Wirtschaftsprognose

Bestcase-Szenario in Corona-Krise: Wirtschaft schrumpft um vier Prozent

Lars Haferkamp02. April 2020
Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des IMK, sieht trotz Corona-Krise die wirtschaftlichen Aussichten mit einem gewissen Optimismus.
Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des IMK, sieht trotz Corona-Krise die wirtschaftlichen Aussichten mit einem gewissen Optimismus.
Wenn die Politik alles richtig macht, könnte Deutschland in der Corona-Krise mit einem Wirtschaftsrückgang von vier Prozent davon kommen, so die Hans-Böckler-Stiftung. Helfen könnten ein höheres Kurzarbeitergeld sowie ein Konjunkturprogramm – und Corona-Bonds.

Nach dem Worst-Case-Szenario des ifo-Institutes von einem Wirtschaftsabsturz von über 20 Prozent hat die Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag eine Art Gegenprognose vorgestellt. Ihr Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) präsentierte bei einer Videokonferenz die Konjunkturprognose.

Arbeitslosigkeit steigt nur moderat

Sie geht von einem Rückgang des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Jahr 2020 von vier Prozent aus. Im kommenden Jahr soll die Wirtschaft wieder um 2,4 Prozent wachsen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt nach der Prognose in diesem Jahr um durchschnittlich rund 150.000 und 2021 um weitere 100.000 Personen. Die Arbeitslosenquote nähme damit moderat auf 5,3 und 5,5 Prozent im Jahresdurchschnitt zu.

Voraussetzung für diese „Bestcase-Vorhersage“, so der Wissenschaftliche Direktor des IMK Sebastian Dullien, sei, dass die gegenwärtig herrschenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland ab Mai schrittweise zurückgenommen werden. Dullien erwartet einen solchen Schritt, da China und Südkorea ähnliche Maßnahmen unternommen hätten und das Corona-Virus zugleich „unter Kontrolle“ gebracht hätten.

Kontaktsperre schadet Wirtschaft enorm

Verschiebe sich die Lockerung der Kontaktsperre etwa von Anfang Mai auf Anfang Juli, drohe ein mehr als doppelt so starker Einbruch des BIPs wie jetzt vorhergesagt. Es werde extrem wichtig sein, die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder auf Touren zu bringen.

„Ein teilweiser oder sogar vollständiger Stillstand der deutschen Wirtschaft und des Arbeitsmarkts stellen eine nie dagewesene Situation“ mit enormen Risiken dar, schreiben die Experten des IMK. Dullien spricht von einer „neuartigen Kombination wirtschaftlicher Schocks“, etwa eines „Angebots- und Nachfrageschocks“ zur gleichen Zeit. Das mache es „schwierig, eine belastbare Prognose“ zu erstellen.

Lob für die Politik

„Bund und Länder, aber auch die europäische Zentralbank, haben auf vielen Feldern schnell das Richtige getan, um die ökonomischen Folgen dieser dramatischen Krise zu mildern“, lobt Dullien die Politik. Sie habe „erfreulich schnell, entschieden und zielgerichtet reagiert“. Dennoch sieht er noch Verbesserungsbedarf, etwa bei den Kurzarbeitern. In den nächsten Monaten werde deren Zahl auf vier Millionen steigen. Diese „neuen Rekorde bei der Kurzarbeit“ seien historisch einmalig. Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise habe es lediglich 1,5 Millionen Kurzarbeiter gegeben.

Vier Millionen Kurzarbeiter reduzierten die verfügbaren Einkommen und damit den Konsum massiv, so Dullien. Deshalb sollten das Kurzarbeitergeld, aber auch das Arbeitslosengeld I, vorübergehend erhöht werden, um die Einkommensverluste zu begrenzen.

„Schnelles und unmissverständliches Handeln“ wünscht sich Dullien in der Frage der Liquidität der Euro-Staaten mit hohem Schuldenstand. Die Euro-Länder sollten gemeinsame Schuldverschreibungen ausgeben, um auch den finanziell schlechter ausgestatteten Mitgliedsstaaten des Euroraums eine wirksame Antikrisenpolitik zu ermöglichen. Dullien plädiert für „Corona-Bonds“ in einem Umfang von „1000 Milliarden Euro“.

