Filmtipp

„Ayka“: Moskau aus der Sicht einer Illegalen

Nils Michaelis18. April 2019
Ayka hat sich mit mächtigen Leuten angelegt
Kann es gelingen, unter lauten Egoisten und Kriminellen menschlich zu bleiben? Das ebenso radikale wie intensive Drama „Ayka“ porträtiert Moskau aus der Sicht einer Frau auf der Flucht.

Eine junge Frau mit verschwitzten Haaren und durchnässten Klamotten rennt durch das tief verschneite Moskau. Sie klettert durch Fenster, verschwindet in Hauseingängen oder stapft mit letzter Kraft durch den Schnee. Unerträglich lang und unerträglich beklemmend sind diese Szenen verzweifelter wie verbissener Raserei. Zug um Zug wird entschlüsselt, in welcher Gefahr Ayka schwebt. Nicht nur, dass die kirgisische Migrantin ohne gültige Arbeitserlaubnis und daher aus Sicht der Behörden eine „Illegale“ ist. Das macht sie zum Freiwild für korrupte Polizisten. Und die finden sich in der russischen Hauptstadt an jeder Ecke. Außerdem sitzen ihr ihre Gläubiger im Nacken.

Unsichtbare Migranten in Moskau

Vor allem aber droht sie bei dieser Rennerei zu sterben. Wenige Stunden zuvor hat Ayka einen kleinen Jungen zur Welt gebracht. Zwischen ihren Hosenbeinen tropft Blut. Doch weder für die dringend nötige Rast noch für Mutterglück gibt es in diesem Moment Platz in ihrem Leben. Für sie geht es einzig darum, Geld aufzutreiben. Und zwar möglichst schnell.

Ayka ist eine von jenen Tausenden „Gastarbeiterinnen“ aus Zentralasien, die seit Jahren nach Moskau strömen. In Knochenarbeit ziehen sie einen Protzbau nach dem anderen hoch, halten Shopping Malls sauber oder schuften in Nähereien und Wäschereien. Im Grunde sind all die Kirgisen, Usbeken und Tadschiken unverzichtbar. Doch von den „angestammten“ Moskowitern werden sie argwöhnisch beäugt oder ignoriert. Also arrangiert man sich und bleibt lieber weitgehend unsichtbar. So auch Ayka, die allenfalls von Schicksalsgenossinnen in unverhofften Momenten Zuspruch erhält. In der Megacity lässt sich nun einmal ein Vielfaches mehr verdienen als irgendwo weit hinterm Ural. Doch der Traum vom besseren Leben hat einen hohen Preis.

Tagelöhnerjob im Akkordtempo

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ayka hatte sich einen Haufen Geld bei ziemlich humorlosen Typen geliehen, um in Moskau eine Nähstube zu eröffnen. Stattdessen rupft sie Hühner im Akkordtempo. Jeder Tagelöhnerjob zählt, um die Schulden abzutragen. Wenn der Lohn denn gezahlt wird! Doch die Zeit läuft ihr, der Rastlosen, einfach davon. Um ihren Kopf aus der Schlinge zu holen, muss sie eine radikale Entscheidung fällen.

Der harte Alltag der Arbeitsmigranten in der glitzernden Metropole war in groben Zügen schon länger bekannt, doch bei diesem Drama des russischen Regisseurs Sergey Dvortsevoy stockt einem immer wieder der Atem. Sechs Jahre lang hat der aus Kasachstan stammende und seit gut drei Jahrzehnten in Moskau beheimatete Filmemacher daran gearbeitet. Alles begann mit einem Zeitungsbericht: Vor einigen Jahren las Dvortsevoy, dass im Jahr 2010 knapp 250 kirgisische Frauen ihren Nachwuchs in Moskauer Geburtskliniken zurückgelassen hatten. So entstand die Idee, über diese im vielfachen Sinne deklassierten Menschen einen Film zu machen. Die internationale Koproduktion wurde übrigens vom russischen Kulturministerium gefördert, was angesichts des nicht gerade schmeichelhaften Bildes der russischen Gesellschaft dann doch überrascht. 

Blinder Selbsterhaltungstrieb

„Ayka“ lebt von einem intensiven und schonungslosen Sozialrealismus, der die im strengen Winter um ein Weiteres unerbittliche Boomtown von unten zeigt. In dieser trüben Welt kommen ehedem gewohnte Normen wie Familienzusammenhalt schnell zugunsten eines blinden und auf sich selbst bezogenen Selbsterhaltungstriebs unter die Räder. Kein Wunder also, dass Ayka manchmal an ein gehetztes Tier erinnert, selbst wenn sie immer bemüht ist, die Kontrolle über eine Situation zu erlangen oder zu bewahren.

Kamerafrau Jolanta Dylewska fängt diesen Überlebenskampf, der keine wirklichen Ruhepausen kennt, mit ihrer Handkamera in bisweilen atemlosen Bildern ein. Ob in der heruntergekommenen Massenunterkunft oder auf der Straße: Die Rolle der unerbittlichen Einzelkämpferin legt die Protagonistin niemals ab. Samal Yeslyamova, die als Ayka eine in dieser Radikalität selten gesehene de Force absolvierte, wurde vergangenes Jahr in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Info: „Ayka“ (Russland/Deutschland/Polen/Kasachstan/China 2018), Regie: Sergey Dvortsevoy, Kamera: Jolanta Dylewska, mit Samal Yeslyamova u.a., 110 Minuten, OmU. Jetzt im Kino

weiterführender Artikel