Weltwirtschaft

Nach Corona gilt es, die Gesellschaft neu zu erfinden

Margarita Bolaños Arquin08. April 2020
Wie verändert das Corona-Virus den Kapitalismus? Die progressiven Parteien sollten ihre Vorstellungen klar benennen, meint Margarita Bolaños Arquin.
Wie verändert das Corona-Virus den Kapitalismus? Die progressiven Parteien sollten ihre Vorstellungen klar benennen, meint Margarita Bolaños Arquin.
Was kommt nach der Corona-Pandemie? Die progressiven Parteien sollten dem Kapital ihre Vorstellungen einer zukünftigen Neuordnung der Märkte und Finanzsysteme entgegensetzen.

Die Folgen der Corona-Pandemie kündigen den Niedergang eines Zivilisationszyklus an, der das Wirtschaftswachstum auf die rücksichtslose Aneignung natürlicher Ressourcen, die Produktionskapazität menschlicher Arbeit und das Wissen der Völker als Mechanismen zur Akkumulation exorbitanten Reichtums in sehr wenigen Töpfen konzentriert hat.

Mit dem Wissen aus unserer Geschichte sind wir bisher davon ausgegangen, dass die Natur und die Millionen von "Nachzüglern" im kapitalistischen System es zu irgendeinem nahen, aber unsicheren Zeitpunkt nicht mehr aushalten und den Weg zu einer Transformation finden würden. Dies würde einen neuen Sozialpakt erfordern, der von nachhaltiger Entwicklung, sozialer Integration und Menschenrechten getragen wird.

Die Welt zittert vor einem Virus

Doch ohne Vorwarnung löste ein unbekanntes Virus, das in China auftauchte, überraschend einen beispiellosen globalen Gesundheits- und Wirtschaftskataklysmus aus. Wie hätte man sich vorstellen können, dass die mächtigen Mächte des Westens und die anderen Länder der Welt zusammen mit China vor einem Virus, einem blinden Passagier der Welt, zittern würden?

Die Krankheit unterscheidet nicht zwischen Klassen, Geschlecht, Rasse oder Nationalität, sondern tritt in die Fußstapfen globaler Reisender. In Ermangelung eines Impfstoffs, neben hygienischen Techniken und sozialer Isolation, war es also auch notwendig, die Grenzen zu schließen, die die Neoliberalen so mühsam geöffnet haben, als sie die multinationalen Systeme unter der Hegemonie der großen Weltmächte geschmiedet haben: die Institutionalisierung der Globalisierung (IWF, IDB; FTAA, CAFTA, OECD, WTO usw.).

Globale Netzwerke sind ohne Vorwarnung gerissen

Die Krise ist immer eine Gelegenheit, neue und bessere Wege zu finden, und es gab verschiedene Anzeichen dafür, dass man sich auf sie zubewegt, insbesondere wegen der immer hitzigeren Auseinandersetzungen zwischen den Wirtschaftsgiganten. Es ist jedoch überraschend, wie das Auftauchen von COVID-19 eine Reihe ungewöhnlicher Maßnahmen in fast allen Bereichen des täglichen Lebens ausgelöst hat. So plötzlich und unerwartet waren sein Ursprung und seine schnelle globale Reichweite, dass es die völlige Unfähigkeit der multinationalen Gremien und des Marktes offenbart hat, die Spannungen zu regulieren, Gleichgewichte zu schaffen und die entfesselte Wirtschaftskrise zu bewältigen. Globale Netzwerke rissen ohne Vorwarnung wie Hochspannungskabel in einer Wasserlache, die sich ohne Richtung schlängelt. Rette sich wer kann!

Unvorbereitet und isoliert an unseren Grenzen und in unseren Häusern liegt es nun an uns, die Verpflichtung zu übernehmen, uns als Gesellschaft neu zu erfinden, basierend auf einem neuen kollektiven Bewusstsein unserer Verwundbarkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und der Stärke des solidarischen Handelns, der wichtigsten Lektion der gegenwärtigen Krise.

Ein starker, transparenter Staat ist notwendig

In Costa Rica wurden nicht ohne Schwierigkeiten Gedanken und Handlungen erwogen, die sich heute als die besten Alternativen herauskristallisieren, um diesen Zeiten der globalen Krise erfolgreich zu begegnen: mit Maßnahmen, die auf Gerechtigkeit, einer solidarischen Wirtschaft, der Pflege und der verantwortungsvollen Nutzung unseres gemeinsamen ökologischen und kulturellen Reichtums und der Ausübung individueller und kollektiver Rechte basieren.

Heute ist mehr denn je die Notwendigkeit eines starken, effektiven und transparenten Staates offensichtlich geworden, der durch die öffentliche Politik und die Arbeit seiner Institutionen die Erwartungen seiner Bevölkerung erfüllt. Dies muss gesichert und gestärkt werden.

