Halbes Jahrhundert als Mittler und Helfer

Bernhard „Felix“ von Grünberg: soziale Beratung seit 50 Jahren

Benedikt Dittrich08. August 2021
Fünf Jahrzehnte Bürgersprechstunde: Der Sozialdemokrat Bernhard „Felix“ von Grünberg in Bonn.
Fünf Jahrzehnte Bürgersprechstunde: Der Sozialdemokrat Bernhard „Felix“ von Grünberg in Bonn.
Er ist eine Nervensäge, das weiß Bernhard „Felix“ von Grünberg. Der Sozialdemokrat setzt sich seit 50 Jahren für alle ein, die in seine Sprechstunde kommen, nervt Partei und Verwaltung. Immer schärfer wird die Debatte in der Wohnungspolitik, sagt er.

„Ich entschuldige mich bei jedem, den ich in den vergangenen Jahren genervt habe“, sagt Bernhard „Felix“ von Grünberg. Und genervt hat der SPD-Politiker sicherlich viele – immerhin ist er mehr als 50 Jahre politisch aktiv, vom Stadtrat in Bonn über den Landtag in Nordrhein-Westfalen bis hin zu internationalen Ehrenämtern und als Vorsitzender des Mieterbunds in Nordrhein-Westfalen.

Eine Anlaufstelle ist dabei immer geblieben: seine Bürgersprechstunde. Vor 50 Jahren hielt er die erste ab, 1971 war das. Ein Jahr zuvor war er auch in die SPD eingetreten, geprägt von der Politik Willy Brandts. Schwerpunkte seiner Sprechstunden bis heute: soziale Fragen, Miet- und Wohnpolitik, Fragen zu Migrations- und Asylrecht. „Es gibt tausende Einzelfälle, tausende Beispiele“, sagt er im Gespräch mit dem „vorwärts“. Für dieses unermüdliche Engagement soll er am Montag geehrt werden.

Mittler zwischen Bürokratie und Gesellschaft

Heute klagt von Grünberg über die steigende Bürokratisierung, fehlende Bürgernähe der Verwaltung. Und er sieht sich, damals wie heute, als Mittler zwischen dieser Bürokratie und den Bürger*innen. „Das ist doch auch eigentlich die Erfolgsgeschichte der SPD“, meint der 76-Jährige. „Damit haben wir auch Wahlen gewonnen.“ Er muss es wissen, als Mitglied im Bonner Stadtrat und im Landtag. Mehrmals gewann er seinen Wahlkreis, 2012 wies er den damaligen CDU-Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen, Norbert Röttgen, deutlich in die Schranken. Mit einem Abstand von fast 20 Prozent gewann er bei der Landtagswahl den Wahlkreis „Bonn I“.

Der Genosse als Vermittler, als Helfer der Menschen, so interpretiert von Grünberg seine Aufgabe als Politiker. Den Spitznamen „Felix“, unter dem man ihn in Bonn kennt, hat er aus Studienzeiten behalten, sein Vorname wurde damals verwechselt. „Das fanden meine Kommilitonen witzig“, erzählt er rückblickend. Seitdem ist Bernhard von Grünberg eben der „Felix“, meldet sich sogar am Telefon mit diesem Namen.

„Ich habe mich immer mit den Großen angelegt“, sagt er. Was nach Vergangenheit klingt, ist allerdings heute noch Realität: Gerade bei der Mietenpolitik ärgert er sich über Fehler aus der Vergangenheit, Spannungen auf dem Wohnungsmarkt, die aufgrund falscher Prognosen produziert wurden. Doch aufgeben will er deswegen noch lange nicht, legt sich stattdessen weiter mit den großen, gewinnorientierten Konzernen an, schmiedet Bündnisse für bezahlbares Wohnen.

„Die SPD hat die richtigen Antworten“

„Die SPD befasst sich nach wie vor mit den richtigen Dingen, hat die richtigen Antworten“, ist von Grünberg überzeugt, „und ist in diesem Bereich auch immer noch die fortschrittlichste Partei“. Aber Kompromisse, Bündnisse, Eingeständnisse, die gehören für ihn auch seit jeher dazu. „Man muss eben Politik machen“, heißt das bei ihm. Und der SPD-Parteivorsitzende Norbert Walter-Borjans, der ihn auch aus seiner Zeit in Nordrhein-Westfalen kennt sagt: „Wenn Krankenschwestern und Feuerwehrleute, Polizisten und Paketauslieferer dort, wo sie arbeiten, keine bezahlbare Wohnung finden können, dann ist etwas faul in unserer Gesellschaft. Das ist gefährlich für den sozialen Zusammenhalt und auch für die Demokratie.“ Die SPD fordert deshalb einen Pakt für bezahlbares Wohnen, mehr staatliche Investitionen, mehr sozialen Wohnraum.

