US-Präsidentschaftswahl

Biden gegen Trump: Worauf es beim ersten Fernsehduell ankommt

Knut Dethlefsen29. September 2020
Erster Halt Cleveland: In Ohio findet das erste von drei Fernsehduellen zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden statt.
Erster Halt Cleveland: In Ohio findet das erste von drei Fernsehduellen zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden statt.
Am Dienstagabend (Ortszeit) kommt es zum ersten TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden. Für letzteren geht es vor allem darum, keine Fehler zu machen. Dann winkt sogar ein Erdrutschsieg.

„Ich hoffe, ich lasse mich nicht zu einer Schlägerei mit diesem Typen hinreißen“, sagte Joe Biden Anfang des Monats. Am Dienstagabend heißt es nun Biden gegen Trump. Es ist tatsächlich fast wie ein Boxkampf und die Spannung steigt. Die amerikanischen Wahlkämpfe haben Dramatik und Theatralik, und vielleicht gerade deshalb genießen sie eine so große Aufmerksamkeit auch in Deutschland. Und es geht natürlich auch um die Besetzung des mächtigsten Amtes der Welt.

Die Präsidentschaft wird nicht im Fernsehen entschieden

Die Debatten im Präsidentschaftswahlkampf der USA sind immer besondere Kristallisationspunkte, in denen die Kontrahenten mit großer Medienöffentlichkeit zum Schlagabtausch direkt aufeinandertreffen. Dieser erste Kampf findet an diesem Dienstag um 21 Uhr Ortszeit in der Stadt Cleveland im umkämpften Bundesstaat Ohio statt und soll anderthalb Stunden dauern. Es st die erste von drei Debatten – die beiden anderen werden im Oktober in Miami, Florida (15.10.) und Nashville, Tennessee (22.10.) stattfinden.

Allerdings wird in den Debatten selten die Präsidentschaft entschieden. Sie sind mehr eine Art Verdichtung des Wahlkampfes in den wenigen prägnanten Momenten des Abends. Die Debatten sind die letzte Gelegenheit, die Dynamik der Kampagne noch zu ändern. Historisch haben Debatten die Umfragewerte nicht mehr als ein paar Prozentpunkte bewegt – nur in sehr knappen Wahlkämpfen können sie also wirklich entscheidend sein. Und momentan liegt Joe Biden in Umfragen landesweit mit etwa sieben Prozentpunkten und in entscheidenden Bundesstaaten vorn. Er ist also in einer viel besseren Ausgangslage als Hillary Clinton es vor vier Jahren war. An diesem Dienstag geht es vor allem darum, keine Fehler zu machen.

Biden sollte seine Linie halten

Bisher hat Joe Biden strategische Geduld bewiesen. Er weiß genau, dass es in diesem Wahlkampf nicht um ihn selbst geht, sondern vielmehr um das Versagen Donald Trumps und seiner Administration. Bisher ist es den Demokraten gelungen, das Augenmerk des Wahlkampfes auch genau dort zu lassen, nämlich auf Trump selbst. So können gerade unabhängige Wähler*innen gewonnen werden und auch unzufriedene Republikaner*innen, die Trump als Gefahr für das eigene Land sehen.  Biden hat es bisher ob seiner politischen Erfahrung verstanden, alle Angriffe Trumps wie ein Deich ablaufen zu lassen. Diese Linie gilt es zu halten.

Trumps Strategie wird es sein, Biden mit infamen Angriffen auf seine Familie oder seine geistige Verfasstheit aus der Reserve zu locken, nicht selten nennt er ihn öffentlich die „Schlafmütze Joe“. Während sich Biden Zeit genommen hat, um sich in inszenierten Debatten vorzubereiten, sieht sich der Präsident auch ohne formales Training bestens gerüstet. Trump versteht es, die niederen Instinkte zu bedienen und seine verbale Rohheit findet seine Anhängerschaft attraktiv und ist im Umgang schwierig für seriöse Politiker wie Joe Biden. Die Debattensituation kann daher für Biden eine Herausforderung sein.

Schon im Vorwahlkampf wurde klar, dass diese öffentlichen Runden nicht unbedingt seine Stärke sind. Für Trump hingegen ist ungünstig, dass die Debatten COVID-19 bedingt zwar moderiert, aber ohne Publikum stattfinden. Das wird ihm fehlen, da er gerne mit den Reaktionen des Publikums spielt, die ihm Energie zu geben scheinen. Für Biden bleibt das Risiko, dass er sich bei persönlichen Angriffen oder Angriffen auf die Erfolge der Obama/Biden Regierung irritieren lässt. Er könnte dann defensiv wirken und ließe sich aus der Reserve locken. Vor verbalen Ausrutschern ist er nicht gefeit.

Was muss Biden schaffen?

Biden muss von Anfang an das virtuelle Publikum für sich gewinnen und es warnen, dass man sich darauf verlassen kann, dass Trump schamlos lügen wird und Fakten verdreht. Er muss das Offensichtliche laut und deutlich sagen:  Der Möchtegern-Kaiser hat schlicht und ergreifend keine Kleider an. Es gilt die Fehler der Trump-Regierung deutlich herauszustellen:

  • die völlig fehlgeschlagene Reaktion auf die COVID-19 Pandemie,
  • immense Steuergeschenke für Reiche,
  • dass er die Sorgen und Nöte der Amerikaner_innen nicht ernstnimmt,
  • dass ere das Land spaltet und Rassismus schürt.

