Interview mit der Kultursenatorin von Hamburg

Soll ich das Bauvorhaben einstellen?

Susanne Dohrn05. Juli 2011

vorwärts.de: Berlin ist arm aber sexy. Die Kulturschaffenden lieben die Stadt. Sie kommen aus Berlin. Wie sexy ist Hamburg?

Barbara Kisseler: Ich würde Hamburg als kühle Blonde bezeichnen. Die kann - siehe Hitchcock - große Wirkung entfalten. Ansonsten hat die Stadt einen defizitären Haushalt wie andere
Metropolen auch und ein großes kulturelles Potenzial, das in der Vergangenheit mitunter sträflich vernachlässigt wurde.

Die Hamburger seien gute Kaufleute, an Kultur eher uninteressiert, Pfeffersäcke eben schrieb schon Heinrich Heine. Ist das auch Ihre Erfahrung?

In Berlin habe ich davon geträumt, Menschen zu finden, die sagen: Ich würde gerne etwas für die Kultur tun. Kürzlich hat mir ein namhafter Spender hier in Hamburg 300 000 Euro zugesagt.
Hamburg hat die meisten Stiftungen in der Republik. Viele stellen ihr Engagement weitgehend in den Dienst der Kultur. In Zeiten klammer Kassen ist es eine immense Erleichterung, wenn eine Stadt
auf einen solchen Rückhalt in der Bevölkerung rechnen kann.

Welche Bedeutung hat Kultur für die Lebensqualität in einer Stadt?

Gesellschaftspolitisch wichtige Fragen wie das Zusammenleben in einer multiethnischen Gesellschaft werden in den großen Städten entschieden. Der Kultur kommt da eine zentrale Aufgabe zu.
Sie mischt sich überall ein. Eine Kulturpolitik, die sich als Gesellschaftspolitik versteht, kann dazu beitragen, dass man toleranter miteinander umgeht, weil man weiß, was für den jeweils
anderen wichtig sein könnte.

Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik - wie soll das funktionieren?

Kulturelle Bildung findet auch in Kitas, Jugendzentren, Schulen statt. Sie erreicht Kinder aus Elternhäusern, die nicht mit Glücksgütern gesegnet sind. In Projekten wie der HipHop-Academy
oder dem Kinderbuchhaus entwickeln sie Selbstbewusstsein, erkennen ihre eigenen Stärken und können sich so konfliktfreier integrieren. Die Elbphilharmonie bietet in Hamburger Stadtteilen
Elfi-Babykonzerte an,
klassische Musik für Schwangere und Eltern mit ihren Kindern im Alter von 0 bis 1 Jahren.

Sie sprechen die Elbphilharmonie an. Die kostet Geld, das an anderer Stelle fehlt...

Der Senat widmet an keiner Stelle Geld aus dem Kulturetat um, um die Elbphilharmonie realisieren zu können. Es gibt eine klare Ansage des Bürgermeisters, dass die Betriebskosten der
Elbphilharmonie nicht zu Lasten des Kulturbereichs gehen werden. Das Programm, das im Vorfeld der Eröffnung stattfindet, trägt schon jetzt dazu bei, neue Zielgruppen zu erschließen.

Wird man für 20 Euro eine Karte für Elbphilharmonie bekommen?

Ganz sicher. In Hamburg leben nicht nur Millionäre. Dem werden wir Rechnung tragen. Auch programmatisch wird die Elbphilharmonie kein Konzertsaal ausschließlich für die Hochklassik. Wenn
wir aber in der Weltklasse mitmischen wollen, müssen wir auch Veranstaltungen auf einem internationalen Level mit entsprechenden Preisen anbieten.

Oslo hat ein Konzerthaus für 520 Millionen gebaut, Kopenhagen ein Operhaus für 340 und ein Konzerthaus für 230 Millionen. Warum diese Kathedralen der Hochkultur?

Es gibt ein zunehmendes Bedürfnis nach signifikanter Architektur als Beleg für das Selbstverständnis einer Stadt. Was früher Kirchen waren oder Residenzen, sind heute an vielen Stellen
Kulturbauten. Außerdem hat sich der Kulturbetrieb stärker international vernetzt und auch das Publikum wird internationaler. Ein Projekt wie die Elbphilharmonie weit mehr als ein touristisches
Wahrzeichen. Man positioniert sich damit nach innen und nach außen.

