Vor 60 Jahren

Blauer Himmel über der Ruhr: Wie Willy Brandt den Umweltschutz begründete

Kai Doering28. April 2021
Willy Brandt 1961: Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.
Willy Brandt 1961: Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.
„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“ Das sagte Kanzlerkandidat Willy Brandt am 28. April 1961. Dass damit die Umweltpolitik in Deutschland begonnen hatte, konnte damals noch niemand ahnen.

Es ist ein Satz, der damals fast untergeht an diesem 28. April 1961. Die SPD trifft sich an diesem Tag in der Beethovenhalle in Bonn, um ihr Programm für die Bundestagswahl im Herbst zu beschließen. Unter der – heute etwas merkwürdig anmutenden – Überschrift „gesundes Volk in einem gesunden Staat“ listet Kanzlerkandidat Willy Brandt Versäumnisse der CDU-Bundesregierung unter Konrad Adenauer auf.

Der blaue Himmel – eine gewagte Forderung

„‚Reine Luft‘, ‚reines Wasser‘ und ‚weniger Lärm‘ dürfen keine papierenen Forderungen bleiben“, fordert Brandt. „Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Verschmutzung von Luft und Wasser eine Zunahme von Leukämie, Krebs, Rachitis und Blutbildveränderungen sogar schon bei Kindern festzustellen ist. Es ist bestürzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt wurde.“

Und dann sagt Willy Brandt einen Satz, der bis heute mit ihm verbunden wird: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“ Es ist eine gewagte Forderung, denn zu dieser Zeit ist der Himmel über dem Ruhrgebiet vieles, aber nur in den seltensten Fällen blau. Rund 80 Hochöfen und 100 Kraftwerke stoßen Anfang der 60er Jahre so viel Kohlestaub und CO2 aus, dass vielerorts die Wäsche nicht unter freiem Himmel getrocknet werden kann – sonst wäre sie hinterher dreckiger als vor dem Waschen. Im Winter fällt der Schnee häufig grau, manchmal sogar schwarz vom Himmel.

Beginn umweltpolitischen Denkens in Deutschland

Noch schlimmer sind die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen: Im Kern des Ruhrgebiets ist das Risiko an Leukämie, Krebs oder Rachitis zu erkranken deutlich höher als im Rest des Landes. Schon bei Neugeborenen gibt es Mangelerscheinungen. Die Kritik Brandts in der Bonner Beethovenhalle trifft also einen wunden Punkt – und doch sind die Reaktionen zunächst vernichtend. „Kübel voller Hohn“ habe man wegen seiner Äußerungen über ihm ausgekippt notiert Brandt wenig später.

Und doch bedeuten seine Worte und seine Forderung vom „blauen Himmel über der Ruhr“ einen Paradigmenwechsel in der deutschen Politik. Brandt habe aufmerksam gemacht „auf die Schattenseiten des deutschen Wirtschaftswunders“, lobte das Umweltbundesamt 50 Jahre später zum Jahrestag der Rede. Sie könne „zu Recht als der Beginn umweltpolitischen Denkens in Deutschland gelten“. Brandt habe damit „– lange bevor es die Begriffe Umweltschutz oder Umweltpolitik gab – ein regionales und bis dahin vernachlässigtes Problem ins Blickfeld gesellschaftspolitischer Debatten“ gerückt.

Sensibilität für Umweltpolitik geweckt

Die Anregung zu Brandts Äußerung kam wohl von Heinrich Deist. Der Gewerkschafter war Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlunternehmens „Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation“ und wäre Wirtschaftsminister geworden, hätte die SPD die Bundestagswahl gewonnen. Deist immerhin errang bei der Wahl das Direktmandat in Bochum.

Doch auch wenn sich 1961 weder die SPD noch Brandts Forderung nach dem „blauen Himmel über dem Ruhrgebiet“ durchsetzen konnte: Der Anfang war gemacht. „Willy Brandt hat damals – zunächst verspottet – die Sensibilität für ein Thema geweckt, in dem sich nach ‚Fresswelle‘ und ‚Wirtschaftswunder‘ die Schattenseiten des Landes auf dem Höhepunkt der Industrialisierung zeigten“, schrieb der damalige Bonner SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber anlässlich des 50. Jahrestags der Rede 2011.

„Dieser ‚blaue Himmel über der Ruhr‘ war dann auch  eine  zentrale  Forderung  im  erfolgreichen Wahlkampf zur Bundestagswahl 1969“, betont Kelber. In seiner folgenden Regierungserklärung räumte Willy Brandt dem Umweltschutz einen besonderen Vorrang ein. 1970 legte die sozial-liberale Koalition ein Sofortprogramm zum Umweltschutz auf. Im September 1971 folgte das erste Umweltprogramm einer Bundesregierung. „Der Anstoß zum Umweltschutz als Politik für mehr Lebensqualität und mehr soziale Gerechtigkeit war“, so Kelber, „durch Willy Brandt und die SPD erfolgt“.

Hier kann die Rede Willy Brandts im Vorwärts vom 3. Mai 1961 nachgelesen werden.

Kommentare

Der blaue Himmel über der Ruhr

Das war schon ein wichtiges Signal damals, aber Welly Brands Nachfoger waren Umweltschutz, Verbesserung des Wohnumfeldes, Immissionsschutz am Arbeitsplatz etc. nicht mehr so wichtig; das bescherte uns die Grünen, die damals noch sozial(istisch)e Ansätze vertraten, statt wie heute eine bellizistische FDP-mit Fahrrad zu sein.
Allerdings fängt sozialdemokratisches Engagement in diese Richtung schon viel früher an, nämlich bei Marxundengels, Debatten in der "Neuen Zeit", und wir sollten auch die sozialdemokratisch orientierten "Naturfreunde" nicht vergessen.