Die Kräfte des Kapitals einhegen

Die durch die COVID-19-Krise verursachte wirtschaftliche Stagnation, die Entfesselung der Weltwirtschaft infolge der dringenden Gesundheitsmaßnahmen und die Rezession, die sehr kurzfristig zu erwarten ist, machen eine Neubewertung des Inlandsmarktes und seiner intraregionalen Verflechtungen erforderlich, die Bedeutung der Nahrungsmittelselbstversorgung und damit die Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion, der lokalen Industrie, der nachhaltigen Tourismusunternehmen und alternativer Formen der Vermarktung und Umverteilung im Rahmen des Leitbildes der Nachhaltigkeit angesichts eines krisengeschüttelten, räuberischen und wachsende Ungleichheiten erzeugenden Kapitalismus. Es gibt keine andere Möglichkeit, die Gier der Märkte und finanzieller Interessen zu besiegen, die heute ihre Grenzen und ihre schädlichen Folgen für die Ökosysteme und die Rechte der Mehrheit zeigen.

Die Krise ist eine Zeit der Neuanpassung: Die Kräfte des Kapitals werden danach streben, auf der Grundlage noch zentralisierterer Modelle wieder Boden zu gewinnen, wobei sie die Zerstörung des Kapitals und der Märkte in der gegenwärtigen Situation ausnutzen werden. Angesichts dieser Kraft ist es notwendig, andere Alternativen einzufordern; es ist ebenso möglich, sie in der kommenden Zeit zu positionieren, wenn sich um sie herum starke Bündnisse öffentlicher und privater Akteure gruppieren, die sich für soziale Gerechtigkeit, wirtschaftlichen Fortschritt und demokratische Koexistenz einsetzen.

Den Aufbau von Alternativen ins Auge fassen

Wir bestehen darauf, dass diese globale Neuordnung, die wir erleben, uns verpflichtet, den Aufbau von Alternativen ins Auge zu fassen, die einen tiefgreifenden Wandel in unserer Beziehung zur Natur, eine neue Auffassung von unserer Gesundheit und unserem Körper, eine Beziehung des Respekts vor kulturellen Unterschieden und eine neue Spiritualität auf der Grundlage von Gleichheit, Inklusion, Solidarität und Respekt für Individualitäten in einem Kontext der Freiheit und Selbstbestimmung in Betracht ziehen.

Was für eine Aufgabe – natürlich, aber wir können nicht zulassen, dass dieses schädliche Wirtschaftssystem sich wieder zusammensetzt und auf Kosten von größeren menschlichen Opfern und der Verschlechterung der natürlichen Ressourcen an Stärke gewinnt. Apokalyptische Vorzeichen, die falsche Propheten predigen, dienen nur dazu, die Fähigkeit von Kollektiven zu hemmen, ohne Diskriminierung für das Gemeinwohl zu arbeiten.

Wir müssen die Gelegenheit nutzen

Als Land liegt es an uns, auf demokratische Weise zu definieren, welche Prioritäten wir setzen müssen, um nicht nur der Pandemie, sondern auch der zukünftigen Neuordnung der Märkte und Finanzsysteme zu begegnen. Denn wenn sich die vorherrschende Situation fortsetzt, werden sich die Bedingungen der Ungleichheit und der Armut in der Welt vertiefen. Dies bedeutet eine Stärkung der staatlichen Institutionen und ihrer sozialen Entwicklungsprogramme mit Gleichheit, eine gerechte und progressive Steuerstruktur, die Maßnahmen zur Stärkung des Gemeinwohls einen wirtschaftlichen Inhalt gibt, eine effiziente institutionelle Koordinierung mit langfristigen Zielen und eine Neudefinition der internationalen und Handelsbeziehungen, die die Entwicklung auf die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen und auf Gleichheit konzentriert.

Wir dürfen daher keine Gelegenheit verpassen, den Frauen zu helfen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen und zum Aufbau einer neuen nationalen und globalen Ordnung beizutragen.

Übersetzt aus dem Spanischen, die Originalfassung lesen Sie hier.

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Kommentare

Was wir wirklich brauchen

Sehr allgemein gehalten, dieser Text. Der übliche Links-Duktus. Das rhythmische Klatschen denkt man sich. Wie man es kennt. Nahrhaft wie Kaugummi und so lebendig wie die Mickymaus. Was wir brauchen: Gezielte Entschuldung der Kommunen (u.a. als Impuls für die Wärmewende). Ein gezieltes großes Investitionsprogramm des Bundes, mit der klaren Zielsetzung, die nachhaltige Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft (Klimaziele, Wasserstoffwirtschaft etc.) voranzubringen. KfW-Hilfen mit Haftungsfreistellung (so gut wie erfüllt). KfW-Hilfen zur temporären Eigenkapitalstärkung (haben wir). Genaue Kontrolle (wie eben möglich) zur Vermeidung des Fördermittelmissbrauchs (Insolvenzverschleppung, Aktienrückkäufe o.ä.). Europäische Solidarität via ESM. Europäische Solidarität über selektive Einzelmaßnahmen mit Leuchtturmcharakter wie z.B. Ausbildungsallianzen etc. (insbesondere im Segment der Erneuerbaren Energien). Punktuelle MwSt-Senkungen auf Produkte und Dienstleistungen mit transformativer Nachhaltigkeitswirkung. Stärkung des mittelständischen Unternehmerinnentums. Nutzung des sehr dynamischen Digitalisierungsmomentums.

