Berichterstattung

Besuch beim EM-Gastgeber: Was in Frankreich wirklich los ist

Christoph Ruf16. Juni 2016
Randalierende Fußballfans, streikende Beamte und Angestellte: Glaubt man dem Bild in den deutschen Medien, befindet sich Frankreich gerade im Ausnahmezustand. Ganz anders nimmt es unser Korrespondent Christoph Ruf wahr. Ein Erfahrungsbericht

St. Denis, einer der Nordbezirke von Paris, einer, der als „schwierig“ gilt. Die Süddeutsche Zeitung hat dem Quartier vergangene Woche eine Seite drei gewidmet, die diese Schwierigkeiten aufzählt: eine gigantische Jugendarbeitslosigkeit, heruntergekommene Hochhausschluchten, Drogen, Kriminalität. Wer durch St. Denis geht, kann nicht behaupten, dass es anders ist. Und doch hat das Viertel, durch das die Metrolinie 13 führt, auch eine andere Seite. Mitten in St. Denis liegt das „Stade de France“, das deutlich größere der beiden Pariser Stadien. Das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft zwischen Frankreich und Rumänien fand hier statt, auch die Partie Schweden gegen Kroatien. Und was passierte? Jede Menge.

Feststimmung vor schwer bewaffneten Polizisten

Am Abend des Eröffnungsspiels, das um 21 Uhr angepfiffen wurde, waren die Bistros, die Kebap-Läden und die Restaurants schon stundenlang vorher gut gefüllt. Albaner und Franzosen aßen und tranken zusammen, foppten sich in einer der vielen möglichen gemeinsamen Sprachen. Und schlenderten daraufhin gemeinsam zum Stadion – vorbei an den Einheimischen, von denen viele spontan mitfeierten. Und vorbei an schwer bewaffneten Polizisten, die sich freundlich lächelnd für Selfies in Positur brachten und beiden Seiten einen Sieg wünschten. Was man widersprüchlich, aber nicht verwerflich finden kann.

Das gleiche Bild drei Tage später. Die Iren, die ja als trinkfreudiges aber konsequent friedliches Völkchen gelten, machten ihrem Klischeebild alle Ehre und führten bestens choreographiert ihre eigenen EM-Songs auf. Das tieftraurige „Fields of Athenry“, das wohl nur Fische nicht ergreifend finden können. Und als Kontrastprogramm „Shoes off for the Irish“. Und so sah man rund ums Stadion immer wieder Hunderter-Gruppen grün gekleideter Fans auf- und abhüpfen, die mit einem Arm einen ihrer Schuhe in die Höhe reckten. Zur großen Gaudi der Albaner und all der anderen EM-Touristen, von denen einige spontan mitmachten. Ähnliche Szenen gab es in Nizza, Bordeaux und Toulouse zu beobachten.

Trotz schlimmer Fernsehbilder: Die EM ist friedlich

Frankreichs Innenminister Cazeneuve wurde heftig kritisiert, als er nach der Randale russischer „Fußballfans“ in Marseille in einem Nebensatz feststellte, dass die Ausschreitungen eine Ausnahme seien und die meisten Spiele friedlich und fröhlich abliefen. Es klang nach den schrecklichen Bildern verharmlosend. Aber es ist die schlichte Wahrheit. Für Menschen, die diese EM nur in den Medien verfolgen scheint sie dennoch überraschend zu sein. Nostra maxima culpa. Oder doch nicht?

Natürlich berichten Journalisten selektiv, das geht auch nicht anders, wenn man seinen Beruf ernst nimmt. Die tagelangen Straßenschlachten von Marseille werfen eben mehr Fragen auf als die freudigen Szenen aus St. Denis und anderen EM-Spiel-Städten. Wenn dazu dann noch die Bilder von großen Demonstrationen und von Massenstreiks – denn auch die finden während der EM fast täglich statt – kommen, dann fügt sich das in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings schnell zu einem Zerrbild. Und daran sind zum Teil wirklich wir Journalisten Schuld.

Ausnahmezustand? Normalzustand!

Der „Ausnahmezustand“, in dem sich Frankreich angeblich befindet, ist allerdings eine Fantasie einiger weniger Journalisten, die noch nie in einem Land gewesen sein können, in dem der Staat nicht mehr funktioniert. In Paris leben die Menschen ihr Leben jedenfalls mit einer Gelassenheit, die den hysterischen Schlagzeilen Hohn spricht. Die Straßencafés sind voll (die Metros leider auch), abends geht man aus und ab Freitag wird gefeiert, wie sich das für eine pulsierende Metropole gehört.

„Ausnahmezustand?“ In unserem Viertel standen tatsächlich dreieinhalb Tage lang die vollen Mülltonnen auf dem Trottoir. Wie durch ein Wunder haben die Menschen auch das überlebt.

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