GEW-Vorsitzende Maike Finnern

Corona und Schule: „Die Situation ist extrem angespannt.“

Kai Doering01. Dezember 2021
Schule unter Corona-Bedingungen: Es liegt weiter vieles im Argen sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern.
Schule unter Corona-Bedingungen: Es liegt weiter vieles im Argen sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern.
Wegen der steigenden Corona-Zahlen wird es immer schwieriger, die Schulen offenzuhalten, warnt die GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Eine Impfpflicht für Lehrer*innen lehnt sie dennoch ab. Erfolgreicher sei eine tägliche Testpflicht.

Seit Wochen steigen die Corona-Zahlen. Ganz besonders hoch sind sie an den Schulen. Wie groß ist Ihre Sorge in der aktuellen Situation?

Meine Sorge ist sehr groß. Die Situation in den Schulen treibt mich besonders um, weil ich das Ziel unterstützte, sie – wenn es irgend geht – offenzuhalten, damit Kinder und Jugendliche in Präsenz lernen können. Dasselbe gilt für Kitas, aber auch Hochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Allerdings ist dieses Ziel immer weniger zu halten. Viele Schulen sind schon jetzt geschlossen, besonders in Regionen und Bundesländern mit sehr hohen Inzidenzen wie in Sachsen oder Bayern. Die Situation ist extrem angespannt.

Am Wochenende gab es in Köln ein ausverkauftes Stadion. Zwei Wochen zuvor wurde teilweise eng umschlungen die Karnevalssaison eingeläutet. Wie fühlen Sie sich dabei?

Massenveranstaltungen, ohne Abstand feiernde Menschen, überfüllte Busse und Bahnen auf dem Weg, dafür habe ich kein Verständnis. Das passt nicht, wenn auf der anderen Seite darüber diskutiert wird, Schulen zu schließen.

Wie gehen die Lehrer*innen mit der Situation um?

Das vergangene Schuljahr war das heftigste, das wir jemals erlebt haben. Das gilt für die Schülerinnen und Schüler genauso wie für die Eltern und die Beschäftigten in den Schulen. Die Beschäftigten in den Schulen sind zwar fast alle durchgeimpft, aber da sie priorisiert waren und größtenteils bereits im Frühjahr geimpft wurden, nimmt der Impfschutz jetzt rapide ab. Das heißt, hunderttausende Pädagoginnen und Pädagogen brauchen nun schnell und unbürokratisch eine Booster-Impfung. Die Erwartung der GEW ist deshalb klar: Die Beschäftigten müssen auch jetzt vorrangig geimpft werden, damit Schule auch weiter stattfinden kann. Dafür brauchen wir eine schnelle Aufstockung der Impfkapazitäten. Deshalb war es ein grober Fehler, die Impfzentren zu schließen.

GEW-Vorsitzende Maike Finnern

Für Pflegepersonal soll künftig eine Impfpflicht gelten. Für Lehrer*innen lehnt die GEW sie aber ab. Warum?

Da gibt es verschiedene Gründe. Der entscheidende ist aber, dass wir unter den Beschäftigten an den Schulen bereits eine Impfquote von 95 Prozent haben. Wenn wir eine Impfpflicht einführen, schwingt implizit die Botschaft mit, damit werde dann an den Schulen automatisch alles gut. Doch das ist nicht so. Bisher können sich die Kinder, die jünger als zwölf Jahre sind, ja gar nicht impfen lassen. Um sie zu schützen, müssen viel mehr Maßnahmen als bisher ergriffen werden, etwa Luftfilter, Masken und natürlich ein deutlich ausgefeilteres Testkonzept. Eine tägliche Testpflicht der Beschäftigten – egal, ob sie genesen, geimpft sind oder nicht – halte ich für erfolgreicher als eine Impfpflicht.

Wir gehen in den zweiten Winter mit Corona. Sind die Schulen diesmal besser vorbereitet als im vergangenen Jahr?

Die Impfungen haben die Situation schon deutlich verbessert. Die gab es ja vor einem Jahr noch nicht. Davon abgesehen, liegt aber weiter vieles im Argen. Es gibt zwar meist ein Testkonzept, doch entspricht es häufig nicht der Infektionsdynamik. Ich bin ganz klar dafür, dass an den Schulen mehr getestet wird. Ähnliches gilt für die Luftfilter: Die hierfür bereitgestellten Gelder werden häufig nicht oder nur sehr langsam abgerufen. An vielen Schulen stehen sie nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung. Das ist schon sehr frustrierend.

Anfang des Jahres hat der Bund 500 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit Schulen Laptops an Lehrer*innen ausgeben können. Hat das funktioniert?

