Lateinamerika

Corona in Chile: Vom Impfchampion zum Sorgenkind

Claudia Detsch27. April 2021
50 Prozent der Bevölkerung sind bereits gegen Corona geimpft worden. Trotzdem befindet sich Chile seit März in einem harten Lockdown.
50 Prozent der Bevölkerung sind bereits gegen Corona geimpft worden. Trotzdem befindet sich Chile seit März in einem harten Lockdown.
Die Hälfte der Bevölkerung in Chile ist bereits gegen Corona geimpft. Trotzdem verzeichnet das südamerikanische Land so viele Neuinfektionen wie nie zuvor. Wie das zusammenpasst und was Deutschland daraus lernen kann, erklärt Simone Reperger von der Friedrich-Ebert-Stiftung im Interview.

Noch vor wenigen Wochen wurde Chile als Impfchampion gefeiert. Gleichzeitig ist die Zahl der Neuansteckungen sehr hoch; die Regierung hat zur Eindämmung einen äußerst strengen Lockdown verhängt. Wie passt das zusammen?

Chile befindet sich seit Mitte März erneut in einem harten Lockdown. Niemand darf die Wohnung verlassen, nur zweimal wöchentlich kann man mit polizeilicher Genehmigung Lebensmittel einkaufen gehen. Es gibt derzeit so viele Neuinfektionen wie nie zuvor, Chile ist nun ein Hochinzidenzland, und seit Januar hat sich die Zahl der Coronatoten verdoppelt. Über 95 Prozent der Intensivbetten sind landesweit belegt, die Krankenhäuser überfüllt. Der Andenstaat befindet sich daher in einem sehr kritischen Moment der Pandemie. Da bereits 50 Prozent der Bevölkerung geimpft sind und Chile weltweit für seine effiziente und schnelle Impfstrategie gefeiert wird, scheint das auf den ersten Blick tatsächlich nicht zusammenzupassen.

Es gibt für diese Entwicklung aber eine Reihe von Erklärungen. Eine davon ist die vor kurzem veröffentlichte Studie der Universidad de Chile, die deckungsgleich mit Äußerungen der chinesischen Regierung ist. Ihr zufolge bietet der in Chile zu 90 Prozent eingesetzte chinesische Impfstoff CoronaVac nur 50 Prozent Schutz vor einer Ansteckung mit dem Virus.

„Seit Beginn der Impfkampagne konzentriert sich in Chile ALLES auf das Impfen. Andere Maßnahmen wie Testen, Kontaktnachverfolgung und Prävention werden vernachlässigt.“

Zudem wird vermutet, dass die brasilianische Mutation in Chile mittlerweile stark verbreitet ist. Diese gilt als deutlich ansteckender als die Ursprungsversion und treibt damit die Inzidenzwerte in die Höhe. In Chile glaubt man allerdings, dass alles nur eine Frage der Zeit sei: Der chinesische Impfstoff wirkt erst zwei Wochen nach der zweiten Dosis gegen einen schweren Verlauf. Und diese zweite Dosis haben erst 37 Prozent erhalten. Nach wie vor hofft die Regierung, dass im Juli mehr als 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein werden, damit Herdenimmunität erreicht wird und die Pandemie der Vergangenheit angehört.

Eine weitere Erklärung für die neue Welle ist, dass viele Menschen sich nicht an Hygiene- und Lockdown-Regeln halten können. Chile ist ein sozial sehr gespaltenes Land: Viele Menschen schaffen es nicht, sich ausreichend zu schützen. Sie haben kein Geld für Masken, leben sehr beengt, können bei Erkrankungen keinen Abstand halten und auch nicht zuhause bleiben, weil sie ansonsten kein Geld verdienen. Meinungsumfragen zeigen, dass über 30 Prozent der Corona-Erkrankten weiterhin arbeiten gehen und ihre Ansteckung verheimlichen, um über die Runden zu kommen. Der chilenische Staat ist auch in Zeiten der Pandemie kein Garant für Soziale Sicherheit.

Welche Lehren lassen sich also aus Chiles Beispiel ziehen – welche Fehler sollte Deutschland nicht wiederholen?

Aus den chilenischen Erfahrungen kann man wohl die Lehre ziehen, dass man die Pandemie nicht alleine durch das Impfen besiegen kann. Seit Beginn der Impfkampagne konzentriert sich in Chile ALLES auf das Impfen. Andere wichtige Maßnahmen wie Testen, Kontaktnachverfolgung und Prävention werden vernachlässigt. Dies hat der chilenische Ärzteverband zum wiederholten Male als Fehler bezeichnet. Und diesen Fehler sollte man in Deutschland nicht machen.

„Vor allem jüngere, nicht geimpfte Menschen sind heute die am stärksten betroffene Gruppe.“

Hinzu kommt, dass dem Land in gewisser Weise der „Impferfolg“ zum Verhängnis zu werden scheint. Denn dank des Rankings als „Impfweltmeister“ und dem Diskurs der Regierung von der baldigen Herdenimmunität haben sich die Chileninnen und Chilenen in den südamerikanischen Sommermonaten von Januar bis März nicht mehr so gut geschützt wie zuvor: weniger Maskengebrauch, mehr Partys am Strand, Pauschalurlaub in Brasilien, volle Shoppingcenter, große Silvesterfeiern.

