...und sie schauen doch zu

Bundesliga-Geisterspiele: Nicht systemrelevant, aber wichtig genug

Benedikt Dittrich18. Mai 2020
Journalist*innen gehörten zu den wenigen erlaubten Gästen beim Bundesliga-Neustart in der Corona-Krise.
Journalist*innen gehörten zu den wenigen erlaubten Gästen beim Bundesliga-Neustart in der Corona-Krise.
Nach dem ersten Fußball-Wochenende seit Monaten zeigt sich: Die Kritik an den Geisterspielen ist scheinheilig – und der Profi-Fußball der Männer in der Corona-Krise wohl doch wichtiger, als viele sich eingestehen wollen.

Was wurde in den vergangenen Wochen alles diskutiert zum Neustart der Bundesliga. Über den Sinn von Hygienekonzepten in einem Kontaktsport, über Zuschauer vor den Stadien und die kommerziellen Interessen der deutschen Vereine und deren Investoren, die auf Kosten von Gesundheits- und Infektionsschutz unbedingt den Ball wieder rollen lassen wollten.

Und jetzt das: Der Bezahlsender Sky verzeichnete gute Einschaltquoten am ersten Bundesliga-Wochenende nach der Corona-Auszeit und wo die Gastronomie wieder öffnen und Spiele zeigen durfte, prosteten sich Menschen mit Biergläsern in der Hand zu, schauten gebannt auf den Fernseher. Die Geisterspiele, sie lockten offensichtlich doch zahlreiche Menschen, obwohl die für viele so wichtige Stadionatmosphäre fehlte. Aber – und das ist zunächst die beste Nachricht – die großen Ansammlungen vor den Stadien blieben aus, die Fans bewiesen einmal wieder, dass sie viel vernünftiger sind als ihr Ruf.

Wer einschaltet, macht mit

Doch andererseits sollte man sich auch ein Stück weit ehrlich machen: Diejenigen, die am Wochenende den Liveticker oder die Fußballkonferenz in Fernsehen oder Radio eingeschaltet haben, sind auch diejenigen, die jetzt der Deutschen Fußball Liga (DFL) und der gesamten finanzkräftigen Lobby hinter dem Massenspektakel Fußball Argumente liefern – abseits von den Geldern aus den Übertragungsrechten, um die es natürlich vorrangig geht.

War der Neustart der Liga zu früh, ist Fußball nicht völlig unwichtig in der Corona-Krise, warum wird vor allem über die Existenz der Vereine und männlichen Profifußballer geredet, nicht aber über andere Sportarten, von Handball über Basketball bis hin zum Breiten- und Behindertensport? Dass für andere Sportler*innen die Saison schon abgebrochen wurde, in einigen Ligen bereits viele Vereine insolvent sind – alles nur Fußnoten im Vergleich zur Bundesliga-Debatte.

Dass es vielen Fans nicht nur um das Ergebnis, um die Tabelle am Ende des Spieltages geht, ist klar. Es geht auch um Stimmung im Stadion, Unterstützung des Vereins, für einige ist Fußball der zentrale Lebensinhalt. Auf Fußballkultur verzichten zu müssen, ist hart. Wer aber auf der einen Seite die Geisterspiele verteufelt, die Kommerzmaschine Fußball anprangert und andererseits eben trotzdem das ganze Spiel live verfolgt, legitimiert das System schlussendlich doch wieder: Am Ende ist es einem dann eben doch nur wichtig, dass überhaupt gespielt wird – egal ob im ausverkauften Stadion oder vor leeren Rängen. Aller Kritik im Vorfeld zum Trotz.

Scheinheilige Debatte um Geisterspiele

Es ist für viele Fans wichtig zu wissen, dass die Dortmunder die Schalker mit 4:0 vom Platz fegten, dass Union Berlin gegen den FC Bayern München 0:2 verlor – ob mit oder ohne Zuschauer*innen. Denn es geht auch darum, dass der Ball wieder rollt und dass jede*r das live sehen, hören oder lesen kann. Deswegen spielen wir als Konsument*innen eine entscheidende Rolle beim Milliardengeschäft Fußball. Weil wir nicht nur ins Stadion gehen, sondern weil wir eben auch einschalten, hinhören, mitlesen. Entsprechend sorgen wir mit unserem Verhalten genauso für das Geschäft, das wir in den vergangenen Tagen so kritisiert haben. Wer eben dieses Geschäft kritisiert und jetzt trotzdem eingeschaltet hat, ist in seinem Verhalten nicht konsequent, sondern ein scheinheilig.

Solange trotz der Kritik die Geisterspiele geschaut und diskutiert werden, können die Sportfunktionäre genau darauf verweisen: Der Profi-Fußball ist vielleicht nicht systemrelevant, aber für viele eben doch wichtig genug, um trotz leerer Stadien mitzufiebern, den Alltag für ein paar Minuten links liegen zu lassen. Das schafft in der Form keine andere Sportart in Deutschland und vermutlich wird auch deswegen der Fußball von der Politik bevorzugt behandelt – neben den Milliardeneinnahmen aus Übertragungsrechten, Werbeverträgen und Sponsoring.

Diese Argumentation muss man nicht mögen, sie gehört aber zu einer ehrlichen Diskussion dazu. Deswegen standen die Spieler vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auf dem Platz.

„Vorwärts“-Redakteur Jonas Jordan ist anderer Meinung: Das Geisterspiel-Wochenende hat die Argumentation der DFL entlarvt – und gezeigt, wie absurd Fußball ohne Fans ist.

weiterführender Artikel