Corona-Pandemie

Corona in Frankreich: Ein Land unter Doppelschock

Kay Walter07. November 2020
Das Paradies muss warten: In Frankreich gilt ein strenger Lockdown, um die steigenden Corona-Zahlen einzudämmen.
Das Paradies muss warten: In Frankreich gilt ein strenger Lockdown, um die steigenden Corona-Zahlen einzudämmen.
Frankreich gehört zu den von der Corona-Pandemie am stärksten betroffenen Staaten. Die Regierung reagiert deshalb mit harten Maßnahmen. Die islamistischen Mordanschläge der vergangenen Wochen verunsichern die Bevölkerung zusätzlich.

Am Tag der US-Wahl meldeten die französischen Gesundheitsbehörden 850 neue Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19. In nur 24 Stunden wurden mehr als 400 Tote in den Krankenhäusern verzeichnet und weitere 400 Todesfälle in Altenheimen und anderen Pflegeeinrichtungen. Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Virus nahm dagegen im Vergleich zum Höchststand von über 52.000 deutlich ab und liegt nun bei rund 36.000 neuen Fällen pro Tages. Frankreich hat knapp 67 Millionen Einwohner*innen.

Wer keine Ausgangsbescheinigung hat, zahlt

Seit dem 30.Oktober gilt landesweit ein zweites confinement, wie hier der Lockdown heißt. Sämtliche Cafés, Bars, Geschäfte sind sind geschlossen, Kinos und Theater ebenso. Auch die eigene Wohnung darf nur noch in Ausnahmefällen verlassen werden. Dazu zählen Arbeit, Einkauf von Lebensmitteln, den Hund ausführen und eine Stunde Individual-Sport pro Tag, solange man sich nicht mehr als einen Kilometer vom Wohnort entfernt. Eine entsprechende Ausgangsbescheinigung ist verpflichtend mitzuführen. Und das wird kontrolliert.

Wer keine gültige Erlaubnis hat, zahlt. Beim ersten Mal nur 135 Euro, dann rasant ansteigend, inklusive Haftstrafen. Ab dem Alter von 11 Jahren besteht zudem Maskenpflicht in allen öffentlich zugänglichen Räumen (Banken, Bahnhöfe, Flughäfen), sowie auch auf der Straße und zwar in so gut wie allen größeren Städten. Immerhin: Restaurants, die die strikten Hygienerichtlinien einhalten bleiben tagsüber geöffnet.

Jede*r fünfte Corona-Tote kommt aus Frankreich

Der Grund für diese harten Maßnahmen: Frankreich gehört zu den von der Pandemie am stärksten betroffenen Staaten. Von acht Millionen Infizierten in Europa sind mehr als 1,5 Millionen Franzosen, von den 230.000 Toten auch fast jeder fünfte.

Dazu kommen – als wäre das alles nicht schon genug – die brutalen, islamistischen Mordanschläge der vergangenen drei Wochen. Erst der Mordversuch an zwei Mitarbeitern einer TV-Produktion, weil der Täter sie fälschlich für Journalisten des Satire-Magazins Charlie Hebdo hielt, dann die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty auf offener Straße und schließlich der Dreifach-Mord in einer Kirche von Nizza.

Das Land steht unter Doppelschock. Der sitzt so tief, dass kaum diskutiert wird, dass bislang über den Mann, der vor einer Woche in Lyon einen orthodoxen Priester niederschoss, kaum mehr bekannt ist, als dass er wohl kein islamistischer Terrorist war. Na wie beruhigend.

Wer kann, fährts aufs Land

Wer irgend kann, fährt aufs Land zu Eltern oder Verwandten. Das ist zwar nicht wirklich erlaubt. Aber dort lässt sich das confinement besser überstehen, schon weil schlicht mehr Platz ist. Vor allem aber scheint es sicherer: Wo jeder jeden kennt, droht auch kein Anschlag. Was einmal der Grund war, das Land zu verlassen und in die Städte zu gehen, wird jetzt zum Grund für die Rückkehr: Dort passiert nichts.

Noch wirken die umfangreichen Stützungsmaßnahmen, die Präsident Macron auf den Weg gebracht hat und die Unternehmen zu Gute kommen, aber auch ein auskömmliches Kurzarbeitergeld beinhalten. Aber so bequem das Mancher auch finden mag, so langsam dringt natürlich auch in Frankreich in die Köpfe ein, dass das nicht ewig so weiter gehen kann. Schon jetzt ist klar, dass die französische Wirtschaft ungleich härter vom Shutdown betroffen ist, als zum Beispiel die deutsche.

Das wirkliche Drama kommt noch

In Paris sieht man sich gezwungen, beim prognostizierten Wirtschafts-Einbruch doppelt so hohe Kennziffern anzusetzen, wie auf der deutschen Rheinseite. Das wirkliche Drama folgt also erst noch. Und das vor dem Hintergrund, dass es um die französische Wirtschaft auch vorher schon nicht zum Besten bestellt war, abgesehen sicher vom absoluten Luxussegment. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht – als Journalist darf man das noch – der kann die Vorboten der kommenden Krise nicht übersehen: Der Lehrstand von Ladenlokalen nimmt erkennbar zu.

Viele Geschäfte, die beim ersten Mal die Zwangsschließung noch überstanden haben, müssen jetzt sagen: Ss geht nicht mehr. Wir schließen. Erstmals seit Jahren fallen die Mieten für Gewerbeimmobilien. Noch ist das nicht flächendeckend, aber die Anzeichen für eine bevorstehende Rezession, die sind deutlich zu erkennen.

Und noch eines ist auffällig. Die Franz*ösinnen lieben es, über alles und jeden zu meckern. Sie sind ständig en colère, also wütend und aufgeregt. Aber sie sind es am Ende gerne und lustvoll. Egal wie Ernst das Thema ist und wie sehr man sich aufregen mag, das muss auch Spaß machen.

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Kommentare

ja, die Franzosen

geschockt sind Sie aus den genannten Gründen. Wie schön in Deutschland zu leben, solche Dinge können uns, so hat es den Anschein , nicht schocken. Wir nehmen es, wenn überhaupt, nur gelassen zur Kenntnis, wenn ein homosexuelles Parr auf offener Straße gemessert wird- vielleicht sollten sich die Franzosen daran an Beispiel nehmen