Kolonialismus

Nach Charlottesville: Warum es auch in Deutschland rassistische Gedenkorte gibt

Paul Starzmann17. August 2017
Black Lives Matter
Demonstration für Bürgerrechte in Berlin: Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einen Ableger der „Black Lives Matter“-Bewegung, die sich in den USA gegen Rassismus stark macht.
Die rechte Gewalt im US-amerikanischen Charlottesville entzündete sich an einem Denkmal: der Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee. Auch in Deutschland gibt es Streit um belastete Gedenkorte, an denen bis heute rassistische Massenmörder geehrt werden.

Hakenkreuzfahnen, Hitlergrüße, Hassgesänge – Die Bilder von der Neonazi-Demo im amerikanischen Charlottesville sind schockierend. Trauriger Höhepunkte des rechten Aufmarsches am vergangenen Wochenende: Ein Rechtsextremist rast mit seinem Wagen in eine Gegendemo und tötet die 32-jährige Heather Heyer. Der Grund für die Gewalt: Die Gemeinde will die Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee von der Stadtmitte in ein Museum verfrachten.

Deutsche Bismarck-Statuen: „völlig unkommentiert“

Auch in Deutschland gibt es immer wieder Streit darüber, wie mit ähnlichen Denkmälern umgegangen werden soll. „In Europa zeigt sich das nicht in so geballter Form wie in den USA“, sagt Tahir Della, Sprecher der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“. Aber auch hierzulande gebe es genügend Bürger, die unbedingt an belasteten Gedenkorten festhalten wollten: an Denkmälern aus der Kolonialzeit oder Straßennamen aus dem Dritten Reich.

„Das sind alles Zeichen dafür, wie wenig man sich mit der damaligen Zeit beschäftigt“, sagt Della. Er meint damit Bundeswehrkasernen, die noch heute nach Wehrmachtsgrößen benannt sind. Oder Bismarck-Statuen, die „völlig unkommentiert“ in deutschen Städten stünden. Dellas Kritik richtet sich gegen Otto von Bismarck als Gastgeber der Berliner „Afrikakonferenz“ von 1884. Das damalige Treffen gilt als Wendepunkt von der schrittweisen Kolonialisierung zu einer lückenlosen Aufteilung Afrikas unter den europäischen Großmächten – über die Köpfe der Betroffenen hinweg, die in der Folge erbarmungslos unterdrückt wurden.

Straßen nach rassistischen Massenmördern benannt

Daran denke aber heute kaum jemand, kritisiert Della. „Die negativen Aspekte werden ausgeblendet.“ Er fordert deshalb eine breite Debatte über den Rassismus im öffentlichen Raum. Warum, fragt Della, sei es manchen so wichtig, Straßennamen aus der Kolonialzeit beizubehalten? Straßen, die bis heute nach rassistischen Massenmördern wie Carl Peters, dem Begründer der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“, benannt sind.

Seit Jahren fordern Bürgerrechtsaktivisten, diese Straßen umzubenennen – und sie afrikanischen Intellektuellen oder Freiheitskämpfern zu widmen. Mit speziellen Tafeln und Schildern sollen aus den belasteten Plätzen Erinnerungsorte werden, zum Gedenken an die Opfer von Kolonialismus und Rassismus. So wie in Charlottesville der „Lee Park“ vor Kurzem in „Emancipation Park“ umbenannt wurde. Gegen solche Ideen gebe es hierzulande allerdings „sehr vehementen Widerstand“ von Seiten der weißen Mehrheit, klagt Della. So würden historische Persönlichkeiten, die für Mord und Unterdrückung stehen, in deutschen Städten weiterhin mit Straßennamen geehrt. „Und das geht eben nicht.“

„Raum für Hardcore-Rassisten“

Das Problem mit den Denkmälern und Straßennamen würde viel zu häufig ignoriert, findet Della. „Das lässt dann Raum für Hardcore-Rassisten.“ In der Tat finden an den Denkmälern aus vordemokratischen Zeiten immer wieder Kranzniederlegungen von rechtsextremen Burschenschaften oder Neonazis statt. In der rechten Szene sind Preußentum und Kolonialismus durchaus präsente Themen – inklusive dem üblichen Geschichtsrevisionismus.

Umso mehr fordern die Aktivisten der „Black Community“ in Deutschland eine Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit – wozu aus ihrer Sicht auch eine Umbenennung der problematischen Straßen gehört. Vorbild ist für einige die amerikanische „Black Lives Matter“-Bewegung, die sich auch in Charlottesville an den Anti-Nazi-Protesten beteiligte. „In Amerika wird Rassismus etwas direkter angesprochen, hier findet dagegen noch immer eine Verdrängung statt“, sagt Adetoun Kueppers-Adebisi, Dozentin für Schwarze Literatur an der Berliner Humboldt-Uni. „Deshalb muss Rassismus beim Namen genannt werden.“

Abbau von rassistischen Denkmälern

In den USA hat sich die Rassismus-Debatte seit dem vergangenen Wochenende schlagartig ausgeweitet. Die Kritik hat inzwischen auch Donald Trump und das Weiße Haus erreicht. Was die Statuen des Südstaaten-Generals Robert E. Lee angeht, ist nach der tödlichen Gewalt von Charlottesville plötzlich Bewegung in die Sache gekommen: Im ganzen Land beginnen Städte und Gemeinden, die Lee-Denkmäler abzubauen und ins Museum zu verfrachten – ohne lange Diskussionen.

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