vielleicht ist der eigene Job trotz Pause sicher. Vielleicht sollte es auch darum gehen, dass die berufstätige Mutter ihren Job in der Krise behalten will. Eine Frage, die sich auch jeder Single stellen sollte, der Kolleginnen oder weibliche Angestellte hat. Auch dort sollten gegenseitige Solidarität Vorrang vor rücksichtslosem Egoismus haben. 

Doch es geht nicht nur um die richtige Diskussion in der Familie oder am Arbeitsplatz. Auch die Politik sollte die Gleichstellung nicht aus dem Blick verlieren. Denn die Krise zeigt auch aus der Vogelperspektive, welche Menschen jetzt buchstäblich den Laden am Laufen halten: Es sind die Kassierer*innen, die Pfleger*innen, und einige andere mehr, die weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, Regale einräumen, kranke Menschen betreuen und viele andere wichtige Aufgaben übernehmen, die sonst nur gering geschätzt und bezahlt werden – und die jetzt sogar besonders gefährdet sind, sich anzustecken, weil in der Pflege der Körperkontakt Teil der Arbeit ist. Gerade in der Pflege und im Einzelhandel ist die Frauenquote überdurchschnittlich hoch. In der Coronakrise sind es genau diese Arbeitnehmer*innen, die dafür sorgen, dass weiterhin Nudeln, Tomaten und Klopapier in den Regalen landen, Oma oder Opa in Würde alt werden können oder andere Verwandte im Krankehaus gesund werden können.

Jetzt ist die beste Zeit, über die Arbeitsbedingungen in diesen Berufen zu diskutieren, denn nie war die Aufmerksamkeit und die Anerkennung für diese Berufe höher.

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