Deutscher Bühnenverein

Carsten Brosda: „Der Kulturfonds ist eine riesige Hilfe.“

Kai Doering27. Mai 2021
Startklar für die Zeit nach Corona: Anhaltisches Theater in Dessau
Startklar für die Zeit nach Corona: Anhaltisches Theater in Dessau
Im Lockdown feiert der Deutsche Bühnenverein sein 175-jähriges Bestehen. Im Interview sagt Präsident Carsten Brosda, warum Corona nicht nur wirtschaftliche Spuren an den Theatern hinterlassen hat und wie wichtig sie für die Gesellschaft sind.

An diesem Donnerstag feiert der Deutsche Bühnenverein sein 175-jähriges Jubiläum mit einem Festakt in Oldenburg. Als Ehrengast wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede halten. Ist Ihnen nach Monaten des Theater-Lockdowns überhaupt zum Feiern zu Mute?

175 Jahre sind ein Jubiläum, das man nicht einfach verstreichen lassen sollte. Deshalb haben wir uns sehr bewusst dafür entschieden, es auch zu feiern, auch wenn wir es uns in einem weitaus größeren Rahmen gewünscht hätten. Dass wir nun immerhin mit 90 Gästen und dem Bundespräsidenten feiern können, freut uns dennoch sehr. Vielleicht kommt das Jubiläum auch genau zum richtigen Zeitpunkt. So können wir uns gemeinsam darauf besinnen, was das Theater ist und welchen Stellenwert es in der Gesellschaft haben sollte. Und es fällt ja auch in eine Zeit, in der Aufführungen wieder möglich werden.

Carsten Brosda

Hinter den Theatern liegt ein halbes Jahr der Schließung. Wie sind sie insgesamt durch diese Zeit gekommen?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch von den Betreibern ab. Ökonomisch sind die staatlichen Theater mithilfe der Kurzarbeit und der Verantwortung der Träger bisher halbwegs vernünftig durch die Corona-Krise gekommen. Bei den privaten Theatern sieht das anders aus. Da gibt es zwar auch staatliche Hilfe, aber wer ein privatwirtschaftliches Geschäftsmodell hat, muss schon sehr genau kalkulieren, damit er klarkommt. Allen Bühnen, egal ob staatlich oder privat getragen, steckt aber das Gefühl in den Knochen, dass Kultur in unserer Gesellschaft nicht den Stellenwert bekommt, den sie verdient. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder das Gefühl vermittelt, Kultur sei eine lässliche Nebensache, um die man sich kümmern kann, wenn alle wichtigen Dinge abgearbeitet sind. Das nagt an vielen und wir müssen dringend dafür sorgen, dass die große gesellschaftliche Bedeutung und die Rolle der Kultur von allen anerkannt werden.

Schon vor Corona gab es eine Entwicklung, Theater aus Kostengründen zusammenzulegen und Ensembles zu verkleinern. Fürchten Sie, dass die aktuelle Situation das weiter beschleunigen könnte?

Wir gucken schon etwa bang auf die Finanzsituation der Kommunen in den kommenden Jahren und haben die Sorge, dass in den Kulturhaushalten gespart werden könnte. In einigen Städten deutet sich das ja bereits an. In einer ohnehin wirtschaftlich schwierigen Situation noch mit verringerten Zuschüssen arbeiten zu müssen, wäre eine nahezu unlösbare Aufgabe. Kultur gilt in kommunalen Haushalten ja leider als freiwillige Leistung. Die Städte sind also nicht gesetzlich zur Finanzierung verpflichtet. Deshalb bin ich auch für Initiativen dankbar, die eine Aufnahme der Kultur ins Grundgesetz fordern. Das würde ein klares Signal setzen, dass der Staat eine Verantwortung für die Finanzierung der Kultur in unserem Land trägt. Dass die Forderung auch im Zukunftsprogramm der SPD für die Bundestagswahl steht, freut mich daher sehr.

Die Bundesregierung hat gerade einen Kulturfonds auf den Weg gebracht, mit dem u.a. Eintrittskarten bezuschusst werden sollen, um den Theatern den Neustart nach Corona zu erleichtern. Reicht das aus?

Olaf Scholz hat den Fonds vollkommen zurecht das größte Kulturförderprogramm genannt, das der Bund jemals aufgelegt hat. Einige Details in der letztendlichen Ausgestaltung mit dem Kanzleramt hätte ich mir anders gewünscht, aber im Großen und Ganzen ist dieser Kulturfonds eine riesige Hilfe. Er setzt genau da an, wo in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich das Problem liegen wird, dass zwar wieder Veranstaltungen stattfinden dürfen, aber wegen der Pandemie nur vor einem eingeschränkten Publikum. Das bedeutet auf der einen Seite volle Kosten, weil auf der Bühne das volle Programm stattfindet, auf der anderen Seite aber nur einen Bruchteil der Einnahmen. Der Kulturfonds gleicht das aus, indem er auf den Erlös der verkauften Eintrittskarten eine Summe drauflegt. Das ist unbürokratisch und führt dazu, dass sich kulturelle Veranstaltungen auch betriebswirtschaftlich rechnen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Künstlerinnen und Künstler, die auf der Bühne stehen, sondern auch auf die ganzen Mitarbeiter im Hintergrund. Der Ausfallfonds für Veranstaltungen, die geplant werden, aber am Ende möglicherweise kurzfristig doch nicht stattfinden können, schafft zusätzliche Sicherheit.

Der Deutsche Bühnenverein wurde gegründet, um eine einheitliche Regelung der Arbeitsverhältnisse an den deutschen Hof- und Stadttheatern zu erreichen. Wie versteht es sich heute?

In der Tat ist der Deutsche Bühnenverein mehr als ein Arbeitgeberverband. Neben dem Thema der Tarifverträge ist der Deutsche Bühnenverein inzwischen zu einem Forum für alle bühnenbezogenen Themen in Deutschland geworden. Dabei geht es in den letzten Jahren vor allem um die Frage, wie wir die Zusammenarbeit in den Theaterbetrieben gestalten. Die aktuellen Diskussionen um Machtmissbrauch und Diskriminierung zeigen, dass da noch sehr viel zu tun ist. Bereits 2018 haben wir einen wertebasierten Verhaltenskodex beschlossen, in dem wir beschreiben, wie wir uns die Zusammenarbeit in Theatern und Orchestern vorstellen. In diesem Jahr soll er weiterentwickelt werden. Vor allem aber werden wir dafür sorgen, dass es nicht bei dem Papier bleibt, sondern dass der Kodex auch in die betriebliche Wirklichkeit übersetzt wird. Die Theater müssen den Anspruch haben, nicht nur auf der Bühne Avantgarde zu sein, sondern auch im innerbetrieblichen Miteinander. Die Gestaltung der Arbeitsverträge spielt dabei eine wichtige Rolle.

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