Bonner Frauenmuseum

Ausstellung zum Schicksal von Jesidinnen: Heimweh, Angst und zaghafte Hoffnung

Renate Faerber-Husemann26. November 2018
Najlaa Matto, Überlebende der Gefangenschaft des IS aus Kocu (links) mit Übersetzende, Dr. Leyla Ferman, bei der Ausstellungseröffnung
Seit Sonntag ist im Bonner Frauenmuseum eine Ausstellung über Jesidinnen zu sehen, denen die Flucht aus den Fängen des IS gelang. „ÜBER LEBEN - Ezidinnen nach dem Femizid 2014“ zeigt 22 Schicksale, die man nicht vergisst. Anlass der Ausstellung: Der „Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“ am 25. November.

Es ist auf den ersten Blick eine kleine, unauffällige Ausstellung mit Texttafeln und Fotos. Junge Frauen, manche noch halbe Kinder, berichten in nüchternen Sätzen, was ihnen angetan worden ist. Doch wer sich auf die Texte einlässt, wird diese Erfahrung beim Verlassen des Bonner Frauenmuseums nicht wegschieben können. Die Jesidinnen („Ezidinnen“, wie sie korrekt heißen), einige von ihnen waren zur Eröffnung der Ausstellung „ÜBER LEBEN - Ezidinnen nach dem Femizid 2014“ aus Baden-Württemberg angereist, werden zu Begleiterinnen, ihre ernsten Gesichter vergisst man nicht.

22 Frauen-Schicksale

Es sind 22 Schicksale, die die Besucher bei aller Diskretion von Text und Bildern berühren, 22 von geschätzten 6000. Vor allem Frauen und Kinder wurden  seit August 2014 im Sinjar-Gebirge im Nordirak von Terrorgruppen des IS, des sogenannten Islamischen Staats, verschleppt, vergewaltigt, versklavt.  Etwa die Hälfte von ihnen konnte aus der Gefangenschaft fliehen. Eziden und Ezidinnen gelten für den IS als Ungläubige, als „Teufelsanbeter“ und damit als vogelfrei. Es gehörte sehr viel Mut dazu, über die Zeit der Demütigungen, der Folter und der Vergewaltigungen zu sprechen. Die Frauen taten das, wie es in einem Text zur Ausstellung lautet, „um Zeugnis für mögliche Gerichtsverfahren gegen die Täter abzulegen, um über noch gefangene Menschen zu berichten.“

Die Texte zu lesen, die Fotos zu sehen, ist schwer zu ertragen. A.C., eine 20-jährige: „Meine ganze Familie  befindet sich in den Händen des IS. Nur ich wurde in Syrien von den Kurden befreit. Ich möchte in Schutz und Sicherheit leben. Die Zeit in den Händen des IS war so grausam, dass ich keinem mehr vertrauen kann. Ich kann derzeit nur Ezidinnen und Frauen trauen, sonst niemandem.“

Friedensnobelpreis 2018 an Nadia Murad

A.A., eine 14-jährige, schrieb: „Wir werden nicht schweigen. Die Welt soll wissen, was passiert ist. Wir werden hoffentlich wieder alle zusammen in Sengal sein, glücklich und vereint. Dieses Mal als starke, kluge Frauen. Vielleicht werde ich Ärztin.“

Die jessidische Religion gilt als konservativ, verschlossen und kompliziert. Für den IS sind die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Teufelsanbeter“. Den Frauen ist bewusst, das war  bei der Ausstellungseröffnung in Gesprächen zu hören, dass sie sich öffnen müssen, um den vielen Falschaussagen nicht nur von Islamisten entgegentreten zu können.

Eines dürfte dabei helfen: Am 10. Dezember diesen Jahres wird der Jessidin Nadia Murad in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. Seit sie sich aus der Gefangenschaft des IS befreien konnte, reist sie durch die ganze Welt und berichtet offen, was ihr  geschehen ist. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Ich bin eure Stimme“. Und sie kämpft dafür, dass das, was ihr und zahllosen anderen Frauen und Kindern angetan worden ist, als Genozid anerkannt wird. Nadia Murad gehörte zu dem Kontingent von rund 1100 Frauen und Kindern, die das Land Baden-Württemberg aufgenommen hat.. Eine Freundin, die ihr Schicksal geteilt hat, sagt über sie in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Satz, der Gänsehaut verursacht: „Nadia hat es einfacher. Sie muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Ihre Angehörigen sind ja alle tot.“

Aufenthaltsstatus in Deutschland zerbrechlich

Alle Frauen, die zur Zeit in Deutschland Schutz gefunden haben, bewegt die Frage, wie es mit ihnen weitergehen wird. Auch diejenigen, die gerettet wurden, leiden darunter, dass Teile ihrer Familien noch im Irak sind. Und sie wissen nicht, wo sie in ein paar Jahren leben werden. Ihr Aufenthaltsstatus ist zerbrechlich. Obwohl sie Heimweh haben, können sich die wenigsten eine Rückkehr vorstellen. Zu schrecklich sind die Erinnerungen.

Bis Ende Dezember ist die Ausstellung in Bonn zu sehen, danach ab 14. Februar in Celle.

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