Zwei Jahre nach Hanau

Bildungsinitiative Ferhat Unvar: Aufklärung gegen Rassismus

Jonas Jordan18. Februar 2022

Eine Kooperation mit bnr.de

In Erinnerung an den beim Anschlag in Hanau Ermordeten hat sich die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.
In Erinnerung an den beim Anschlag in Hanau Ermordeten hat sich die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.
Ferhat Unvar starb mit 23 Jahren beim Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020. An seinem 24. Geburtstag haben Familie und Freunde die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet. Sie klärt bundesweit über Rassismus auf.

Ali Yildirim ist ein Kindheitsfreund von Ferhat Unvar. Dieser wurde beim rechtsterroristischen Anschlag in Hanau vom 19. Februar 2020 getötet. Im Alter von 23 Jahren. Weil Unvar während seiner Schulzeit häufig mit Rassismuserfahrungen, auch durch Lehrer*innen, zu kämpfen hatte, gründeten Freunde und Familie an seinem 24. Geburtstag im November 2020 die Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Sie will bundesweit durch antirassistische Bildungsarbeit aufklären und sensibilisieren. Die Initiative geht auf Unvars Mutter Serpil Temiz Unvar zurück.

Yildirim: „Aus Wut und Trauer etwas Positives machen“

Yildirim war als Gründungsmitglied dabei und ist bis heute Projektkoordinator der Initiative. „Nach dem 19. Februar war ich sehr wütend und wusste nicht, wie ich mit diesem Gefühl umgehen soll“, sagt er im Gespräch mit dem „vorwärts“. Deswegen sei er sehr froh gewesen, dass er Serpil Termiz Unvar getroffen habe, berichtet Yildirim. „Sie hat gesagt, wir machen jetzt was dagegen. Das gibt mir die Möglichkeit, aus dieser Wut und dieser Trauer etwas Positives machen zu können.“ Zunächst war er mehr als ein Jahr lang ausschließlich ehrenamtlich für die Initiative aktiv, seit Anfang des Jahres hat er eine halbe Stelle als Projektkoordinator.

„Uns war klar, dass wir speziell im Gedenken an Ferhat etwas machen und auf jeden Fall einen bildungspolitischen Weg gehen wollen“, sagt er. Es gehe der Initiative darum, Präventivarbeit zu leisten und zukunftsorientiert sowie langfristig zu denken, um durch Bildungsarbeit für gesellschaftliche Veränderungen zu sorgen. Im Fokus steht dabei die Aufklärung gegen Rassismus, insbesondere bei jungen Menschen. Deswegen arbeitet die Initiative deutschlandweit mit Schulen zusammen, aber auch beispielsweise mit Unternehmen, die ihre Mitarbeiter*innen in Bezug auf Rassismus sensibilisieren wollen.

Training durch die Bildungsstätte Anne Frank

Die rund dreistündigen Workshops laufen so ab, dass stets zwei Vertreter*innen der Initiative vorbeikommen und rund um das Thema Rassismus interaktiv versuchen, Kompetenzen zu vermitteln. Eine Person ist dabei in der Regel ein*e erfahrene*r Bildungsreferent*in, hinzu kommt eine junge Person aus der Bildungsinitiative, vielfach Freund*innen des verstorbenen Ferhat Unvar. Diese haben eine Demokratietrainerausbildung bei der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt erhalten. „Wir sind eine Selbstorganisation aus der Betroffenenperspektive und mussten erst einmal lernen, was ein Workshop eigentlich ist“, erklärt Yildirim. Der Ansatz sei mit Blick auf die Bildungsarbeit an den Schulen, mit den Schüler*innen gemeinsam etwas herauszuarbeiten, damit sie am Ende auch etwas für sich mitnehmen können. 

Antirassismus sollte bereits Teil der pädagogischen Ausbildung von Lehrer*innen sein, ebenso wie Teil des Schulalltags, fordert Yildirim. Er habe an einer Hanauer Schule Abitur gemacht und während seiner eigenen Schulzeit nicht einmal über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) im Unterricht gesprochen, berichtet er. Es sei nun „allerhöchste Eisenbahn“, um stärker auf Probleme wie Rechtsextremismus und Rassismus aufmerksam zu machen. „Das rechte Lager vernetzt sich immer mehr. Da muss es einfach auch eine Gegenmobilisierung geben. Wir haben zu lange weggeschaut und das Problem nicht ernst genug genommen. Jetzt muss man die Suppe über eine sehr, sehr lange Zeit hinweg auslöffeln“, sagt er.

Demonstration zum Jahrestag

Seit dem Anschlag vor zwei Jahren gebe es eine wachsamere und solidarischere Zivilgesellschaft. Vor allem junge Menschen vernetzten sich stärker über soziale Medien. Zum zweiten Jahrestag des Anschlags haben sie am Samstag eine Demonstration mit vielen Jugendorganisationen aus der Region in Hanau geplant. „Wir müssen jetzt gucken, wie wir nach vorne schauen. Da war es uns wichtig, dass sich viele junge Menschen an der Demo beteiligen und man die jungen Stimmen noch mal laut werden lässt“, sagt Yildirim.

Eine Kooperation mit bnr.de

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Kommentare

Wenn Indoktrinierung was brächte...

Wenn politisch vorgekaute "gute Gedanken" irgendwie effizient wären dann ist bei regelmäßiger, alljährlicher schulischer Behandlung des Nationalsozialismus doch eigentlich ein NSU genauso unmöglich wie jedwede politische Initiative zur "Einschränkung" von Bürgerrechten.

Auch ist "Bildung" als "Gegenmittel!" nicht effizient, das sieht man schon daran das keiner mehr zu wissen scheint, woher der inflationär gebrauchte Begriff "Antisemitismus" überhaupt kommt, bzw. wes Geistes Kind diesen mit welcher Zielrichtung erfand.
https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/37945/wa...
https://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus

Ebenso unzweckmäßig ist das permanente Aufdrängen einer wie schwammig auch immer definierten "Toleranz", statt der für ein echtes Zusammenleben wesentlich wichtigeren Akzeptanz. "Tolerieren" heißt "ertragen", so viel "Bildung" sollte man doch wohl unterstellen dürfen.

Wer keinen politisch gewollten Hausarrest hat, sollte mal im Sommer nach Bristol oder Cardiff. Was da alles bunt durcheinanderläuft oder Freitags nachmittags zusammen im Pub bzw. auf den Bänken davor miteinander trinkt wäre hierzulande undenkbar.

ja, es ist wie sie sagen,

wenn ich es mit meinen Worten wiederhole, wird es drastischer, ohne sich inhaltlich zu ändern.
Bildung gerät, so wie sie hier dargestellt wird, zu sehr in die Nähe der Dressur, und die ist nicht nur nicht gut beleumundet, sie hat auch - so fürchte ich- nicht den Erfolg, den man sich wünschen würde. Antifaschistische Rituale gab es auch schon in der DDR, daran herrschte nun wirklich kein Mangel