Digitalisierung

Corona wird zum Brennglas für die digitale Schwäche Deutschlands

Nils Heisterhagen03. Juni 2020
Glasfaserkabel: Deutschland und Europa drohen bei der Digitalisierung abgehängt zu werden. Das zeigt die Corona-Krise mehr als deutlich.
Glasfaserkabel: Deutschland und Europa drohen bei der Digitalisierung abgehängt zu werden. Das zeigt die Corona-Krise mehr als deutlich.
Corona ist ein Brennglas. Es zeigt uns in Europa unsere Schwächen. Wenn Deutschland und Europa nicht an ihrer digitalen Schwäche arbeiten, werden sie im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielen.

Vor Corona war der Trend schon erkennbar: Rückkehr der Machtpolitik, neue Formen der Nationalökonomie und Abkehr vom Internationalismus. Vom kosmopolitisch-idealistischen Glauben der 1990er Jahre ist wenig übriggeblieben. Die nationalen Eigeninteressen kommen zurück – ja sind längst zurück. Die Welt, wie wir sie seit dem annoncierten „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) kannten, gibt es nicht mehr. Die als „liberal order“ bekannt gewordene Ordnung multilateristischer Lösungen von immer mehr liberalen Demokratien, die nach einer für alle sinnvollen Global Governance suchen, gibt es so nicht mehr. Die Welt wird gerade eine andere.

Das Militär spielt eine geringere Rolle

Es entsteht immer mehr eine neue bipolare Ordnung 2.0, eine G2-Welt, die durch den Kampf zwischen China und den USA um Hegemonie geprägt ist. Donald Trumps Protektionismus und sein Handelskrieg sind dafür die sichtbarsten Anzeichen. „America first“ oder „China first“ sind dabei keine Zuschreibungen politischer Programme, die nach einiger Zeit auch durch neue Programme wieder abgelöst werden. Sie sind vielmehr ein Ausdruck einer generellen Trendverschiebung. Es geht nun um eine neue technologische und wirtschaftliche Weltführerschaft.

Das Militär spielt in der neuen geopolitischen Zeitenwende weniger eine Rolle. Ein neuer Kalter Krieg wäre das falsche Bild. Auch ohne Donald Trump und Xi Jinping würde das Silicon Valley mit Chinas Industriebossen und Tech-Giganten um das technologische Leadership konkurrieren. Die US-Politik, auch unter einem Demokraten Joe Biden, würde keine sofortige Rückkehr zu multilateral harmonischeren Zeiten einläuten. Was begonnen wurde, kann nicht einfach beendet werden.

Corona müsste ein Diskussionsbeschleuniger sein

Denn schon vor Corona haben US-Firmen damit begonnen, China zu verlassen, wie kürzlich neue Daten der Beratungsfirma „Kearney“ zeigten. Die chinesische „Made in China 2025“-Strategie in bestimmten Branchen Weltspitze zu werden, ist ein lang angelegtes Projekt, welches technologische und wirtschaftliche Souveränität und Unabhängigkeit zum Ziel hat. Corona wird dieses Projekt nur beschleunigen und intensivieren.

Corona müsste also für Deutschland und Europa ein Diskussionsbeschleuniger dafür sein, was der Umbau von Lieferketten und Wertschöpfungsketten für politikökonomische Folgen mit sich bringt und wie auf die neue G2-Welt reagiert werden muss. Corona müsste aber auch für die deutsche Öffentlichkeit und die Regierung das Brennglas sein, um genauer hinzusehen, wo das Land technologisch abgehängt ist. Das Corona-Brennglas müsste so vor allem für die Defizite der Digitalisierung sensibilisieren.

Corona beschert dem Sillicon Valley volle Kassen

Im Bereich der Digitaltechnologie ist das deutsche Abseits am Deutlichsten. In der Corona-Krise merkte die deutsche Bevölkerung, dass schon vor Wochen Südkorea erfolgreich Tracing-Apps einsetzte, während wir hierzulande immer noch keine App haben. Der informierte Zeitungsleser konnte auch erfahren, dass US-Techkonzerne in der Krise sogar profitieren, während deutsche Industrieriesen an der Börse nachgeben. Nach der Krise wird das Silicon Valley eine prall gefüllte Kasse haben, um weitere Investitionen zu starten, während deutsche Industrieriesen darauf hoffen müssen, dass die Welt bald wieder Autos, Maschinen und Anlagen kauft.

