Globaler Kampf gegen die Pandemie

Corona in Palästina: Schwierige Distanz in engen Gassen

Hannes Alpen03. April 2020
Prävention mit Desinfektion: Palästinensische Arbeiter gehen präventiv gegen eine Ausbreitung des Coronavirus vor.
Prävention mit Desinfektion: Palästinensische Arbeiter gehen präventiv gegen eine Ausbreitung des Coronavirus vor.
Anfangs reagierte die Bevölkerung in den palästinensischen Gebieten noch mit Humor auf die ersten Corona-Meldungen. Doch nach den ersten Fällen in Bethlehemn ändert sich das schnell. Vor allem im Gazastreifen droht eine humanitäre Katastrophe.

Aus dem Radio tönt es: „Das palästinensische Gesundheitsministerium hat beschlossen…“ Da sagt das eine Corona-Virus zum anderen: „Palästina hat ein Gesundheitsministerium?“. Solche Witze kursierten in Whatsapp-Gruppen als die Corona-Pandemie gerade erst Thema wurde. Dann überwogen die Genugtuung ausdrückenden politischen Kommentare: Jetzt sehe die Welt mal, wie sich eingeschränkte Bewegungsfreiheit und Quarantäne anfühlten. Und dann war alles auf einmal gar nicht mehr lustig.

Direkt nachdem die ersten bestätigten sieben Fälle in einem Hotel in Bethlehem am 5. März bekannt wurden, verhängte der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas für einen Monat einen Ausnahmezustand. Schulen, Universitäten und Kindergärten wurden geschlossen, Bethlehem wurde in Koordination mit Israel komplett abgeriegelt. Alsbald folgte die Schließung von Restaurants und die Absage von Veranstaltungen, und seit nunmehr einer Woche gilt in den von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Gebieten im Westjordanland eine Ausgangssperre. Die Weltgesundheitsorganisation lobte die palästinensische Regierung für ihr schnelles und entschiedenes Handeln. Und auch viele Palästinenser, die über die Jahre ein großes Mistrauen in die palästinensische Autonomiebehörde entwickelt haben, waren von dem professionellen Vorgehen überrascht. Auch in dem unter israelischer Blockade stehenden Gazastreifen, der von der islamistischen Hamas regiert wird, ist das öffentliche Leben stark eingeschränkt worden. Hier droht zugleich die größte Katastrophe.

Gaza: Dicht besiedelt, schlecht versorgt

Der mit zwei Millionen Menschen bevölkerte Landstrich ist sehr dicht besiedelt und verfügt über eine ohnehin unzureichende medizinische Infrastruktur. In Gaza stehen nur etwa 70 Krankenhausbetten für eine intensivmedizinische Betreuung bereit. Umso größer ist die Sorge, sollte sich das Coronavirus hier ausbreiten. Auf physische Distanz zu gehen und eine entsprechende Hygiene einzuhalten ist vor allem in den engen Gassen und Häusern der Flüchtlingslager kaum umzusetzen.

Zunächst war die Hoffnung groß, dass die seit 13 Jahren andauernde Abriegelung des Gazastreifens in der Corona-Krise zum Vorteil werden würde. Inzwischen sind zwei Rückkehrer aus Pakistan vergangene Woche an der Grenze mit Ägypten positiv auf Corona getestet worden. Sie befinden sich in einer Quarantänestation in der Grenzstadt Rafah. Auch sieben Sicherheitskräfte der Einrichtung sind mittlerweile positiv getestet, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Menschen, die mit ihnen Kontakt hatten, den Virus in den Gazastreifen getragen haben. Die Katastrophe, die droht, sollte sich das Virus in Gaza ausbreiten, dürfte die Szenen, die sich gerade in Italien abspielen, bei weitem übertreffen. Israel müsste die Blockade des Gazastreifens sofort lockern und entsprechendes Equipment zur Verfügung stellen, um eine drohende Versorgungskatastrophe abzuwenden.

Die amtierende israelische Regierung ist allerdings gerade selbst dabei, die Krise unter Kontrolle zu bringen. Auch Israel ist mit 1,7 Krankenhausbetten auf tausend Einwohner (Deutschland hat zwölf) und nur etwa 2 000 Betten für Intensivversorgungen nicht auf einen unkontrollierten Ausbruch des Coronavirus vorbereitet. Bisher belaufen sich die Zahlen in Israel auf 2 666 Fälle und acht Tote, in den Palästinensischen Gebieten sind es 82 Fälle und eine Tote. Die drastischen Maßnahmen, die die Fallzahlen jetzt regulieren sollen, treffen vor allem die sozial Schwächsten. Diejenigen Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich als Tagelöhner verdingen und keine Rücklagen haben.

Israel schließt Zugänge zu Palästina

Die etwa 70.000 palästinensischen Arbeiter, die legal in Israel arbeiten, stellte die israelische Regierung vergangene Woche vor die Wahl, bevor sie jeden Zugang für Palästinenser nach Israel verwehrte. Sie konnten sich einmalig entscheiden, ihr Zuhause und ihre Familien für zwei Monate am Stück zu verlassen, um in Israel zu arbeiten. Zu wichtig sind sie für das israelische Baugewerbe und in der Landwirtschaft. So fand der israelische Baugewerbeverband kurzfristig Unterkünfte für etwa 40.000 palästinensische Arbeiter in überwiegend im Bau befindlichen Wohnungen oder Hotels. Allerdings beschloss daraufhin auch die israelische Regierung eine weitgehende Ausgangssperre. Ohne Arbeit kehren nun viele der Arbeiter zurück nach Hause. Zumindest in einem Fall brachte ein Arbeiter das Virus mit und steckte weitere 18 Personen an.

Es gibt derzeit viele Berichte, die von der guten Kooperation zwischen den palästinensischen und israelischen Behörden in Bezug auf die Corona-Krise sprechen. Wahr ist aber auch, dass der Konflikt keinesfalls ruht. Das zeigt die Tatsache, dass Israel trotz Corona-Krise damit begonnen hat, die Vorbereitungen für ein höchstumstrittenes Siedlungsbauprojekt in der E1-Zone im Osten von Jerusalem voranzutreiben. Auch schien die israelische Regierung bis zuletzt fest entschlossen, die Amtszeit von Donald Trump noch zu nutzen, um weite Teile des Westjordanlandes zu annektieren. Dass die Welt nach Corona eine andere sein wird, ist in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht zu erwarten.

Dieser Artikel erschien zuerst im IPG-Journal am 27. März.

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