Interview mit Manuela Conte

Corona-Krise: „Junge Menschen kommen in der Öffentlichkeit fast gar nicht vor“

Jonas Jordan12. Januar 2021
Junge Menschen leiden massiv unter der Corona-Krise, meint DGB-Jugendsekretärin Manuela Conte.
Junge Menschen leiden massiv unter der Corona-Krise, meint DGB-Jugendsekretärin Manuela Conte.
Wer junge Menschen in der Corona-Pandemie unter Generalverdacht stelle, spalte zwischen den Generationen, meint DGB-Jugendsekretärin Manuela Conte. Im Interview erklärt sie außerdem, warum sie die Forderung der Jusos nach einer Ausbildungsgarantie unterstützt.

Während der Corona-Pandemie geraten junge Menschen als vermeintliche Super-Spreader vermehrt unter Generalverdacht. Tut man ihnen Unrecht?

Ja, denn dabei geht es nicht um Fakten. Wer so argumentiert, spaltet, und zwar zwischen den Generationen. Man sollte zwischen Vernunft und Unvernunft unterscheiden, und zwar unabhängig vom Alter.

Richtig ist doch, dass wir in dieser herausfordernden Zeit eine Welle der Solidarität erleben. Junge Menschen, die für ihre älteren Nachbar_innen einkaufen gehen. Achtsamkeit aufeinander, Verständnis, Zuspruch, Zusammenhalt – darauf kommt es jetzt an. Das alles sind übrigens Werte, für die wir uns als junge Gewerkschafter_innen tagtäglich einsetzen.  

Laut der JuCo-Studie sind 65 Prozent der 15-27-Jährigen der Meinung, dass ihre Ängste und Sorgen bei den Entscheidungsträger*innen zu wenig Gehör finden. Wie sehen Sie das?

Ehrlich gesagt wundert mich dieses Ergebnis nicht. Fakt ist, dass junge Menschen mit ihren Interessen in der Krise, in der Öffentlichkeit und in den politischen Debatten fast gar nicht vorkommen. Sie werden reduziert aufs Schüler_innen-Sein und aufs Kind-Sein, das bzw. die die Eltern zu Hause vom Arbeiten abhalten. Welche Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Sorgen die junge Generation hat – zeigen Sie mir die Talkshow, die sich damit auseinandergesetzt hätte. Ganz zu schweigen, von den politischen Entscheidungen. Auch hier fehlte vielfach die Perspektive der Jugendlichen.

Wenn junge Menschen empfinden, zu wenig Gehör zu bekommen, sollte das alle Alarmglocken schrillen lassen. Denn unsere Demokratie kann auf die Jugendlichen nicht verzichten. Und Demokratie heißt Mitbestimmung – wir brauchen mehr Möglichkeiten, um jungen Menschen Mitwirkung zu ermöglichen. Da liegt der Ball nun bei der Politik. Wir fordern seit langem, dass Jugendliche schon mit 16 Jahren wählen dürfen, nicht erst mit 18. Ebenso muss die politische Bildungsarbeit  dringend gestärkt werden, auch finanziell.

„Die Krise hat den Ausbildungsmarkt voll erwischt“

In der Pandemie fahren viele Unternehmen ihre Ausbildungsplatzangebote zurück. Droht eine Generation Corona?

Die Krise hat den Ausbildungsmarkt leider voll erwischt. Ende 2020 ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge auf ein gefährliches Rekordtief gesunken – es sind ganze 11 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr. Der Einbruch ist schlimmer als in der globalen Finanzkrise 2009. Für 2021 ist leider mit einem weiteren Rückgang zu rechnen. Und das aus einer Situation heraus, in der bereits vor der Krise mehr als 80 Prozent aller Betriebe keine Ausbildungsplätze mehr angeboten haben. Die Arbeitgeber agieren hier vielfach verantwortungslos, nicht nur gegenüber den jungen Menschen, sondern auch gegenüber den eigenen Branchen und der Volkswirtschaft als Ganzes. Wenn das so weitergeht, haben wir nach Corona die nächste Krise, und zwar eine Fachkräftekrise. Wer jetzt nicht ausbildet, wird später den Fachkräftemangel beklagen.

Für die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen, bedeutet dies letztlich Unsicherheit und fehlende Perspektiven. Ohne Ausbildung landen viele junge Menschen im Niedriglohnsektor mit schlechten Arbeitsbedingungen. Das wirkt sich auf das gesamte Berufsleben bis zur hin zur Rente aus.

Inwieweit kann hier der Staat unterstützend tätig werden?

Wir haben in der „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ schnell reagiert und Maßnahmen erkämpft, damit Auszubildende in der Corona-Krise nicht durchs Netz fallen. Die Allianz für Aus- und Weiterbildung, das sind neben den Gewerkschaften die Bundesregierung, die Länder, die Arbeitgeber, die Kammern und die Bundesagentur für Arbeit. Da haben wir als Gewerkschaften und Gewerkschaftsjugend richtig was erreicht: Wir haben Anreize für Betriebe geschaffen, auf Kurzarbeit für Auszubildende zu verzichten. Wer neue Ausbildungsplätze schafft, kann dafür eine Prämie erhalten.  Und wir haben dafür gesorgt, dass Zwischenprüfungen trotz Corona absolviert werden konnten. In vielen Bundesländern wurden außerbetriebliche Ausbildungsplätze geschaffen. Diese Maßnahmen sind gut und richtig, setzen aber nur an Krisensymptomen an. Zusätzlich ist nun eine strukturelle Therapie für die Ausbildung wichtig.

Was halten Sie von Forderungen wie einer Ausbildungsgarantie, die beispielsweise von den Jusos ins Spiel gebracht wird?

Das ist genau die strukturelle Therapie, die ich meine. Sie ist nötig, eingebettet in eine solidarische Umlagefinanzierung, die den Jugendlichen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen, den Einstieg in Ausbildung bietet.

Alle Jugendlichen bis 25 Jahre, die am 30. September eines Jahres noch keinen Platz haben, sollen einen gesetzlich garantierten Anspruch auf einen Ausbildungsplatz erhalten. Unser Fokus ist dabei, dass junge Menschen ihre Ausbildung im Betrieb machen können und die Wirtschaft nicht aus ihrer Verantwortung entlassen wird. In bestimmten Branchen und Regionen können auch außerbetriebliche Ausbildungsplätze sinnvoll sein – natürlich immer gekoppelt an eine gute Qualität der Ausbildung und an eine Mindestausbildungsvergütung, die wir gerade erst mit der Reform des Berufsbildungsgesetzes durchgesetzt haben. Im Vordergrund sollte aber immer eine betriebliche Ausbildung stehen.

Wie die Ausbildungsgarantie funktioniert? Durch eine stabile und solidarische Finanzierung, für die wir die Betriebe und nicht die Steuerzahler_innen in der Pflicht sehen. Schließlich geht es um die dringend benötigten Fachkräfte von morgen. Mittels eines Umlagefonds, in den nicht ausbildende Betriebe einzahlen, werden neue, zusätzliche Ausbildungsplätze finanziert. Darüber sind wir in einem guten Austausch mit Vertreterinnen aus Politik und Parteien, auch mit den Jusos und mit der SPD.

Was muss grundsätzlich passieren, damit junge Menschen in der Krise nicht abgehängt werden?

Ich sag’s mal so: Gemeinsam sind wir stärker. Deshalb rein in die Gewerkschaften – werdet Mitglied. Macht mit!

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