Interview

Corona-Krise: Warum für viele Solo-Selbständige die Hilfe nicht reicht

Vera Rosigkeit28. April 2020
Viele Solo-Selbständige haben keine betrieblichen Kosten, maximal ein Zimmer als Büro in der Wohnung, das sie steuerlich absetzen können
Vielen Solo-Selbständigen nützt die Soforthilfe für Betriebskosten nichts. Dort, wo das Ich der Betrieb ist, bleibt oft nur Hartz IV, erklärt Veronika Mirschel von ver.di. Was sich nach der Krise ändern muss.

Frau Mirschel, Sie beraten selbständig tätige verdi-Mitglieder. Mit welchen Problemen sehen sich Selbständige in der Corona-Krise konfrontiert?

Derzeit geht es massiv um die Unklarheit bei den ausgezahlten Soforthilfen. Nordrhein-Westfalen und Berlin haben zu Beginn der Krise ja unkompliziert Soforthilfen bereitgestellt. Als die Töpfe dann leer waren, kam der Bundeszuschuss, der jedoch ausschließlich für betriebliche Ausgaben zur Verfügung steht. Viele Kolleg*innen haben die finanzielle Hilfe genommen, im Vertrauen darauf, dass sie sie auch für Lebenshaltungskosten ausgeben können. Man muss dazu sagen, dass die Bedingungen, unter denen diese Zuschüsse ausgezahlt wurden, zum Teil einfach unverständlich beschrieben waren.

Solo-Selbständige sind bei den zugrundeliegenden Überlegungen durchgefallen. Sie haben in der Regel keine Betriebsstätte zu unterhalten, sondern ihren Kopf und ihren Magen. Das Private ist bei ihnen nicht zu trennen vom Betrieb, da ist das Ich der Betrieb.

Wer sind diese Solo-Selbständigen, die ver.di vertritt, wen kann man sich darunter vorstellen?

Das sind mehrheitlich, unserem historischen Kontext entsprechend, Kultur- und Medienschaffende. Dazu kommen freischaffende Dozent*innen im Bildungsbereich oder Gesundheitswesen wie Physiotherapeut*innen oder Yogalehrer*innen. 95 Prozent dieser Kolleg*innen haben keine erheblichen betrieblichen Ausgaben, maximal ein Zimmer als Büro in der Wohnung, das sie steuerlich absetzen können.

Wie stehen diese Betroffenen zum Antrag auf Grundsicherung?

Den vom Bundesarbeitsministerium eingeführten erleichterten Zugang zur Grundsicherung empfinden sie zum Teil als entwürdigend. Auch wird von Menschen, die sich nicht unbedingt gut mit Bürokratie auskennen, ein Antrag auf Hartz IV nicht gerade als leicht empfunden, denn es sind eine Menge Unterlagen auszufüllen, von den geforderten Nachweisen  ganz zu schweigen. Eigentlich müsste es reichen zu sagen, ich brauche das jetzt.

Müssen die Kolleg*innen jetzt zwei Anträge ausfüllen, die Grundsicherung und den Bundeszuschuss?

Es gibt ein gutes Referenzmodell: Baden-Württemberg hat ein Antragsformular und festgelegt, dass die Landeshilfe in Höhe von monatlich 1180,- Euro zum Leben verwendet werden kann. Gleichzeitig lassen sich mit dem gleichen Formular auch betriebliche Ausgaben beantragen, wenn es Ausgaben geben sollte. Damit erleichtert man nicht nur den Antragsteller*innen das Leben, sondern entlastet auch dem ganzen Verwaltungsapparat.

Reichen die Hilfemaßnahmen aus?

Bei vielen Selbständigen setzt die Krise ja jetzt erst ein, die hatten noch Aufträge abzuarbeiten, bei anderen hat sie sofort zugeschlagen, bei jenen, die im Veranstaltungsbereich tätig sind. Die Hoffnung auf neue Aufträge zieht sich in diesem Bereich immer weiter hinaus, je länger die Krise anhält. Da sind die Soforthilfen bereits verpufft. Die Soforthilfen für Selbständige waren anfangs für drei Monate gedacht, da ist bereits absehbar, dass das für viele nicht reichen wird. 