Auf diesem Weg will „Felix“ auch vor Ort den Menschen helfen. „Ich war immer gegen den Verkauf von Wohnungen, habe immer dagegen gekämpft“, sagt er. Aber man sei eben damals davon ausgegangen, dass Deutschland, „weniger“ würde, also schrumpfen würde. Ein Trugschluss, wie heute sichtbar ist – auch weil aus Sicht von „Felix“ von Grünberg die Migration, der Zuzug, nicht berücksichtigt wurden: „Das hatte man damals irgendwie nicht auf dem Schirm.“ Das Ergebnis: Zu wenig Wohnraum, steigende Mieten. „Das geht immer stärker in die Sozialhilfe rein“, sagt er mit Verweis auf eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Der Ärger über diese Entwicklung führt bei ihm aber nicht zu Verdruss. „Schlechte Laune führt doch nur dazu, dass man noch kämpferischer wird“, sagt er über sich. „Das macht doch auch Spaß!“

Bezahlbares Wohnen: Mit eigenem Beispiel voran

Deswegen wollen Mieterbund NRW und „Haus und Grund“ zum Beispiel in Bad Godesberg bei Bonn nun eine Wohnungsgenossenschaft gründen. Die soll bald Wohnungen bauen und eine Kita. Die Genossenschaft soll in der Hand der Bewohner*innen sein, Gewinne sollen in den Bau neuer Gebäude fließen. „Das soll beispielhaft sein“, sagt von Grünberg, „wir müsse da wieder aktiver sein.“ Wohnen sei inzwischen eine noch existenziellere Frage als früher.

„Ausbeutungen hatten wir auf dem Wohnungsmarkt schon immer“, meint er dann. In der Vergangenheit wurden Gastarbeiter*innen in Gemeinschaftsunterkünften zusammengepfercht, heute sind es Geflüchtete. „Aber die Diskussionen darüber werden schärfer.“ Hinzu kommen Vermieter*innen, die aus Eigenbarf ihren Mieter*innen kündigen können oder Modernisierungskosten umlegen dürfen. „Da sitzen dann normale Menschen auf der Straße und finden keine neue Wohnung.“

Helfer vor Ort und an den EU-Grenzen

Dabei sieht „Felix“ die Probleme auch auf internationaler Ebene: Als Mitarbeiter der UN-Flüchtlingshilfe war er im berüchtigten, inzwischen abgebrannten Flüchtlingslager Moria, er kennt die prekäre Situation der Geflüchteten innerhalb und außerhalb Europas. „Die harren teilweise jahrelang in Zelten aus. Ist doch klar, dass die irgendwann aufbrechen“, sagt er. Und auch diesen Geflüchteten versucht er zu helfen, auch in den Auffanglagern. „Man muss den Menschen oft erst erklären, was als Asylgrund gilt. Manche wollen ihre Geschichte eigentlich nicht erzählen“, sagt er. Und viele wüssten nicht, worauf es ankommt, um als Geflüchtete*r anerkannt zu werden.

Von Grünberg steht nach eigenen Angaben deswegen auch mit dem Auswärtigen Amt immer wieder in Kontakt. „Denen gehe ich bestimmt auch auf die Nerven.“ Dafür hat SPD-Chef Walter-Borjans aber nur lobende Worte übrig: „Die SPD kann sich glücklich schätzen, einen so unermüdlichen Kämpfer für Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich zu haben.“ Felix von Grünberg verkörpere eine seltene Mischung aus Idealist und handelndem Realist. „Und beides kommt den Menschen zu Gute, für die er sich einsetzt und damit auch uns allen.“

Wer mit der Erfahrung von 50 Jahren Mieter- und Sozialberatung noch eine Wohnungsbau-Genossenschaft gründe, so der Parteichef, „von dem können wir auch in Zukunft noch viel gute Unruhe erwarten.“

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