Zum Tod von Hilde Purwin

Eine Bonner Institution

Carl Schulz27. April 2010

Sie war eine der wenigen, die über Jahrzehnte vom Mittelpunkt des Geschehens, dem, was später die Bonner Republik genannt wurde,
so kontinuierlich berichtet hat. Sie war in jenen Jahren eine Bonner Institution.

Sie hatte beim "Telegraf" in Berlin ihr Handwerk gelernt, aber die Zeitung schickte sie bald dorthin, wo Bundespolitik gemacht wurde. Zunächst übertrug man ihr die Aufgabe, in Frankfurt am
Main
die Deutschland-Ausgabe ihres Blattes zu koordinieren und über den in der Stadt tagenden Wirtschaftsrat zu berichten. Bald war der
Parlamentarische Rat in Bonn ihr Thema. Schließlich galt es, den Auftakt der Arbeit von Bundestag und Bundesregierung zu beobachten. Sie tat dies mit Leidenschaft. In ihrer bisher
nicht veröffentlichten Autobiographie schreibt sie: "In jenen Anfangszeiten Journalist in Bonn zu sein, war jeden Tag und manche Nacht spannend und aufregend."

Unter ihren Bonner Kollegen galt Hilde Purwin als eine Journalistin
mit politischem Gespür und Mut. Sie hatte einen guten Draht zu den meisten führenden Politikern, auch zum ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer. Sie gehörte zwar nicht
zu den ständigen Gästen seines Journalisten-Tee-Kreises, dazu sei sie zu jung und zu wenig regierungsfromm gewesen, schreibt sie. Aber bei zufälligen Begegnungen in der Lobby des Bundestages oder
im Restaurant habe sich Adenauer manchmal mit ihr unterhalten. Er habe fast immer mit dem Satz begonnen: "Ich weiß ja, dat Se falsch wählen, Frau Purwin" Er rede trotzdem gern mal mit ihr, weil
Frauen die Politik mit anderen Augen betrachteten als Männer.

Unter vier Augen mit Adenauer

Ein Scoop gelang ihr nach einem Abend im Spätherbst 1959, als Adenauer zu einem Hintergrundgespräch im Presseclub eingeladen war, dem kleinen Kreis überwiegend
konservativer Bonner Journalisten, dem sie dennoch angehörte. Da der Alte so gut gelaunt gewesen sei, habe sie ihm die Frage gestellt: "Warum, Herr Bundeskanzler, halten Sie so wenig von Ihrem
Wirtschaftsminister und Vizekanzler Erhard?" Obwohl in dem Kreis Vertraulichkeit vereinbart war, schwieg sich Adenauer dazu aus, aber er lud sie zu einem Vier-Augen-Gespräch ins Kanzleramt ein.
Das Treffen fand wenige Tage später statt. Sie durfte sich, wie sie erzählt, auch keine Notizen machen. Wie erwartet, äußerte sich Adenauer ziemlich abfällig über Erhard. Er hielt ihn für völlig
ungeeignet, seine Nachfolge anzutreten.

Hilde Purwin nahm auch die Gelegenheit wahr, über andere Themen mit dem Bundeskanzler zu reden, unter anderem über seine Politik gegenüber dem Osten. Auch hier fielen
seine Antworten ziemlich offen aus, Am Ende entlockte sie ihm das Zugeständnis, doch etwas für ihre Zeitung, damals bereits die "Neue Ruhr Zeitung", aus dem Gespräch zu machen. Er verlangte aber,
dass er es vorher lesen wollte. Dies geschah, und zur Verwunderung Hilde Purwins änderte er das Manuskript, praktisch ein Gedächtnisprotokoll, nur an zwei Stellen unwesentlich in seiner steifen
Handschrift. Er ließ auch seine Äußerung unkorrigiert, dass er froh wäre, wenn Chruschtschow ihn bald in Bonn besuchen würde. Als das Interview am nächsten Tag in der NRZ erschien, stand Bonn
Kopf. Der damalige Pressesprecher Felix von Eckardt geriet in arge Verlegenheit. Er war von Adenauer nicht darüber informiert worden.