Was muss jetzt passieren?

Es muss jetzt vor allem zügig gehandelt werden, denn man kann diese Menschen nicht einfach im Regen stehen lassen. Allerdings macht die  Krise auch überdeutlich sichtbar, wie schlecht die Absicherung von Soloselbständigen im Alltag ist. Kolleg*innen im Bildungsbereich oder freischaffende Journalist*innen wurden bisher so schlecht bezahlt, dass sie schon ohne Krise kaum über die Runden gekommen sind, an Rücklagen  gar nicht zu denken. Wenn wir also eine Lehre aus der Krise ziehen, dann die, das selbständige Arbeit in vielen Bereichen finanziell deutlich besser bewertet werden muss.

Veronika Mirschel ist Bereichsleiterin bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) im Referat Selbständige und Freie

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Kommentare

Warum für viele Solo-Selbständige die Hilfe nicht reicht

Sehr interessanter Beitrag, der die Lage von Solo-Selbständigen (z. B. freien Journalisten wie mir) sehr gut beschreibt. Allerdings ist auch festzuhalten, dass Verdi/DJU/DJV seit vielen Jahren viel zu wenig für die freien Journalisten tun. Da haben wir nun ein Verbandsklagerecht und seit Inkrafttreten ist nichts, aber auch gar nichts von Seiten der Gewerkschaften getan worden. Dass der BDZV die Vergütungsregeln für Tageszeitungen gekündigt hat, ist kein Grund, nichts mehr zu unternehmen, da die Gerichte vermutlich weiterhin anhand der angemessenen Vergütung entscheiden würden. Die prekäre Bezahlung freier Journalisten muss gerade nach dieser Corona-Krise deutlicher angesprochen werden. Schließlich sind wir als systemrelevant bezeichnet worden. Und, nicht nur Festangestellte sind Mitglieder bei Verdi, auch viele Freie. Es geht nicht, dass alle ein bis zwei Jahre die Gehälter der Festangestellten, die immer mehr nicht bezahlte Arbeit an uns Freie abdrücken, angehoben werden und dann (angeblich) für die Freien kein Geld mehr da ist.

Corona-Soforthilfe für Solo-Selbstständige völliger Quatsch

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Atmendes Grundeinkommen statt entwürdigender Grundsicherung

Gerade die aktuelle Situation von Künstlern und Soloselbstständigen zeigt uns wieder einmal deutl. die Mängel der Hartz-Gesetze auf, die weder den Lebenswirklichkeiten Einzelner noch d. jeweiligen Zustand der Gesellschaft gerecht werden. Entwürdigend und büroratiebelastet sind Attribute die nach wie vor den HartzIV-Nagel auf den Kopf treffen !!!
Nicht nur angesichts immer schneller, in immer kürzeren Abständen u.parallel laufenden Krisen, sond. auch wg. mehr und mehr Menschen die selbst vom "Minimal-Wohlstand" angesichts prekärer Lebenswirklichkeiten abgehängt sind, ist ein bürokratiearmes "atmendes" Grundeinkommen die einzig nachhaltige Möglichkeit bestimmten Bevölkerungsgruppen (wie die in der aktuellen Krise besonders betroffenen Berufsgruppen) gerecht zu werden.
Anders wie bei HartzIV soll nicht kleinlich auf den Einzelfall abgestellt werden, denn gerade diesen Berufsgruppen sollte unterstellt werden dass sie selbst mit zeitweiligen Überschüssen innovativ zur generellen und eigenen ) Arbeitsplatzsicherung beitragen ! Während u. nach der Pandemie wird es somit besonders wichtig sein, kleine Existenzen zu sichern und viele neue (auch Solo-) Existenzgründungen zu ermöglichen !!

Guter Artikel

Guter Artikel, der die Lage von Solo-Selbständige gut beschreibt.