Bildungsökonomin Dr. Katharina Spieß

Bildung nach der Corona-Krise: „Eltern können keine Lehrkräfte ersetzen“

Benedikt Dittrich11. Juni 2020
Auf Abstand: Nach dem Lockdown beginnt der Unterricht in den Schulen mit geteilten Klassen.
Auf Abstand: Nach dem Lockdown beginnt der Unterricht in den Schulen mit geteilten Klassen.
Die Bildungsökonomin Dr. Katharina Spieß befürchtet, dass die Corona-Krise Bildungsungleichheiten verstärkt. Die Abteilungsleiterin des DIW fordert deswegen gezielte Investitionen im Bildungsbereich, von der Kita bis zu digitalen Lernangeboten.

Frau Dr. Spieß, Sie kritisieren, dass der Kinderbonus im Konjunkturpaket nicht zielgenau ist. Was ist denn falsch daran, dass Eltern mehr Geld bekommen?

Positiv ist, dass die Politik mit dem Bonus die Leistungen von Familien würdigt, die in der Krise vielfach großen Herausforderungen gegenüberstehen. Das Problem ist aber, dass der Bonus nicht nachhaltig ist und etwas von einer „Gießkannenpolitik“ hat. Auch wenn hervorgehoben werden muss, dass der Bonus nicht auf die Grundsicherung angerechnet wird und mit dem Kinderfreibetrag verrechnet wird. Doch die Milliarden hätten auch in andere Familienleistungen investiert werden können.

Und wieso ist das ein Problem?

Wenn wir alles Geld der Welt hätten, wäre das kein Problem. Wir wissen aber: Das ist nicht so. Die Frage ist, wo die Milliarden aus dem Konjunkturpaket am effektivsten eingesetzt werden. Es gibt rund sieben Milliarden Euro für den Bereich Bildung und Familie. Im Vergleich zur Mehrwertsteuersenkung, die etwa 20 Milliarden Euro umfasst, kommt dieser Bereich – im Übrigen - nicht gerade sehr gut weg, würde ich sagen. Gleichwohl klar ist, dass grundsätzlich Familien auch von der Mehrwertsteuersenkung profitieren.

Außerdem fließen diese 7,3 Milliarden zu einem großen Teil in den Kinderbonus – immerhin fast 60 Prozent. Dieser Bonus gibt Eltern kurzfristig etwas mehr Geld, und das kurbelt die Konjunktur an. Das passiert aber auch schon über die Mehrwertsteuersenkung, von denen Familien vielfach überdurchschnittlich profitieren. Damit bleibt aber weniger Geld für die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. Wie wir aber gerade zur Zeit merken, ist diese Infrastruktur für Familien, Eltern und Kinder, sehr wichtig.  Sie erleichtert die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit. Aber selbst Eltern, die jetzt in die Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit geschickt wurden, helfen die 300 Euro nicht nachhaltig. Vielmehr sollten wir das Geld gezielt dort einsetzen, wo Eltern und Kinder nachhaltig unterstützt werden können. Letztlich soll mit dem Konjunkturpaket ja langfristig die Wirtschaft stabilisiert werden und nicht nur kurzfristig.

Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gab es doch aber schon vor der Corona-Krise Defizite?

Ja. Corona ist der Prüfstein dafür, wie ernst wir es mit Investitionen in Bildung und Betreuung, aber auch mit der Gleichstellung meinen. Wir sehen jetzt, dass Gleichstellung massiv davon abhängt, ob öffentlich finanzierte Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur vorhanden ist. Wenn diese wegfällt, müssen vielfach gerade die Frauen wieder einen Großteil der Sorgearbeit übernehmen – auch wenn inzwischen mehr Männer Erziehungsaufgaben übernehmen als noch vor 20 Jahren.

Corona als Prüfstein für das Bildungssystem

Corona ist aber auch ein Prüfstein in Punkto Bildungsungleichheiten. Bildungsbenachteiligte Kinder oder solche mit Lernproblemen, die ohnehin Schwierigkeiten im Schulsystem haben, haben durch die Schul- und Kitaschließungen größerer Probleme als viele andere. Diese Probleme werden vermutlich noch größer werden, wenn wieder der Präsenzunterricht beginnt. Dann ist die Schwere sehr wahrscheinlich noch größer geworden.

