Buchmesse

Colin Crouch: „Wir müssen zu einem sozialen Europa zurückkehren!“

Kai DoeringBirgit Güll18. Oktober 2015
Colin Crouch
Colin Crouch und vorwärts-Chefredakteurin und -Geschäftsführerin Karin Nink.
Ein Potpourri von Themen erlebten die Besucher des vorwärts-Stands auf der Frankfurter Buchmesse am Samstag. Über Emanzipation und die Auswirkungen des Neoliberalismus diskutierten u.a. Staatssekretärin Elke Ferner, SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel und Politikwissenschaftler Colin Crouch.

„Das Buch ist wirklich eine Schatzkiste“, sagt Siegmund Ehrmann über „Nichts als ein Garten“. Der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des deutschen Bundestages spricht am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse mit der Autorin Anne Kanis. Es ist das erste Buch der Schauspielerin, die 1979 in der DDR geboren wurde.

Sie erzählt die Geschichte ihres Vaters. Es geht um die DDR, um den Prager Frühling und um einen Garten, den die Familie für immer verliert. Das Buch habe ihn sehr bewegt, sagt Ehrmann. Dabei wollte Kanis es gar nicht selbst schreiben wie sie in Frankfurt berichtet. Sie hatte sich mit der Geschichte an den Schriftsteller Erich Hackl gewandt, in der Hoffnung, er würde sie aufschreiben. Doch Hackl ermunterte sie, das selbst zu tun. Herausgekommen ist „Nichts als Garten“. Dieses Buch, das Ehrmann als Schatzkiste bezeichnet.

Aus Frauen nicht die besseren Männer machen

Ihre erste feministische Erfahrung hatte Elke Ferner in der vierten Klasse. Damals standen ihre Eltern vor der Frage ob die heutige Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium das Gymnasium besuchen soll. „Das Mädchen heiratet sowieso irgendwann“, meinte ihr Vater. Höhere Schulbildung sei also nicht notwendig. „Wenn meine Lehrerin damals nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätte ich keine Abitur gemacht“, erzählt Ferner im Gespräch mit der Journalistin Katrin Rönicke. Sie hat „eine Anleitung zur Emanzipation“ geschrieben wie es im Untertitel ihres Buchs „Bitte freimachen“ heißt.

„Die Arbeitswelt ist noch immer darauf eingestellt, dass Männer 50 bis 60 Stunden arbeiten und ihre Frauen ihnen den Rücken freihalten“, beklagt Rönicke. Statt der „Logik des arbeitenden Mannes“ wäre es aus ihrer Sicht sinnvoller, „wenn beide sich gleich viel um die Familie kümmern“. Denn nur so behielten Lebenspartner gleiche Chancen während ihres Berufslebens. „Wenn beide jeweils 32 Stunden pro Woche arbeiten, reicht das“, ist Rönicke überzeugt.

„Wir arbeiten am Modell der Familienarbeitszeit“, kündigt Staatssekretärin Ferner Rückenwind aus der Politik an. Die Arbeitgeber würden dies sehr interessiert verfolgen. Auch wolle die SPD den „Rechtseinspruch auf einen Ganztagsschulplatz einführen“.  Bei all dem gehe es „nicht darum, aus Frauen die besseren Männer zu machen“, stellt Ferner klar. „Wir wollen dafür sorgen, dass sich beide wohlfühlen.“

Die Menschen rausholen aus ihrem Mikrokosmos

„Wenn wir merken, dass unser Arzt nicht zuerst an unsere Gesundheit denkt, sondern in erster Linie finanzielle Ziele verfolgt, sollten wir aufmerksam werden“, meint Colin Crouch. Der britische Politikwissenschaftler ist bekannt geworden mit seinen Thesen zur „Postdemokratie“. Gerade ist sein Buch „Die bezifferte Welt“ erschienen. Crouch kritisiert darin den Neoliberalismus als Feind des Wissens. Mit dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel diskutiert er darüber am Samstag am vorwärts-Stand.

„Es gibt noch immer viele Menschen, die von moralischen Werten geleitet werden“, ist Schäfer-Gümbel überzeugt. Die vielen Helfer für Flüchtlinge zeigten dies eindrucksvoll. Allerdings beobachte er einen Zerfall in das Kapital auf der einen und eine engagierte Bürgerschaft auf der anderen Seite. „Zu viele Menschen ziehen sich in ihren eigenen Mikrokosmos zurück“, beklagt Schäfer-Gümbel. „Wenn keine Repolitisierung der Gesellschaft gelingt, kann dieser Konflikt nicht gelöst werden.“

Thorsten-Schäfer Gümbel setzt dabei auf Europa. „Wir müssen denselben Weg gehen wie die großen Konzerne, um ein Gegengewicht zu ihnen zu bilden.“ Und das bedeute: „mehr Europäisierung“. Auch Colin Crouch fordert ein Frankfurt: „Wir müssen zu einem sozialen Europa zurückkehren!“ Der Leidensdruck müsse allerdings offenbar noch weiter zunehmen. Und so prognostiziert Crouch: „Wenn die Ungleichheit in der Gesellschaft unerträglich wird, erreichen wir vielleicht eine neue Art von Politik.“

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