Chile zeigt, dass man die Pandemie nicht alleine durch das Impfen besiegen kann. Die Sorglosigkeit der Geimpften kann für die restliche Gesellschaft schnell zur Gefahr werden. Denn sie sind weiterhin ansteckend. Das Virus konnte sich daher so schnell ausbreiten. Vor allem jüngere, nicht geimpfte Menschen sind heute die am stärksten betroffene Gruppe. Dies ist wohl eine wichtige Erkenntnis für die deutsche Debatte.

Virologinnen kritisieren auch die zu schnellen Lockerungen Ende 2020. Obwohl die erste Welle nie ganz vorbei war, hatte die rechtskonservative Regierung damals schnell die Priorität auf die Ankurbelung der Wirtschaft gelegt. Gastronomie, Tourismus, Einzelhandel und Großraumbüros funktionierten circa 6 Wochen mit nur geringen Einschränkungen, und dies löste die zweite Coronawelle aus. Diese Unterschätzung der Pandemie und der ökonomische Fokus, welcher bereits die erste Welle verschärft hatte, stürzen nun das Land erneut ins Chaos.

Hat die Impfbereitschaft unter dem starken Anstieg der Infektionszahlen gelitten?

Trotz der kritischen Nachfragen zur Wirksamkeit des chinesischen Vakzins ist die Impfbereitschaft in Chile weiterhin hoch. Man vertraut darauf, dass jede Art von Schutz besser ist als kein Schutz. Es gibt einen kohärenten politischen Diskurs und eine klare Kommunikationsstrategie. Diese lautet: „Impfen hilft“. Sich impfen zu lassen gilt als Ausdruck der Solidarität. Zudem sorgen die Schlagzeilen von überfüllten Intensivstationen dafür, dass viele Chileninnen sich lieber heute als morgen impfen lassen möchten. Die Hoffnung, dass in ein paar Wochen die Herdenimmunität erreicht sein wird, ist noch immer groß.

Wie ist angesichts dieses Rückschlags die Stimmung in der Bevölkerung?

Die Stimmung in Chile ist angespannt. Viele Menschen dachten, der schnelle Impferfolg würde Chile vor einer neuen Welle verschonen. Nun sind sie fassungslos und enttäuscht. Bereits 2020 hatte das Land einen der längsten Lockdowns der Welt. Kindergärten und Schulen sind seit Ausbruch der Pandemie beinahe durchgehend geschlossen. Ein Großteil der Chileninnen und Chilenen verzeichnet große Einkommensverluste. 55 Prozent der Bevölkerung geben an, dass sie ihre Ausgaben bis zum Monatsende nicht decken können. Nur 32 Prozent können sich 3 Mahlzeiten am Tag leisten.

Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Armut breiten sich aus. Allein in der Hauptstadt Santiago ist die Zahl der in Elendsvierteln oder auf der Straße Lebenden um 235 Prozent gestiegen, viele Menschen ernähren sich heute durch Essenausgaben der solidarisch organisierten Suppenküchen. Die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik schätzt, dass das Coronavirus Chile um 20 Jahre in seinem Entwicklungsstand zurückwerfen könnte. Mit jedem weiteren Lockdown-Tag müssen mehr Menschen um ihre Existenz bangen.

Die Pandemie verschärft damit die sozialen Probleme des Landes und die soziale Ungleichheit, gegen die die Menschen bereits vor Corona landesweit protestiert haben. Arbeitslosengeld und Sozialhilfe gibt es nur in sehr geringem Umfang. Bislang bezahlen die Arbeitnehmer die Krise aus der eigenen Tasche; seit 2020 dürfen sie ihre Einlagen bei der Rentenkasse abheben, wenn sie Geld benötigen. Über 3 Millionen Chileninnen und Chilenen haben sich seit Ausbruch der Pandemie bereits ihre gesamten Rentenersparnisse auszahlen lassen. Sie verfügen damit künftig über keinen Pensionsanspruch mehr. Insgesamt wurden bislang rund 18 Milliarden US-Dollar an Renteneinlagen abgehoben, während der chilenische Staat nur rund 5 Milliarden US-Dollar für soziale Hilfsprogramme ausgegeben hat. Der Gewerkschaftsdachverband CUT fordert die Regierung zum sofortigen Handeln auf und verlangt mehr Sozialprogramme und schnelle finanzielle Unterstützung für verarmende Chilenen.

Aufgrund des neuen harten Lockdowns hat die Regierung auch die Wahl der Mitglieder der Verfassungsgebenden Versammlung von Mitte April auf Mitte Mai verschoben. Bereits das Referendum darüber war 2020 wegen Corona um 6 Monate verlegt worden. Die Erarbeitung einer neuen Carta Magna, eine der Hauptforderungen der Protestbewegung, verzögert sich damit erneut. Viele Chilenen sind frustriert, denn erst neue Spielregeln können den Rahmen für mehr öffentliche Güter und mehr soziale Gerechtigkeit im als neoliberalstes Land der Welt geltenden Chile vorgeben. Einige Kritiker werfen der Regierung taktisches Verhalten vor: Die Verzögerung des Verfassungsprozesses sichere der reichen Elite weiterhin ihre Privilegien.

Erschienen am 26. April im IPG-Journal

Zur Person

Simone Reperger ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Landesvertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Chile. Zuvor war sie für die Stiftung in Uruguay und als Leiterin des Regionalen Gewerkschaftsprojektes für Lateinamerika und Karibik tätig.

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