Digitalisierung schafft also immer mehr Wertschöpfung. Schon im letzten Jahr stellte eine Untersuchung des European Center for Digital Competitiveness der ESCP Europe Berlin fest, dass die drei Top-US-Konzerne wertvoller als alle 763 börsennotierten Unternehmen in Deutschland sind. Nach der Corona-Krise könnte allein Amazon wohl wertvoller sein. In den Top 10 der Länder mit der größten digitalen Wettbewerbsfähigkeit, die das Schweizer International Institute for Management Development jährlich untersucht, liegt Deutschland auch nur auf Platz 17.

Die Digitalisierung der Schulen wird verschlafen

Bis 2030 sollen in China 150 Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz investiert werden. Eine einzelne chinesische Stadt wie Shanghai will bis zum Jahr 2021 dreizehn Milliarden Euro bereitstellen. Deutschland sieht in der KI-Strategie gerade mal drei Milliarden Euro bis 2025 vor. Laut OECD belegt Deutschland beim Glasfaseranteil an Breitbandanschlüssen mit 3,6 Prozent Platz 32. Bei Spitzenreiter Südkorea sind es 81,7 Prozent.

Die Corona-Krise zeigt zudem die verschlafende Digitalisierung in der Schule. Laut der ICILS-Studie 2018 nutzen nur vier Prozent der deutschen Achtklässler jeden Tag digitale Medien im Unterricht. In Dänemark sind es 91 Prozent. Nur 26 Prozent der deutschen Schulen verfügen über einen WLAN-Zugang. In Dänemark 100 Prozent. Dabei wurden 5,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen bereitgestellt – erst nach jahrelangem Ringen. Das Geld ist aber mitnichten schon in den Schulen angekommen. Im Gegenteil: Der Digitalpakt kommt überhaupt nicht voran. Hinzu kommt, dass die GEW die digitale Mindestausstattung aller Schulen auf rund 21 Milliarden Euro schätzt. Das Geld, das nicht ankommt, ist also generell zu wenig.

Europa muss an seiner digitalen Schwäche arbeiten

Auch bei IT-Spezialisten, die für eine erfolgreiche Digitalindustrie notwendig sind, besteht mittlerweile eine Rekordlücke. Auch das hat Gründe. Laut einer internationalen Bildungs-Vergleichsstudie zeigen in Mathematik nur fünf Prozent aller Grundschulkinder in Deutschland ein Leistungsniveau, das der höchsten Kompetenzstufe zuzuordnen ist. In den asiatischen Teilnehmerstaaten der Studie verfügen 30 bis 50 Prozent aller Kinder über ein entsprechendes Leistungsniveau. Deutschlands Schulsystem versagt hier.  

Corona ist ein Brennglas. Es zeigt uns in Europa unsere Schwächen. Die größte Schwäche ist technologischer Natur. Insbesondere in der Digitalindustrie. Wenn Deutschland und Europa nicht an ihrer digitalen Schwäche arbeiten, werden sie im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielen.

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Kommentare

Bitte endlich mal "Digitalisierung" von Fachleuten beleuchten

Warum wird "Digitalisierung" gefordert wenn doch nur Spielereien wie Tablets und andere unproduktive Ausartungen der IT den Autoren solcher Aufrufe bekannt zu sein scheinen ?

Warum wird nicht endlich ein separates Unterrichtsfach erarbeitet, in dem Schüler nicht zu Konsumzombies konditioniert werden sondern Grundlagen der IT vermittelt bekommen und ohne Konzerneinmischung und Werbung mit Computern arbeiten lernen ?
Gern in Kombination mit Physik/Chemie.

Anfängerfreundliche Entwicklungsumgebungen samt Kleinstrechnern wie der Arduino-Serie kosten im Großeinkauf weniger als 3 Euro pro Mikrocontroller.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen das es für die Arduinos massenweise kostengünstige Versuchssets,Sensoren und Aktoren gibt. (Teure Variante Edison, andere Mikrocontroller gibts auch).
Mit der Konzentration auf von Schülern selber zusammengebaute Kleinstrechner (zb Raspberry Pi), mit freien Betriebssystemen (Linux, RiscOS, etc.) spart man sich nicht nur Ablenkungen im Win/IOS-Bereich sondern stellt eine Grundlagenausbildung sicher.
Aber was will man von Politikern erwarten die von Datenschutz schwafeln während sie überteuerte und unzuverlässige "Cloud" Anbieter favorisieren.