Gesellschaft

Christoph Sieber: Wie viel Lametta braucht die Demokratie?

Christoph Sieber25. September 2018
Die Würde des Menschen ist unantastbar: Die Stärke der Demokratie ist, dass sie die Rechte der Minderheiten achtet.
Die Würde des Menschen ist unantastbar: Die Stärke der Demokratie ist, dass sie die Rechte der Minderheiten achtet.
Die Demokratie ist die graue Maus unter den Regierungssystemen. Autokraten versprechen da mehr Action. Welche Stärken die Demokratie hat, wird dabei schnell vergessen. Warum das für die Gesellschaft gefährlich ist, schreibt der Kabarettist Christoph Sieber.

Wir müssen der AfD dankbar sein für ihren Aufstieg. Sonst hätten wir vielleicht gar nicht bemerkt, wie schlecht es um die Demokratie steht: Dass im Zuge der Fluchtbewegungen Menschen zu uns kommen, die unsere Werte nicht teilen, ist nämlich nicht das größte Problem.

Das kapitalistische Versprechen ist widerlegt

Viel schwerer wiegt, dass sie auf eine Gesellschaft treffen, die völlig entwurzelt ist. Eine Gesellschaft , die außer dem neoliberalen Mantra des höher, schneller, reicher kaum mehr einen Wertekanon besitzt. Eine Gesellschafft , die von sich behauptet „christliches Abendland“ zu sein, in dem aber die Kirchen leer sind und an Ostern ein eierlegender Hase gefeiert wird. Wir leben in einem Staat, der im absoluten Wachstumswahn das vergessen hat, was eine Gesellschaft  zusammen hält: die Solidarität.

Das kapitalistische Versprechen, dass alle am Wohlstand teilhaben, wenn die Wirtschaft  boomt, ist längst widerlegt. Der Kapitalismus produziert neben einigen Gewinnern einfach viel zu viele Verlierer. Letztlich gilt im Kapitalismus nur eine Maxime: Jeder gegen jeden und der Dreisteste gewinnt. Gerade in solchen Zeiten bräuchte es eine politische Führung, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an den Forderungen der Wirtschaft.

Zweifel nagen in der Bevölkerung

Und so kommen immer häufiger Zweifel auf: Leben wir tatsächlich in einer Demokratie oder ist es nicht eher eine Art Simulation von Demokratie? Sitzen in den Parlamenten tatsächlich Volksvertreter oder pseudodemokratische Aushängeschild mächtiger Unternehmen und Banken? Welcher Politiker, welche Politikerin kann tatsächlich von sich behaupten, nur ihrem Gewissen verpflichtet zu sein? Und wer ist dieses Volk? Wie viele haben sich von der Politik abgewendet und fühlen sich nicht mehr repräsentiert und werden infolgedessen auch politisch nicht mehr wahrgenommen und vertreten?

Welcher Politiker sollte sich für die Abgehängten interessieren, die sich von der Politik abgewendet haben, wenn diese eh nicht zur Wahl gehen? Und steckt dahinter die Taktik, die Menschen auf legalem Wege zu entmündigen, um es dann mit einem schulterzuckenden „das ist Demokratie“ abzutun? Stimmt es, dass die Demokratie immer dann am besten funktioniert, wenn sie keine ist?

Der Kapitalismus frisst die Demokratie

Der Kapitalismus braucht die Demokratie nicht. Er schätzt sie, gewiss, wegen ihrer Zuverlässigkeit und weil sie die Leute bei (Kauf )-Laune hält. Und weil der Wohlfahrtsstaat dafür sorgt, dass selbst die Ärmsten einer Gesellschaft  in der Lage sind zu konsumieren.

Aber der Wohlstand hat schon immer jegliche moralische Skrupel in den Hintergrund rücken lassen. Unser Wohlstand basiert ja nicht erst seit gestern auf Ausbeutung von Natur, Ressourcen und Menschen anderswo.

Und jetzt frisst der Kapitalismus halt auch die Demokratie und mit ihr all die Errungenschaften der Moderne: Sie nennen es Freiheit, meinen aber Macht. Sie nennen es Gerechtigkeit, meinen aber Privilegien. Und sie nennen es Gleichheit, meinen aber die Verteidigung des Status Quo.

