Bildung, Arbeit, Geschlechterrollen

Wie die Corona-Krise die Ungleicheit fördert

Bettina Kohlrausch23. Juli 2020
Bildung, Arbeit, Geschlechterrollen – die Corona-Krise zeigt, dass Strukturen, die schon vorher soziale Ungleichheit geschaffen haben, in der Krise besonders wirksam werden. Die Lasten sind ungleich verteilt.

Wenn über die Auswirkungen des Unterrichtens zu Hause auf die Entwicklung sozialer Ungleichheit diskutiert wird, liegt der Fokus meist auf der Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten. Auch die politischen Maßnahmen konzentrierten sich zunächst darauf, für alle jeweils 150 Euro für die Anschaffung eines digitalen Endgerätes zur Verfügung zu stellen. Die Gesamtsumme des Programms beläuft sich auf 500 Millionen Euro.

Bildungsungleichheit: die digitale Kluft

Auch wenn der Zugang zu digitalen Endgeräten eine zentrale Voraussetzung für die Teilnahme und Teilhabe an digitalen Lernformaten ist, stellt er jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar. Denn die sogenannte „digitale Kluft“ verläuft weniger entlang des Zugangs zu digitalen Medien, sondern entlang der Frage, inwieweit Nutzer über die nötigen digitalen Kompetenzen verfügen, um mit diesen Medien umzugehen.

Neben operativen Fähigkeiten (simple Anwendung) erfordert dies ein Verständnis für die spezifischen Strukturen digitaler Medien, zum Beispiel Menüführungen, die Fähigkeit, Informationen in den digitalen Medien zu suchen, auszuwählen und zu bewerten, und strategisch in der Lage zu sein, die erhaltenen Informationen zum Erreichen der eigenen Ziele anzuwenden.

Gerade die letztgenannten, komplexeren Kompetenzen sind jedoch bei Kindern aus bildungsferneren Elternhäusern und im Übrigen auch bei geringer qualifizierten Erwachsenen seltener vorhanden. In Zeiten, in denen der Unterricht zu Hause und digitale Lernformate an Bedeutung gewinnen, kann die digitale Kluft schichtspezifische Ungleichheit zusätzlich verstärken. In Deutschland ist der Unterricht zudem in Form von Halbtagsschulen organisiert. Schon im Normalbetrieb erfordert dies viel Mitarbeit der Eltern. Damit sind für den Lernerfolg eines Kindes eben nicht nur seine Begabung und sein Fleiß relevant, sondern auch die Ressourcen der Eltern. 

Ungleichheit zwischen den Geschlechtern

Die durch die anhaltenden Schließungen von Schulen und Kitas entstehende Sorgearbeit wird zum großen Teil von Frauen geleistet, die in der Folge häufiger ihre Arbeitszeit reduzieren. Damit verschärfen sich die Muster der Verteilung von Sorgearbeit, die auch schon vor der Krise dominant waren. Die Verschärfung dieses Musters ist jedoch bei Paaren mit einem niedrigen Haushaltseinkommen besonders ausgeprägt. Da Familien mit einem geringen Einkommen meist nicht auf das oft höhere Gehalt des Mannes verzichten können, reduziert häufiger die Frau ihre Arbeitszeit, um die Kinder zu betreuen. Gleichwohl existieren auch in Familien mit höherem Haushaltseinkommen geschlechtsspezifische Muster der Arbeitsteilung.

Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt

Personen mit einem geringen Einkommen sind in der Krise besonders stark betroffen, weil sie unter den durch das Kurzarbeitergeld entstehenden Einkommenseinbußen stärker leiden und seltener in Betrieben arbeiten, die das Kurzarbeitergeld aufstocken. So arbeiten Befragte, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1500 Euro verfügen, nur knapp halb so oft in Betrieben, die Aufstockung anbieten, wie Personen, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 4500 Euro verdienen (21 Prozent versus 39 Prozent).

Das ist problematisch, weil gerade untere Einkommensgruppen Gefahr laufen, bei Kurzarbeit in die Grundsicherung zu fallen. Zum Zeitpunkt unserer Befragung waren die meisten von Kurzarbeit betroffenen Beschäftigten im Gastgewerbe beschäftigt. Damit greift dieses Instrument in dieser Krise verstärkt in Branchen, in denen ohnehin sehr niedrige Gehälter gezahlt werden, weshalb ein Ausgleich von 60 Prozent des Gehaltsverlusts für viele nicht ausreichen wird.

Es zeigt sich aber auch, dass Beschäftigte, die in Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, die einem Tarifvertrag unterliegen oder in Betrieben arbeiten, in denen es einen Betriebsrat gibt, in der Krise besser abgesichert sind. Einerseits, weil sie häufiger eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds erhalten, andererseits, weil für sie die Arbeit im Homeoffice besser geregelt ist. Insgesamt 47 Prozent der Befragten, die im Homeoffice sind, geben an, dass es in ihrem Betrieb Regelungen zur Arbeit zu Hause gibt. Menschen mit solchen Vereinbarungen empfinden die Arbeit zu Hause als weniger belastend. Solche Regelungen gibt es jedoch deutlich häufiger in Betrieben, die einen Betriebsrat haben. 

Dieser Beitrag erschien zunächst im Böckler-Magazin Mitbestimmung, Ausgabe 03/2020

weiterführender Artikel

Kommentare

Unvollständige Betrachtungsweise !

Es ist gerade nicht die Corona-Krise die Ungleichheit befördert !

Im Gegenteil ! Corona und der dadurch erforderliche Shutdown machen endlich die Fehlentwicklungen auch für jene sichtbar die sie vor "Corona" nicht sehen konnten oder nicht sehen wollten !
Covid19 ist die Notbremse der Natur weil gewählten PolitikvertreterInnen in der Mehrheit nicht in der Lage waren das Schiff in die richtige nachhaltige und gerechte Richtung zu lenken !
Am Beispiel Home-Office ist das gut festzumachen ! Nicht die leider jetzt erst verstärkt politisch unterstützte Möglichkeit von Home-Office ist schlecht, sondern das Sparen an Personal und Infrastruktur für Kinderbetreuung und die mangelnde politische Unterstützung für Eigeninitative bei selbst organisierter Kinderbetreuung ! Was ist mit heimatnahen CoworkingSpace mit angeschl. Räumen f. Kinderbetreuung. Warum ist der Kita-Persoanlschlüssel so mies dass kleine Gruppen kaum möglich sind!?

Das Problem ist und war das politisch initiierte Sparen am falschen Fleck und die Konzentration von überzogenen Profiten an Stellen wo sie der Gesellschaft mehr schaden als nutzen !!!

"Corona" soll jetzt die Ausrede sein für diese Fehlentwicklungen ?

Verstoß gegen Netiquette

Der Kommentar wurde gelöscht, da er gegen Punkt 4 unserer Netiquette verstieß.

https://www.vorwaerts.de/seite/netiquette