Das war ein wichtiger Schritt, das Distanzlernen zu verbessern, aber die Beschaffung hat oft viel zu lange gedauert. Mittlerweile haben die meisten Lehrerinnen und Lehrer ein Gerät, doch erfüllt dieses häufig gar nicht die Anforderungen. Ein Tablet kann schließlich nicht für all das eingesetzt werden, wofür es eigentlich einen Laptop bräuchte. Auch das frustriert viele Lehrende. Es ist aber auch symptomatisch.

Inwiefern?

Dass Bildung in Deutschland unterfinanziert ist, ist ja seit langem bekannt. Im vergangenen Jahr ist aber noch etwas Anderes mehr als deutlich geworden: Die Politik ist viel zu zögerlich. Wir müssen um jede Maßnahme kämpfen, seien es zusätzliche Corona-Tests oder Luftfilter. Das ist extrem zermürbend – vor allem, wenn gleichzeitig immer betont wird, wie wichtig die Bildung ist.

In Ihrer Bewerbungsrede für den GEW-Vorsitz im Sommer haben Sie den Respekt vor der Arbeit von Lehrenden in den Mittelpunkt gestellt. Wo sehen Sie da konkret Verbesserungsbedarf?

Zunächst mal brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens, dass Berufe im Bildungsbereich essenziell wichtig für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie sind. Deshalb verdienen alle, die hier arbeiten, besondere Anerkennung und auch Respekt. Dass sich Politiker despektierlich über Lehrkräfte äußern, geht deshalb grundsätzlich nicht. Sie werden damit auch ihrer Rolle als Arbeitgeber nicht gerecht. Natürlich hat Respekt aber auch mit Geld zu tun. Fast 200.000 Lehrkräfte sind angestellt beschäftigt. Sie dürfen finanziell nicht schlechter gestellt sein als ihre verbeamteten Kolleginnen und Kollegen. Schließlich machen sie denselben Job. Ein dritter Punkt ist die Lehramtsausbildung. Hier muss gewährleistet sein, dass künftige Lehrerinnen und Lehrer gut auf das vorbereitet werden, was sie an den Schulen erwartet, und zwar nicht nur inhaltlich. Und wir sollten die Bedingungen für Seiten- und Quereinsteiger deutlich verbessern.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang den Tarifabschluss vom Montag?

Das ist ein Abschluss, der bei explodierenden Infektionszahlen und vollen Krankenhäusern, also in einer sehr schwierigen Situation in der Corona-Krise, zustande gekommen ist. Mit Blick auf diese Lage ist der Abschluss zu vertreten. Viele Beschäftigte haben aber – genau so wie wir – mehr erwartet. Die Arbeitgeber waren jedoch nicht bereit, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in der Corona-Krise gerecht zu werden und den Beschäftigten die materielle Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdient haben. Das ist enttäuschend, denn die Beschäftigten halten das Land in der Pandemie seit über eineinhalb Jahren am Laufen.

Corona hat gerade im Bildungssystem die schon länger bestehenden Mängel offengelegt. Welche Erwartungen haben Sie an die Ampel-Koalition?

Bildung ist ja im wesentlichen Ländersache, und das finde ich auch richtig. Die Standards müssen aber bundeseinheitlich gesetzt sein. Dafür brauchen wir deutlich mehr Möglichkeiten des Bundes, sich an der Finanzierung von Bildung zu beteiligen. Wir haben immer wieder und an unterschiedlichen Stellen gesehen, dass der Bund aufgrund des Kooperationverbots Projekte nur zeitlich befristet (mit)finanzieren kann. Zudem sind die Prozesse häufig sehr kompliziert. All das führt dazu, dass Gelder sehr verzögert und eben nur vorübergehend dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Die neue Koalition sollte das Kooperationsverbot deshalb komplett abschaffen. Es braucht aber nicht nur mehr Geld für Bildung, sondern auch eine andere Verteilung: Beim Digitalpakt haben wir gesehen, dass die Kinder und Jugendlichen aus einkommensschwachen Haushalten bei der Verteilung von Endgeräten deutlich benachteiligt wurden. So kann es sein, dass bei einem Kind in Bremen umgerechnet 170 Euro ankommen, bei einem Kind in Bayern dagegen 700 Euro. Dass Kinder derart ungleich behandelt werden, ist ungerecht. Wenn wir mehr Chancengleichheit garantieren wollen, müssen wir das Geld anders verteilen. Es müssen mehr Mittel dahin fließen, wo benachteiligte Familien leben.

weiterführender Artikel