Also ist es ein Projekt von Hamburg Marketing?

Eben nicht, das greift zu kurz. In erster Linie muss der Härtetest mit den Hamburgern bestanden werden. Da helfen nur konkrete Erfahrungen: Jeden Sonntag gibt es Baustellenführungen bei
denen viele kritische Fragen gestellt werden. Nicht jeder Baustellenbesucher wird vom Saulus zum Paulus, aber bei neun von zehn ändert sich die Sichtweise. Es gibt auch eine langsame Annäherung
an das Glück.

Hat die Bedeutung von Kultur für die Lebensqualität einer Stadt im Wettbewerb um Arbeitskräfte zugenommen?

Ja, ohne Zweifel, etwa, wenn es darum geht, Unternehmen anzusiedeln. Die fragen nach Schulen, medizinischer Versorgung und kultureller Infrastruktur vor Ort. Kultur hat einen
Bedeutungswandel erfahren, zum einen in der Wertschätzung durch die Wirtschaft; zum anderen steigt die Bedeutung als Wirtschaftsfaktor, was sich in der Zunahme von Arbeitsplätzen im Bereich
der Kreativwirtschaft zeigt.

Was wird der Bau der Elbphilharmonie kosten?

Der Bau der Elbphilharmonie wird die Stadt 323 Millionen Euro kosten. Hochtief würde möglicherweise andere Zahlen nennen, aber die Stadt bestreitet die Berechtigung der bisherigen
Mehrkostenforderungen. Die privaten Spender haben zu diesem Volumen etwa 60 Millionen beigetragen.

Würde man ein solches Projekt in Zeiten knapper Kassen wie heute noch in Angriff nehmen?

Ich glaube schon.

Wäre es politisch durchsetzbar?

Ja, aber man würde nicht so schnell den Bauauftrag erteilen. Bei Großprojekten sagt jeder Bauexperte: Lassen Sie mich lieber ein halbes Jahr länger planen, dann kann ich Ihnen genauer
sagen, was es kostet. In der Regel kranken all diese Projekte daran, dass sie zu schnell politisch durchgepeitscht wurden.

Weil das Zeitfenster für eine solche Entscheidung nur klein ist?

Wenn ein Projekt wichtig ist und breite Kreise überzeugen soll, dann muss die Politik sich die Zeit nehmen, möglichst viele mit ins Boot zu holen.

Wie wollen Sie die Hamburger ins Boot holen beim Projekt Elbphilharmonie?

Ich habe den Eindruck, dass die Hamburger sich stärker mit der Elbphilharmonie identifizieren, als man von außen wahrnimmt. Kürzlich haben wir den Spielplan vorgestellt. An den Fragen und
an der Berichterstattung hinterher konnte man feststellen, dass die Distanz langsam schwindet. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir als neue Regierung gesagt haben, wir lassen uns von
Hochtief nicht mehr alles bieten.

Das hilft es wenig, wenn der Senat gleichzeitig bei den Universitäten spart...

Ich kann das Aufrechnen mit anderen Politikbereichen in gewisser Weise nachvollziehen, aber es hilft in der Sache nicht weiter. Soll ich das Bauvorhaben einstellen, weil die Baukosten
gestiegen sind? Das würde die bereits getätigten Investitionen im Nachhinein entwerten.

Der Unterhalt der Elbphilharmonie soll 3,2 Millionen im Jahr kosten, die Oper hingegen braucht 46 Millionen, die beiden großen Theater je etwa 20. Wurde da etwas
schöngerechnet?

Die Staatsoper beschäftigt Chöre, das Ballettensemble, Sänger, das Orchester. Oper und Theater verfügen über Werkstätten für Bühnenbilder und Kostüme mit den entsprechenden Beschäftigten.
Das alles gibt es bei der Elbphilharmonie nicht. Es ist ein Veranstaltungsort ohne festangestelltes Orchester.

Wann wird der Bau fertig?

Ende 2013/Anfang 2014, so dass ich optimistisch bin, dass das in meiner Legislaturperiode noch eröffnet wird.

Überlegen Sie schon, was Sie sagen werden?

Ich überlege mir erstmal, welche Schuhe ich dafür brauche.

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