Biden wird den Kern seines ganz persönlichen Wahlkampfes deutlich artikulieren: Es geht um „Scranton gegen Park Avenue“, also Bidens Biographie als Sohn der Mittelklasse, der sich hochgearbeitet hat, gegen einen Maulhelden mit vererbtem Reichtum, der lügt und Steuern im großen Stil hinterzieht. Die Zukunft muss im Fokus bleiben. Joe Biden darf sich nicht in eine Debatte über die Vergangenheit hineinziehen lassen, sondern den Zuschauern ein gutes Gefühl darüber vermitteln, wer er ist und wer er als Präsident sein wird.

Am Ende müssen die Wähler Biden als die solide Alternative wahrnehmen, die er ist. Er muss Wechselwähler für sich gewinnen und gleichzeitig zusätzliche Begeisterung unter demokratischen Wähler*innen wecken. Biden muss die Gefahr für die Demokratische Kernwählerschaft als auch für die Arbeitnehmerschaft deutlich machen.

Trump ist in der Defensive

Mit Trump droht das Ende von „Obamacare“ und damit der Wegfall des Krankenversicherungschutzes für Millionen von US-Amerikaner*innen. Dabei kann Biden nutzen, dass Trump verkündet hat und sicherlich davon auch am Dienstag sprechen wird, dass „wir die Briefwahl-Stimmzettel loswerden wollen“ und, dass Trump sich weigert, eine friedliche Machtübergabe zu garantieren, wenn er verlieren sollte. Je mehr Trump das wiederholt, desto höher die Chance für Biden, gemäßigte Wähler*innen dazu zu bewegen, für Demokratie und Stabilität und somit für Joe Biden zu stimmen.

Letztendlich ist Trump in der Defensive. Die gerade veröffentlichen Recherchen der New York Times haben verdeutlicht, dass Trump alles darangesetzt hat, keine Steuern zu zahlen. Aber noch viel schlimmer ist, dass er Geld vernichtet und viele seiner Geschäfte in den Bankrott führte, wobei am Ende immer die Arbeitnehmer*innen geprellt zurückblieben. Sein immer wieder beschworenes Selbstbild vom erfolgreichen Geschäftsmann ist eine Lüge. Hinzu kommt, dass er mehr als 400 Millionen US-Dollar Schulden hat und somit ganz offensichtlich von Dritten abhängig ist. Für die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Nancy Pelosi, ist klar, dass Trump nicht für das Amt des Präsidenten geeignet sei und eine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstelle. Biden wird diesen Angriff fortsetzen wollen.

Außerdem hat Trump selbst die Latte für Bidens Auftritt in den letzten Wochen sehr niedrig gehängt, indem er immer wieder behauptet hat, Biden sei physisch und mental nicht fit. Ein halbwegs solider Auftritt Bidens könnte nun reichen, um als Sieger aus der Debatte hervorzugehen. Trump ist auch ein Meister darin, sich selbst zu diskreditieren, und damit den Fokus auf sein verhängnisvolles Scheitern zu lenken. Wenn das an diesem Abend so bleibt, könnte Joe Biden am Ende sogar einen Erdrutschsieg erringen.

weiterführender Artikel

Kommentare

Wahl ist weiter offen

Sicher ist Trump kein erfreulicher, sympathischer Mensch. Aber wenn Joe Biden etwas von der Gefahr erzählt, sich boxen zu wollen, ist das wohl kaum weniger primitiv. Von daher halte ich beide Kandidaten für problematisch.

Ein "Erdrutschsieg" zeichnet sich in den Umfragen nun überhaupt nicht ab. Tatsächlich gab es zuletzt eher eine Bewegung hin zu Donald Trump, gerade in entscheidenden Staaten wie Florida, Georgia oder Pennsylvania. Die Wahl ist ausgehend von den aktuellen Umfragen völlig offen.

Das Verhalten des Präsidenten ist im Grunde egal, weil sich ja schon vor vier Jahren gezeigt hat, dass die Leute ihn trotzdem wählen. Auch seine mutmaßliche Steuerhinterziehung war damals ein Thema, was ihm letztlich nicht geschadet hat. Eins darf man nicht vergessen: Die Leute zahlen alle nicht gerne Steuern.

Die Demokraten haben die letzten Jahre nicht genutzt, zu analysieren, warum Trump gewählt wurde. Sie verlassen sich weiter auf einen Teil der Wählerschaft, statt sich um das ganze Land zu kümmern, und befassen sich mit den eigenen Befindlichkeiten, statt mit den Sorgen und dem Alltag der Menschen. Erstaunliche Parallelen zur SPD offenbaren sich da.

Ob Biden als seriöser

Ob Biden als seriöser Politiker bezeichnet werden kann, sei mal dahingestellt. Letzendlich taten sich die ganzen US-Präsidenten nicht viel, ob nun Reagan, die Bush's, Clinton, Obama und jetzt Trump. Alle traten mit dem Faustrecht für amerikanische wirtschaftliche Interessen ein. Zumindest hat Trump in den 4 Jahren seiner Amtszeit keinen neuen Krieg zu diesem Zweck vom Zaun gebrochen. Da ist er schon eine löbliche Ausnahme.
Da die Dems die letzten Jahre damit verbracht haben, Trump zu defamieren und sonst nichts auf die Reihe bekommen haben, wird es wahrscheinlich schwierig werden, genug US-Bürger zu überzeugen.

Josef Biden

Der ist schon ein paar Jahre im Politgeschäft, eng vertraut mit den Clintons und ihrer Politik. Und gerade das wurde ja vor 4 Jahren nicht gewählt. Mögen da einige in der SPD die "Dems" als Bruder/Schwesterpartei sehen - ich hoffe die SPD ist soooo noch nicht. Wäre ich US Bürger, als ich wüsste nicht wen ich da wählen sollte. Besonders mit der Erfahrung, daß ich mich vor 8 und vor 12 Jahren von Obama hätte hinters Licht führen lassen.