Tatsächlich gibt es einen großen Zusammenhang zwischen der Leistungsstärke der Kinder und ihrer häuslichen Lernumgebung. Sei es der eigene Schreibtisch, das eigene Zimmer, der eigene PC, an dem besser gelernt werden kann – hier schneiden leistungsschwächere Kinder nicht so gut ab, ihre häusliche Lernumgebung ist schlechter. Das alles hat in der Krise jetzt noch mehr Bedeutung – auch wenn es vor der Krise schon so war.

Wovon hängt die Leistungsfähigkeit ab?

Die Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Beengte Wohnverhältnisse können zu Schwierigkeiten beim Distanzlernen führen etc.. Ganz wichtig ist beim „Distanzlernen“  auch die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler – und diese ist bei leistungsschwächeren Kindern im Mittel weniger stark ausgeprägt. Eltern können zwar motivieren und unterstützten, Eltern können aber keine Lehrkräfte ersetzen.

Bildung ist in Deutschland eigentlich Aufgabe der Länder. Ist das Konjunkturpaket der Bundesregierung da nicht der falsche Ansatzpunkt?

Das stimmt für die Schulbildung. Für die frühe Bildung sind Kommunen und Länder zuständig. Es gibt aber durchaus in beiden Bereichen Ansatzpunkte für den Bund – nicht zuletzt wurde dazu ja jüngst das Grundgesetz geändert. Einige Bereiche, in die der Bund investieren kann, wurden im Konjunkturpaket auch mit Geld bedacht: Investitionen in Gebäude zum Beispiel. Das ist alles richtig und gut, aber eben zu wenig und nicht sehr innovativ. In Modellprogramme könnte der Bund ebenfalls investieren, aber hierzu finde ich im Konjunkturpaket nichts – auch viele andere gute neue Ideen wurden nicht eingebracht bzw. umgesetzt.

Im Konjunkturpaket steht auch, dass die Kapazitäten in Kitas und Krippen ausgebaut werden sollen. Was bedeutet das für das Personal in diesen Einrichtungen?

Diese Frage ist in der Tat wichtig – sie ist aber kein coronaspezifisches Problem. Das Konjunkturpaket hätte dazu zumindest in Teilen aber eine Antwort geben können – es hätte in weitere Ausbildungs- und Weiterbildungsinitiativen für pädagogische Fachkräfte investiert werden können.

„Qualifizierung kann Akzente setzen“

Uns fehlen viele pädagogische Fachkräfte. Das hat aber nicht nur mit deren Aus- und Weiterbildung, sondern auch mit deren Löhnen zu tun. Wenn diese höher werden, würde dies diesen Arbeitsbereich attraktiver machen und vermutlich auch mehr Männer würden sich für diesen Bereich interessieren. Der Bund kann zwar nicht in die Tarifautonomie eingreifen und das Lohnniveau anheben, aber durch eine bessere Qualifizierung der Fachkräfte könnte er auch hier indirekt Akzente setzen. Ein nachhaltiges und zukunftsorientiertes Konjunkturpaket hätte also mehr Investitionen für den Bereich der Humandienstleistungen vorgesehen; neben dem Bereich der frühen Bildung und Betreuung, also auch mehr Investitionen für die Bereiche Pflege und Gesundheit.

Inwiefern nachhaltig?

Im Vorfeld des Konjunkturpaketes wurde viel über die Zukunftsbranchen Deutschlands diskutiert. Das sind Umwelt-und Klimatechnologien, aber was viel zu kurz kommt ist, dass eben auch die Humandienstleistungen eine zentrale Zukunftsbranche sind. Außerdem sprechen wir vielfach darüber, dass das Konjunkturpaket die nachfolgende Generation belasten wird. Aber was tun wir für das Humanpotential also die Bildung dieser nachfolgenden Generationen? Nicht sehr viel.

Gute Bildung zahlt sich langfristig aus

Wir vergessen häufig, dass eine gute Kita-und Grundschulbildung sich auch langfristig bezahlbar macht. Investitionen  in diesen Bereich zahlen sich teilweise erst in 20, 30 Jahren aus, dann ist die Rendite aber auch sehr hoch. Diese Zeiträume sind für die Politik sehr langfristige Perspektiven. Aber wenn die nachfolgende Generation unsere Schulden bezahlen soll, müssen wir in diese Generation investieren. Das geht in der Diskussion teilweise leider unter.

