Massenimpfungen ab Ende Januar geplant

Corona-Impfung in Polen: Die Belastungsprobe steht noch bevor

Ernst Hillebrand14. Januar 2021
Die erste Corona-Impfung in Polen erhielt am 27. Dezember die Oberschwester Alicja Jakubowska.
Die erste Corona-Impfung in Polen erhielt am 27. Dezember die Oberschwester Alicja Jakubowska.
Polen startete auch direkt nach Weihnachten mit den ersten Impfungen – den ersten Pieks gegen Covid-19 gab es für eine Oberschwester in Warschau. Probleme gab es offenbar bei der Logistik, steht in der EU aber gut dar. In wenigen Wochen sollen die Massenimpfungen beginnen.

Auch in Polen haben die Impfungen gegen das Corona-Virus begonnen. Die erste Impfung erhielt am 27. Dezember die Oberschwester eines Warschauer Krankenhauses. Dies entspricht der Impfstrategie der polnischen Regierung: In der prioritären „Gruppe Null“ befindet sich das medizinische Personal. Es handelt sich um circa 900 000 Menschen, die bis Ende Januar geimpft sein sollen und von denen sich bisher 500 000 für eine Impfung registriert haben. Ganz ohne Probleme verlief der Impfstart allerdings nicht. Medien berichten über Probleme von Krankenhäusern, die gelieferten Dosen des sensiblen Pfizer/Biontech-Vakzins vernünftig zu verimpfen. Einige Krankenhäuser hätten mehr Impfstoff erhalten, als sie zunächst hätten nutzen bzw. einlagern können. Dennoch steht Polen im europäischen Vergleich nicht schlecht da. Mit 0,37 Geimpften pro 100 000 Einwohnern (Stand 6. Januar) steht das Land im europäischen Mittelfeld. Nur die beiden deutlich größeren Länder Deutschland und Italien haben mehr Impfungen verabreicht als Polen.

Die eigentliche Belastungsprobe des Impfsystems wird Ende Januar kommen. Dann sollen die Massenimpfungen beginnen. Die „Gruppe 1“ aus Senior*innen, Einwohner*innen von Pflege- und Altersheimen, „uniformierten Diensten“ (Polizei, Feuerwehr, Streitkräfte etc.) und Lehrenden umfasst circa 10 Millionen Menschen. Sie sollen an circa 6 000 Impfpunkten geimpft werden können. Ab den 15. Januar sollen sich Menschen online für diese Impfungen registrieren können. Ein zentrales Priorisiserungskriterium soll das Alter sein: Menschen über 75 werden als erste geimpft.

Impfskepsis, aber bisher kein Mangel an Impfstoff

Unklar ist allerdings noch, wie groß die Impfbereitschaft überhaupt ist. Impfgegner und –skeptiker*innen gibt es in allen Milieus. Bei einer repräsentativen Umfrage Ende Dezember erklärte 43,8 Prozent aller Befragten, sich nicht gegen COVID-19 impfen lassen zu wollen, 43,4 Prozent dagegen wollen sich impfen lassen, 12,9 Prozent waren sich noch nicht sicher.

Ein Mangel an Impfstoff ist bisher kein Thema in Polen. Das Land wird über das gemeinsame Einkaufsprogramm der EU versorgt, und momentan treffen circa 300 000 Impfdosen pro Woche ein. Wenn das Moderna-Vakzin ausgeliefert wird, könnten bis zu 400 000 Dosen dieses Impfstoffes pro Woche hinzukommen. Wenn die 6 000 Impfpunkte funktionieren, könnte das Land allerdings geschätzt bis zu 4 Millionen Impfungen pro Monat durchführen – das wären weit mehr, als Impfdosen aus dem EU-Kaufprogramm zur Verfügung stehen werden. Entsprechend führt die Warschauer Regierung seit Weihnachten Gespräche mit Pfizer/Biontech über zusätzliche nationale Käufe. Die Anregung, eine zweite, nationale Beschaffungslinie aufzumachen, soll nicht zuletzt von den entsprechenden deutschen Bemühungen ausgegangen sein. Nächste Woche sollen die Ergebnisse dieser Verhandlungen bekannt gegeben werden.

Skandal um bevorzugte Impfung von Prominenz

In der öffentlichen Wahrnehmung wurde der Start der Impfkampagne allerdings von einem „Skandal“ um die Impfung von circa 20 mehr oder weniger bekannten Figuren aus der Politik-, Medien- und Kulturszene Warschaus überschattet. Zu diesen medizinisch wenig systemrelevanten Erstgeimpften zählen der frühere Ministerpräsident und heutige MdEP Leszek Miller (SLD), die oppositionsnahe Schauspielerin Krystyna Janda und zwei Direktoren des PiS-kritischen TV-Privatsenders TVN. Das Angebot zur Impfung erhielten sie vom Direktor der Warschauer Universitätsklinik, während medizinisches Personal dieser Einrichtung immer noch auf die Impfung warten soll. Die regierungsnahen Medien haben sich die Gelegenheit zur Skandalisierung dieser Selbst-Privilegierung der Warschauer Bussi-Gesellschaft natürlich nicht entgehen lassen – und ebenso reflexhaft hat sich das liberale Lager zur Verteidigung der Impfungs-Empfänger aufgestellt.

Die gesellschaftliche Wahrnehmung dieses an sich relativ irrelevanten Vorgangs hat vielleicht am besten der in Deutschland für seinen Roman „Der Boxer“ bekannt gewordene Schriftsteller Szczepan Twardoch auf den Punkt gebracht. Er habe durchaus Verständnis für das Verhalten der Geimpften – es gehe schließlich um Leben und Tod. Was er aber verachtenswert finde, sei die Verteidigung dieses Verhaltens durch die Medien- und Kulturelite: „Sie basiert auf der Überzeugung, dass es Menschen gibt, deren Existenz wichtiger und wertvoller ist als die anderer und dies sind natürlich Menschen ihrer Klasse, die ihren Habitus und ihren sozialen Hintergrund teilen.“ Auch der zuletzt immer unglaubwürdiger werdende Underdog-Populismus der PiS dürfte in den letzten Tagen eine kräftige Schutzimpfung erhalten haben.

Dieser Artikel erschien zuerst im IPG-Journal am 7. Januar.

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