"Köpfe müssen rollen"

Ihre Professionalität bewies Hilde Purwin auch gegenüber der Partei, der sie - wie ihr Mann, ebenfalls Journalist - nach dem Krieg beigetreten war, der SPD. Unabhängigkeit
war ihr offenbar wichtiger als Parteiräson. Als die Sozialdemokraten unter Führung Erich Ollenhauers 1953 die Bundestagswahl haushoch verloren hatten, kommentierte sie in ihrer Zeitung "Köpfe
müssen rollen". Das brachte ihr riesigen Ärger ein. Sogar ein Parteiausschluss drohte.

Hilde Purwin gehörte zu den ganz wenigen Bonner Journalistinnen und Journalisten, die Zugang zu Herbert Wehner fanden. In ihrer Autobiographie schildert sie die Umstände
ihres ersten Interviews mit dem "Onkel" Anfang der fünfzigen Jahre: "Termin: Ein Sonntagmorgen in seiner Wohnung … Als ich klingelte, öffnete er die Tür und legte seinen Zeigefinger an den Mund.
Der Grund … im schmalen Flur schliefen zwei Männer auf Feldbetten.." Wehner habe ihr erklärt, dass es sich um DDR-Flüchtlinge handele, die völlig erschöpft vor seiner Haustür gestanden hätten.
"Auf Herbert Wehner," so Frau Purwin, "trifft der Spruch vom weichen Kern hinter harter Schale haargenau zu."

Ihr Urteil über Wehner, der später in seiner Partei die treibende Kraft für die Bildung einer großen Koalition wurde, fiel überschwänglich aus. "Er war der Mann, der in
meinen Augen so bedeutend ist wie Adenauer und mit jenem zusammen alle anderen Politiker der Nachkriegsjahre weit überragte."

Für Schmidt als Kanzler plädiert

Auch zu den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt hatte Hilde Purwin eine große Nähe. Sie schätzte Brandts Ostpolitik. Ein "Höhepunkt dieser erregenden,
hoffnungsvollen Zeit war für mich die Reise nach Erfurt im April 1970." Sie erwähnte in diesem Zusammenhang gern die Busfahrt von Erfurt nach Weimar, auf der sie zum ersten Mal nach dem Kriege
ihren Geburtsort Obernissa wiedersah. "Da kamen mir die Tränen, die ich zuvor trotz aller stürmischen Anteilnahme am Geschehen dieses Tages zurückhalten konnte." In Weimar hatte Hilde Purwin 1937
Abitur gemacht.

Für ihre journalistische Arbeit erwies sich als günstig, dass Schmidt nach der Guillaume-Affäre Nachfolger Brandts wurde. Den Hamburger Sozialdemokraten hatte sie bereits
vor der Konstituierung des ersten Deutschen Bundestages kennengelernt, und zwar auf einem Treffen der Partei in Strassburg. Sie nutzte den Kontakt zu Schmidt und fragte ihn kurz nach der
Entscheidung, ob er sich nicht über diese Schicksalsfügung freue. "Da wurde Helmut Schmidt wütend. Er habe Brandt dringend, leider vergeblich, vom Rücktritt abgeraten, denn es sei doch eine
erbärmliche Sache, dass ein deutscher Bundeskanzler wegen eines miesen kleinen DDR-Spions sein Amt aufgebe."

Hilde Purwin hat in ihren Kommentaren ohne Wenn und Aber für Schmidt als Kanzler plädiert. Sie schätzte an ihm vor allem die hanseatische Nüchternheit, mit der er
Probleme anpackte. "Gerade in einer Zeit, in der die Ölkrise die Weltwirtschaft in Bedrängnis brachte, wurde Helmut Schmidt der richtige Kanzler zur richtigen Zeit."

