Filmtipp

„Borderland Blues“: Schöne Bilder aus dem Tal des Todes

Nils Michaelis12. Mai 2017
Borderland blues
Szene im Film Borderland Blues: Dieser Farmer hat die vielen Überwachungskameras satt.
US-Präsident Donald Trump träumt von der Abschottung. An der südlichen Grenze der USA ist diese Vision längst Realität. Einige wehren sich allerdings dagegen. Der Dokumentarfilm „Borderland Blues“ zeichnet ein vielschichtiges Bild von der Situation im Schatten der Sperranlagen.

Vom Berg aus betrachtet, scheint sich ein riesiger Lindwurm durch die Wüste zu bewegen. Geradezu sanft schmiegt sich das lange Ding an die kleinen Hügel unter der grellen Sonne. Wir sind im Süden Arizonas und die dunkle Linie im Sand ist der Sperrwall, den die USA an der Grenze zu Mexiko errichtet hat. Dem US-Präsidenten Donald Trump schwebt bekannterweise vor, die gesamte Demarkationslinie zum südlichen Nachbarland hermetisch abzuriegeln, um, wie er sagt, Horden mexikanischer Billigarbeiter und Drogenhändler fern zu halten. Bereits unter seinem Amtsvorgänger Bill Clinton hatte die Regierung mit dem Bau erster Mauerabschnitte begonnen. Der republikanische Senator John McCain spricht von der am meisten militarisierten Grenze, die seit dem Fall der Berliner Mauer errichtet wurde.

Flucht in den Tod

Man mag sich nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wäre die Grenze tatsächlich komplett abgeriegelt. Surreal ist die Situation auch jetzt schon. Und grausam: Jahr für Jahr sterben rund 300 Migranten auf dem Weg gen Norden allein hier, in der Sonora-Wüste. Manchmal finden sie die martialisch auftretenden Angehörigen der paramilitärischen Grenzwacht, einer Art Bürgerwehr, angetreten, um dieses weite karge Land zu beschützen. Manchmal sind aber auch die Aktivisten der Organisation „No More Deaths“ zuerst da. Sie kennen die geheimen Pfade aus dem Süden und hinterlassen Essen und Wasser für die Einwanderer. Und das immer wieder vergeblich.

Abwehrhaltung kontra Mitgefühl gegenüber sogenannten Illegalen: In vielen Ländern gibt es diese Polarisierung derzeit. Trump selbst sorgte für besonders schrille Töne in der Debatte. Ähnliches, wenngleich weniger aggressiv vorgetragenes Gedankengut, legt auch Gudrun Grubers Dokumentarfilm bei der Reise entlang der allein in Arizona 1.100 Kilometer messenden Grenzanlage offen. Breiten Raum bekommen die Befragten des Hinterlandes der hochgerüsteten Absperrung, um ihre Erfahrungen mit der Zuwanderung aus Mexiko zu schildern.

Das Geschäft mit dem Grenzschutz

Gruber betreibt hierbei keine Apologie, versucht aber durchaus, die Gedankenwelt der Menschen am geografischen Rand der USA aus der Lage vor Ort heraus zu begreifen. Menschen, die sich nicht unbedingt rassistisch äußern, wohl aber frustriert sind, weil sie sich von der Politik mi den Folgen der Einwanderung über die, an vielen Stellen noch immer durchlässige, Grenze alleingelassen fühlen, während die Regierung daran arbeitet, allein die technische Überwachung zu perfektionieren und auszubauen, selbst wenn sich Farmer von all den Kameras ausspioniert fühlen. Andererseits erleben wir auch die besagten Engagierten, die mit ihrer Arbeit für Migranten für eine aufgeschlossene Tendenz in der Gesellschaft stehen. Angenehmerweise geschieht all dies ohne erhobenen Zeigefinger, vielmehr befördert die behutsame Herangehensweise der jungen Regisseurin, die derzeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert, interessante Zwischentöne.

Und das auch bei den Menschen, die bereits jetzt, auch auf der US-Seite, unter dem Ausbau der Grenze leiden. Zum Beispiel die Bewohnerin eines Reservates für Ureinwohner. Der Zaun teilte ihr Land in zwei Hälften. Ein Besuch bei der Border Security Expo, der weltweit größten Messe für Grenzsicherheitstechnik zeigt schließlich, wie die, gerade vom gegenwärtigen Regenten im Weißen Haus, gepflegte Abschottungsrhetorik den Überbau – oder gar die Basis? – für einen boomenden Industriezweig liefert. Gleichzeitig fragt man sich, wer hier eigentlich wen befeuert.

Realer Horror an der Grenze

Und da wären natürlich noch die opulenten Landschaftsaufnahmen. In den langsamen Einstellungen, die ebenjene Schönheit und Grausamkeit dieser Gegend atmen, die einst als Hort der Freiheit verklärt wurde, erlangt das Thema eine epische Dimension, erinnern die Bilder gar an ein Gemälde. Dann wieder zerreißt die dokumentarische Kamera jeglichen ästhetischen Schleier. Mitunter erinnert die Szenerie rund um die Endlos-Sperranlage an einen Endzeitfilm. Doch dieser, wie aus der Zeit gefallene Horror ist real.

Info: „Borderland Blues“ (Deutschland 2016), ein Film von Gudrun Gruber, Kamera: Bernd Effenberger, 73 Minuten

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