Nur noch 58 Prozent der europäischen Jugendlichen halten die Demokratie für die alles in allem beste Staatsform. Die Demokratie hat an Attraktivität verloren. Sie ist die graue Maus unter den Regierungssystemen. Sie handelt von Grundgesetz und Umsatzsteuervoranmeldung. Sie handelt von langweiligen Phrasendreschern in der Politik, von Politikverdrossenheit und Koalitionsverhandlungen. Da ist wenig Glamour, wenig Lametta. Demokratie handelt von Meinungsbildung, bevor man eine Meinung hat. Das ist anstrengend. Die Demokratie ist mühselig, langweilig und für die meisten eine ergraute Selbstverständlichkeit.

Ein bisschen Diktatur geht nicht

Autokraten versprechen da mehr Action. Da ist mehr Lametta. Da geht die Meinungsbildung schnell und Koalitionsverhandlungen sind kurz. Opposition Rübe ab. Widerspruch zwecklos.

Man muss sich nicht langwierig in Themen einarbeiten, denn es gibt ja nur eine Meinung. Das gibt Halt und Orientierung. Diktatur heißt Fahnen, Aufmärsche, Paraden und der unliebsame Nachbar verschwindet einfach über Nacht.

Doch eines sollte uns immer gewiss sein: Ein bisschen Diktatur geht nicht! Wenn sie kommt, dann mit aller Macht und Gewalt. Und deshalb müssen wir der AfD dankbar sein, weil sie uns vor Augen führt, wie wichtig es ist, für diese Demokratie zu kämpfen. Dass wir nicht zulassen dürfen, dass sie zur Fassade verkommt, hinter der sich antidemokratische Kräfte formieren und dass die Demokratie nicht erneut zum Steigbügelhalter des Faschismus werden darf.

Die Stärken der Demokratie

Wir werden erkennen müssen, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und dass dieses Land nicht geprägt wird von Begriffen wie Nation, Blut, Ehre, Religion und Abgrenzung, sondern dass es Artikel eins des Grundgesetzes ist, der den Kern unseres Zusammenlebens ausmacht: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Die Würde des Menschen ist unantastbar und nicht die Würde des Deutschen, des Christen oder des steuerzahlenden Leistungsträgers.

Viele haben die Stärken der Demokratie vergessen. Dass die Stärke der Demokratie ja nicht ist, dass die Mehrheit bestimmt, wo es langgeht, sondern dass sie die Rechte der Minderheiten achtet. Die Würde muss ja auch gar nicht erkämpft  werden für die gesellschaftllichen Gewinner, sondern sie muss erkämpft  werden für die, die selbst nicht kämpfen können. Und sie muss auch für die erkämpft  werden, die einem zuwider sind, die anderer Meinung sind und für die, die einem auf den Sack gehen.

Demokratie muss immer wieder neu erstritten werden

Ja, die Demokratie ist keine Wohlfühloase, in der man sich einmal gemütlich einrichtet, und dann ist für alle Ewigkeit Ruh. Nein, sie muss immer wieder von neuem erstritten werden. Demokratie heißt Diskurs, heißt aushalten von Andersdenkenden, Anderslebenden, heißt Aushalten von Ignoranz, Dummheit und Markus Söder.

Die große Errungenschaft  der Aufklärung ist die Überwindung der Grenzen von Rasse, Nationalität, Religion und Ideologie. Geben wir den antidemokratischen Kräften, die alles verachten, was dieses Land ausmacht – Freiheit, Demokratie, Vielfalt, Toleranz – keine Chance! Und lasst uns eines nicht vergessen: Nicht der Markt regelt die Dinge, sondern das Grundgesetz.

Impulse für eine Demokratie der Moderne

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn ich mir was wünschen dürfte. Impulse für eine Demokratie der Moderne“ (ISBN: 978-3-7410-0262-5), das am kommenden Freitag um 10:30 Uhr im Literaturforum des Brecht-Hauses in Berlin vorgestellt wird.