Konjunkturprogramm könnte helfen

Schließlich hält der Ökonom ein Konjunkturprogramm für zielführend. Dazu gehörten staatliche Investitionen, etwa in den Ausbau des ÖPNV oder die Digitalisierung. Eine Senkung der Mehrwertsteuer könne ebenfalls helfen. Sorge vor einer höheren Staatsverschuldung habe er dabei nicht angesichts von aktuellen Negativ-Zinsen am Kapitalmarkt. „Deutschland kann sich das leisten“, so der IMK-Direktor.

Befragt, was er in diesem Zusammenhang von der Forderung der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken einer einmaligen Vermögensabgabe halte, sagt Dullien, dies sei aktuell „nicht die richtige Debatte“. Es solle jetzt nicht um Lastenverteilung gehen, sondern darum, die Lasten der Krise zu minimieren.

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Kommentare

Krise auch eine Chance

Ich bin immer skeptisch, was die Prognose von Wirtschaftsexperten betrifft. Sie liegen schon in normalen Zeiten gerne weit daneben, und wird sind in einer absolut außergewöhnlichen Situation.

Von daher sollten wir als Sozialdemokratie eher von einer schweren, möglicherweise jahrelangen, Wirtschaftskrise und einem entsprechendem Anstieg der Arbeitslosigkeit ausgehen. Wenn es anders kommt gut und gerne, aber wir sollten uns auch nicht in falscher Hoffnung wiegen lassen.

Diese Krise zeigt die Wichtigkeit eines starken Staates ganz klar auf. Wir sollten die Krise nutzen, um einen deutlichen Wandel unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen. Der Markt muss zurück gedrängt werden. Im Gesundheitswesen bspw. hat er gar nichts verloren; das ganze System gehört in die öffentliche Hand.

Es mag zynisch klingen, aber diese Krise kann die Chance für eine Renaissance unserer sozialdemokratischen Werte in der Gesellschaft bedeuten. Wir müssen dies jetzt nutzen, um die 20er Jahre zu einem Jahrzehnt des Fortschritts und strukturellen Wandels zu machen. Aus diesem Schrecken könnte etwas Gutes entstehen., wenn man sich Mühe gibt.

Chancen nutzen

Ich gebe Sören Kramer voll und ganz Recht. Es wäre absurd, eine Wiederherstellung des Vorkrisenzustands anzustreben.
Damit würden, wie schon die Finanzkrise gezeigt hat, nur die Grundlagen für die nächste Krise wieder hergestellt.

Absurd wäre es zum Beispiel, die Reiseindustrie zu retten und den Flugverkehr wieder hochzufahren. Damit würden nicht nur die Erreichung der Klimaziele unmöglich, sondern auch die Corona-Infektionsketten wieder hergestellt.

Halten wir es mit Erhard Eppler: Fernflugreisen als Massenvergnügen sind auf Dauer nicht möglich. Wann, wenn nicht jetzt, ziehen wir Konsequenzen aus dieser Tatsache?

Unsere Aufgabe ist es, möglichst viel Lebensqualität bei geringstmöglichem und global verantwortbarem Ressourcenverbrauch zu ermöglichen.

Leere Straßen und saubere Luft sind Lebensqualität. Die Herstellung weiterer Pkw mit Verbrennungsmotor ist ebenfalls vollkommen unvernünftig. Für die verfügbare Übergangszeit reichen die vorhandene Fahrzeuge aus, ihre Nutzungsdauer kann verlängert werden. Verlust an Lebensqualität: Keine. Ressourcenersparnis: Exorbitant.

Sapere Aude, Genossinnen und Genossen!

Zukunftsgedanken

Mal abgesehen davon, daß sich hinter der Coronakrise eine Handfeste Krise des neoliberalen Finanzkapitalismus verbirt, es ist Zeit nachzudenken was nach der Krise kommt. So wie 2009 darf es nie wieder kommen, aber mit Scholz sehe ich da kein Licht.
Die BWLer, Finanzinvestoren, Banker, Blackrocker, Sinns, Füsts, Fratschers ......... haben doch ihre Systemrelevanz eindeutig gezeigt....... Das System für das DIE relevant sind brauche ich nicht.