Hilde Purwin berichtete am Ende ihrer aktiven journalistischen Arbeit
nur noch über die ersten beiden Jahre Kanzlerschaft Helmut Kohls. Sie ging 1984 in den Ruhestand. Zu seinem Start merkte sie damals an, er sei der erste Bundeskanzler, der sich von
Kindesbeinen an ausschließlich auf die Politik konzentriert habe mit dem Ziel, Kanzler zu werden. Sie erinnert daran, dass er sich gern als Enkel Adenauers bezeichnet habe. Das habe ihm viel
Spott von Seiten der wahren Enkel des ersten Bundeskanzlers eingetragen.

Wer beide Männer erlebt habe, wird nach ihrer Ansicht vom Großvater-Enkel-Stammbaum ebenfalls nichts halten. An Kohl vermisste sie unter anderem die "taktische
Raffinesse" Adenauers. Je länger Kohl jedoch im Kanzleramt sitze, so Purwins Schlussfolgerung damals, umso weniger brauche er Ahnenforschung zu betreiben. Er stehe auf eigenen Füßen wie alle
seine Vorgänger. Und sie wagt das Resümee: "Im alten Streit darüber, ob Männer Geschichte machen, entsprechen die sechs Bundeskanzler eher der Gegenthese, dass sich die Geschichte die Männer
sucht, die sie jeweils braucht."

Schlüsselrolle in deutsch-italienischen Beziehungen

Was Hilde Purwin als junge Frau während der letzten Kriegsjahre gemacht hat, hat sie in ihrer Bonner Zeit
nur ganz wenigen Menschen anvertraut. Sie war 1941 als deutsche Agentin in Rom kriegsdienstverpflichtet, nicht etwa, weil sie den Nationalsozialisten dienen wollte, sondern aus
einem schlichten Grund: Die Nazis suchten händeringend jemanden, der gut italienisch sprechen konnte. Sie hatte nach dem Abitur in Leipzig noch ihr Diplom in dieser Sprache erworben.

Sie erzählte gern, wie leicht es für sie gewesen sei, ihren Arbeitgeber, das Reichssicherheitshauptamt, mit harmlosen Berichten zufrieden zu stellen. Was schlimme Folgen
für einzelne Menschen hätte haben können, unterschlug sie in ihren Berichten einfach, erzählt Hilde Purwin.

Eine Schlüsselrolle in den deutsch-italienischen Beziehungen sollte ihr, die inzwischen mit dem späteren Major im Generalstab, Gerhard Beetz, verheiratet war, ab 1943
zufallen. Sie erhielt nun den Auftrag, den ehemaligen italienischen Außenminister Ciano und dessen Frau, Mussolinis Tochter Edda, zu beobachten, die von den Deutschen in einer Villa in
Allmannshausen am Starnberger See einquartiert worden waren. Sie wollten von dort aus ins Exil nach Spanien
gehen. Brennend interessiert waren die Nazis vor allem an Cianos Tagebüchern.

Zwischen Ciano und Frau Beetz, die dort
unter dem Decknamen Felizitas auftrat, entwickelte sich ein offenes, vertrauensvolles Verhältnis. Mit ein paar klugen Schachzügen hinterging sie die deutsche Seite und brachte es
fertig, Berlin für einen Plan zu gewinnen, der der Familie Ciano zur Flucht und den Deutschen zu den Tagebüchern verhelfen sollte. Allerdings gelang es nur Edda, sich in die Schweiz abzusetzen -
mitsamt den begehrten Tagebüchern. Ansonsten scheiterte Frau Beetz mit ihrem Vorhaben. Ciano selbst musste in Verona bleiben und wurde dort wegen Verrats vor Gericht gestellt und zum Tode
verurteilt.

Diese Geschichte ist in Italien bekannt. Ausführlich beschrieben hat sie der vor zwei Jahren verstorbene Publizist Erich Kuby in seinem Buch "Verrat auf deutsch - wie das
Dritte Reich Italien ruinierte", allerdings bleibt dem Autor die Identität von Hildegard Beetz mit der späteren Hilde Purwin verborgen.

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