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Kommentare

Guter Beitrag

Aber es gibt hier im Lande viele, die unseren im Grundgesetz formulierten Wertekanon nicht respektieren. Das fängt an bei der NPD und Co., geht über die AfD bis hin zu Seehofer, Maaßen und in die Reihen der SPD. Wo ist denn das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes geblieben dank A2010, wer hat den gegen "FloridaRolf" gehetzt ?..................
Jeder ist seines Glückes Schmied (so Dauerspruch der Neoloberalen), aber was ist mit denen, denen man Hammer, Ambos und Werkstück vorenthält ?

genau

Eigentum verpflichtet, ....soll....der Allgemeinheit nutzen...

Daran muss die Politik gemessen werden. Einstweilen sind das inhaltslose Phrasen, die außer Kraft gesetzt sind im Konsens der herrschenden Parteien, also unter maßgeblicher Mitwirkung der SPD. Man traut sich nur nicht, auch noch den letzten Schritt zu gegen und den kraftlosen Satz ganz zu entfernen. Wozu auch, es reicht ja völlig aus, ihn nicht mehr zu beachten. Weiter so: SPD!

Lametta....

gehört an den Weihnachtsbaum! Was WIR brauchen sind Menschen, die bei "klarem" Verstand sind und den Einflüsterungen des neoliberalen Mantra`s die "kalte Schulter zeigen"!

Ich verneige mich ..

Ich verneige mich in Ehrfurcht vor diesem Beitrag und Herrn Sieber...er spricht mir tief aus der Seele !!!

Zustimmung

Die Frage ist, ob unsere Partei, die die Erneuerung auf allen Ebenen absichtlich verschleppt, aus solchen Beiträgen lernt. Denn durch Beiträge wird man die Geister (Afd, Maaßen, Seehofer und Co), die man rief, nicht mehr los, nur durch Taten. Ich wünschte mir daher ein Sturm der Entrüstung innerhalb der Partei, damit sich in unserer Partei endlich etwas bewegt.

Erneuerung

Mir fiel gerade der Artikel von "unserm" Fraktionsgeschäftführer Carsten Scheider im Tagelsspiegel in die Hände.

https://www.tagesspiegel.de/politik/wahlsieg-von-rot-gruen-vor-20-jahren...

Lesenswert ! denn er macht mit aller Deutlichkeit klar, daß SPD-Funktionäre wohl auf einem anderen Stern leben.
Also mit solchen Leuten ist eine resozialdemokratisierung der SPD nicht möglich.

Kluge Analyse vom Genossen Schneider bisher ohne Konsequenz !!!

Ja, um ehrlich zu sein hat mich der Artikel positiv überrascht. Da ist nahezu alles davon zu unterschreiben.
Wenn dies, wie vom Genossen beschrieben, so stimmt, so ist aber zu fragen warum auch mit seiner Unterstützung die hier
kritisierte, wenig segensreiche Merkel-Ära bis heute von ihm und der derzeitigen SPD-Führungsspitze aufrecht erhalten wird.
Ein grandioses Paradoxum !! Die noch aktuelle offizielle Ausrede sind die derzeit weiter sinkenden Umfragewerte der SPD (mom. 16 %) und die steigenden Umfragewerte der AFD (derzeit 18,5 %). Diese Scheinargument könnte jedoch genauso als Beweis dafür herhalten, dass diese unselige Koalition, die wichtigste Weichenstellungen verhindert, umgehend beendet werden muß. Dass das nicht geschieht dürfte daran liegen dass die SPD/Alt bis heute nicht den Mut hat die Geschichte neu zu schreiben und das Ende des ungezügelten Neoliberalismus mit entsprechenden Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit einzuläuten. Selbst die inhaltliche Parteierneuerung bleibt aus ! Zeit genug hatte sie !! Stecker ziehen und Neustart !!!

Könnte es nicht sein...

das die Erklärung viel einfacher ist?? Der "Drang" an die "Futterkrippe" macht mutlos und verhindert Neues zu wagen! Wer nicht mit der Zeit geht,wird mit der Zeit "gegangen"! Eine bittere Pille, aber Medizin kann nicht "wohlschmeckend sein.