Meine Befürchtung

Allen voran macht Amazon den kleinen Läden den Garaus, Kneipen und Gaststätten leben sowieso von der Hand in den Mund, haben also keine Rücklagen ..... das Alles wird zu einer Veränderung der gewachsenen Infrastruktur führen das wir unser Lebensumfeld nicht mehr erkennen werden. gegenden, dieweitgehend vom Tourismus leben ....... das Ostergeschäft fällt zuerst mal aus. Eine Konzentration von Infrastruktureinrichtungen in den Händen Weniger wird die Folge sein.
Der "Politik" traue ich es allerdings nicht zu die Zeichen der Zeit zu erkennen um in eine sozialökologische Richtung zu orientieren. Nicht mal im Gesundheitsbereich, wo Mängel jetzt ganz offensichtlich sind. Das Personal wird sich mit Applaus begnügen müssen.
Trotz aller Lippenbekenntnisse wird sich zeigen, daß Banken, Börsen und Autokonzerne ihre "Sysemrelevanz" deulich machen. Und diejehnigen, die sich durch BWLer beraten lassen werden dann den Interessen des Kapitals Folge leisten. Bei der Übernahme der DDR hatten manche von uns auch so Vorstellungen vom "Warenkorbsozialismus", also was man von der DDR übernehmen könnte, aber weit gefehlt.
Trotzdem sollten wir den Mut nicht sinken.

Viele Deatils richtig...

...aber wenn sich unsere SPD nicht traut die Zielrichtung "Globale Nachhaltigkeit" laut, verständlich und klar zu formulieren und dies mit Personal zu unterfüttern das für diesen zweifelsohne radikalen Umlenkprozess steht, wird sie spätestens nach Abflauen der Corona-Pandemie endgültig und zurecht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden !
Ein Beispiel für das Weiterso sei genannt: Die mittelfristige Existenzberechtigung für den breiten individualisierten mörderischen PKW-Verkehr ist durch wirklich nichts mehr zu rechtfertigen, auch nicht durch ein fälschlicherweise als umwelt- und menschenfreundlich attestierte Batterie-Aggregat! Kein Modell für die Zukunft und kein Modell für den Globus !
Auch die Wirtschaft hat es verdient dass wir vor Detailfragen klar die Notwendigkeiten für eine neue globalisierte Nachhaltigkeit definieren.Wir sollten mal den Mut haben vor einem innerparteilichen, überwiegend inkonsist. Detailsammelsurium die grobe Richtung mit dem passenden Personal nach außen zu bringen..Das SPD-Personaltableau, inbesondere in Groko-Ämtern steht weitgehend für ignorantes Weiterso und passt insbes. in Zukunftsfragen nicht zur progressiven aktuellen Parteiführung !

Kooperat. Gemeinnutz statt globalis. monetärer Maximalprofit !

Da es politische und wirtschaftliche Unverantwortungsträger bisher nicht über´s Herz brachten dem neoliberal auf Egoismen und Maximalprofit ausgerichteten, globalen Hochgeschwindigkeitszug die Notbremse zu ziehen, ist es der Corona-Virus der uns diese Denkpause verschafft. Vorgewarnt war die deutsche Regierung, durch den 2012 von ihr selbst initiierten wissenschaftlichen Prognoseauftrag! Ergebnis wird wie viele andere Vorwarnungen geflissentlich bis heute ignoriert ! Perverser werbegetriebener Maximalkonsum und gleichzeitiger extremer Rückgang von Naturräumen, überflüssige globale Lieferketten und eine absurde Reise- und Urlaubsindustrie werden bis heute politisch befeuert. Momentan mit Billionen-Unterstützung wieder zum Anlaufen gebracht ! Gerade jetzt sollte es d. gelten weltweit gerade die kleinen regionalen Strukturen zu stärken, statt die Corona-Krisengewinner, insbes. demokratiegefährdende ausbeuterische Maximalprofit-orientierten digitalen Plattformen, noch stärker zu machen oder gar selbst neue mit Steuergeld zu schaffen !!! Angesichts der globalen menschgemachten Katastrophen benötigt es eine komplett neue Denkrichtung: Einer Globalisierung für kooperativen Gemeinnutz!