Was könnte denn noch kurzfristig, bis Ende des Jahres vielleicht, auf den Weg gebracht werden?

Ein weiteres Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramm für pädagogische Fachkräfte sowie Aus- und Weiterbildungsprogramme für Lehrkräfte im Bereich des digitalen Lernens, wären Ansatzpunkte. Und ganz wichtig, wir müssen uns sehr gut für weitere Pandemiewellen vorbereiten -  seien sie lokal oder überregional. Wir müssen Notfallpläne entwickeln, falls wieder Kitas und Schulen geschlossen werden müssen. Wir brauchen Pläne, wie diese Bildungseinrichtungen zusätzliche Räume anmieten können, damit eine räumliche Entzerrung möglich ist und wir nicht wieder in einen kompletten Lockdown geraten. Und wir müssen einen Plan haben, wer in diesen zusätzlichen Räumen mit kleineren Gruppen arbeitet.

Ich würde außerdem empfehlen, mehr in bildungsbenachteiligte Kinder zu investieren, damit diese aufholen, was sie im Lockdown verpasst haben. Ganz konkret könnte man, wie es teilweise schon gemacht wird, in Sommerprogramme für diese Kinder investieren oder ihnen Online-Hilfen zur Verfügung stellen.

Unabhängig von der Corona-Krise sollten wir aber ohnehin mehr in bildungsbenachteiligte Kinder und deren gute Bildung von Anfang an investieren. Ich wundere mich manchmal, dass dies nicht ein noch stärkerer Schwerpunkt der Sozialdemokratie ist. Wir wissen doch, dass bildungsbenachteiligte Kinder im Mittel später mit dem Kita-Besuch beginnen und dann häufig noch in den schlechteren Kitas sind. Ideen, wo hier angesetzt werden kann, gibt es auf lokaler Ebene und es gibt viele großartige Modellprojekte. Dort fehlt es aber oft an Geld und Beständigkeit, da müssen wir nachhaltig investieren.

Hatte die Corona-Krise trotz alledem vielleicht auch positive Aspekte?

Etwas zynisch könnte man sagen, es ist noch einmal sehr deutlich geworden, welche Bedeutung Kitas und Schulen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Familien schlechthin haben. Deswegen brauchen wir für pädagogische Fachkräfte aller Art mehr Anerkennung und eine bessere Bezahlung. Ich hoffe, jetzt haben mehr Wählerinnen und Wähler gespürt, wie zentral diese Dienstleistungen für unsere Gesellschaft sind. Diese Aufmerksamkeit ist eine Chance, die die Bildungs- und Familienpolitik nutzen muss.

 

Zur Person

Prof. Dr. Katharina Spieß
Prof. Dr. Katharina Spieß

Prof. Dr. Katharina Spieß leitet seit 2012 die Abteilung Bildung und Familie am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) in Berlin. An der Freien Universität Berlin hat sie seit 2006 die Professur für Bildungs- und Familienökonomie inne. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen bildungs- und familienökonomische Fragestellungen, ein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der frühen Kindheit.

 

 

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Kommentare

Es muß aber auch ein

Es muß aber auch ein Unterricht stattfinden, der diese Bezeichnung verdient. Und nicht das, was uns die "neue Normalität" verheißt:
Brief einer Lehrerin: Erfahrungen in der „neuen Normalität“
https://www.mwgfd.de/2020/06/brief-einer-lehrerin-erfahrungen-in-der-neu...

Sehr wahr

Diese Kollegin spricht mir aus dem Herzen. Ich habe durch das Ganze Coronagedingens gelernt wie wichtig Mimik und Gestik der Schüler**** sind, um ihr Verständnis für den Unterrichtsstoff zu verstehen und spontan darauf reagieren zu können. Und gerade der unterschiedliche Zugang zu Online Technologie spreizt die soziale Schere noch mehr; das darf nicht sein. Der persönliche Kontakt ist wichtig, auch wenn ich den ganzen Automatisierern und Technikfreaks jetzt widersprechen muss. Der Mensch ist eine soziales Wesen und Schule ist für junge Menschen ein wichtiges soziales Umfeld und das gilt wohl auch für Erwachsene für ihren Arbeitsplatz.