Buchvorstellung: Fundamentalismus

"Aufstand gegen die Moderne"

Der Fundamentalismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch woher kommt der Erfolg der Populisten und Demagogen? Dies erläuterte der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz am Dienstagabend in Berlin. Ein Anliegen ist ihm dabei auch die fortwährende Aufklärung von Vorurteilen.

„In diesem Geschäft, das sich Aufklärung nennt, gibt es nur den Diskurs als Werkzeug“, konstatiert Benz. Und um diesen Diskurs auch nach seiner Lehrzeit an der Technischen Universität Berlin am Laufen zu halten, wird der emeritierte Geschichtsprofessor nicht müde, auf Veranstaltungen zu reden und Bücher zu veröffentlichen. Sein Thema an diesem Abend im Literaturhaus in Berlin: „Aufstand gegen die Moderne: Fundamentalistische Heilslehren zur Lösung gesellschaftlicher Probleme“.

Fundamentalistische Strömungen seien auf dem Vormarsch – und als eine Antwort auf die komplexen Strukturen in der modernen Gesellschaft zu verstehen, so Benz. Auch Rainer Kampling sieht den Fundamentalismus als „ein Produkt der Moderne“ an. Der Theologieprofessor ist einer der zwölf Autoren, die sich unter der wissenschaftlichen Leitung von Wolfgang Benz mit den aktuellen Phänomenen in Religion, Gesellschaft und Politik des Fundamentalismus im gleichnamigen Buch auseinandergesetzt haben.   

Koranverbrennung als fundamentalistische Demonstration

Ausgehend von dem fundamentalistisch agierenden Pastor Terry Jones geht Benz in seinem Vortrag auf die heutigen Erscheinungsformen fundamentalistischer Strömungen ein. Jones, Leiter einer kleinen Sekte von Christen in den USA und Angstschürer gegen den Islam, machte vor einiger Zeit Schlagzeilen, als er für den 11. September 2010 eine Koranverbrennung ankündigte. Als es im Frühjahr 2011 schließlich zur besagten Tat kam, kosteten die Proteste in Afghanistan mehreren Menschen das Leben. Die Verantwortung dafür lehnte Jones ab.

„Der Brandstifter fühlte sich durch den Brand bestätigt“, erklärt Benz das Verhalten des fundamentalistischen Pastor. Sein Hass gegen den Islam habe Terry Jones blind gemacht für eine rationale Beurteilung. Jones’ Weltbild unterteile sich nur noch in das Gute, für das er stehe, und das Böse, das er bekämpfe. „Die Folgen seines Wirkens kümmern ihn nur soweit, als sie in seinem Sinne, als sie Ziel seiner Absicht sind“, sagt Benz.

Damit zeigt der Historiker zweierlei Merkmale des Fundamentalismus auf: zum einen die simple Unterteilung der Welt in Gut und Böse, zum anderen die Verantwortungslosigkeit des Fundamentalisten in seinem Handeln. Der Hass der Fundamentalisten richtet sich dabei nicht allein gegen den Islam, andere Strömungen machen das Judentum als Weltfeind aus, wiederum andere die Christen. Weltverschwörer scheinen überall zu lauern, Ängste gegen sie nähren Klischees und Vorurteile. Beschworen wird von Fundamentalisten meist eine vermeintlich bessere Vergangenheit – eine Zeit, die es so niemals gegeben hat, wie der Co-Autor Rainer Kampling betont.

Erfolgsmodell: Beschwören fundamentaler Ängste

Dass der Fundamentalismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, zeige sich Benz zufolge beispielhaft an Thilo Sarrazins Buch: Wenn man sich die Käufer des Buches „Deutschland schafft sich ab“ genauer anschaue, stelle man fest: 60 Prozent der Käufer sind männlich und durchaus gutsituiert, so Benz. „Sarrazin hat ein Buch zusammengeschnürt, dass die fundamentalen Ängste des Stammtischs beschwört, die Ängste des Kleinbürgers artikuliert“, erläutert Benz den Erfolg des Buches.

Eine Bedrohung für die Demokratie? „Die Mehrheit der Bevölkerung ist in ihrer Meinung nicht festgelegt“, ist sich Benz sicher. Diese Mehrheit gelte es gegenüber Populisten und Demagogen zu sensibilisieren, ohne missionarisch durch die Länder zu ziehen. „Jemand wie Sarrazin wird man nicht überzeugen können“, ist der Antisemitismusexperte überzeugt. Aber den Wirkungserfolg populistischer Parolen mindern, aufklären und den Kreis der Anhänger verringern, das kann der Diskurs in der Tat leisten. 

Sir Peter Ustinov Institut (Hg.): Fundamentalismus: Aktuelle Phänomene in Religion, Gesellschaft und Politik. Braumüller, Wien, 2011. 160 Seiten. 21,90 Euro, ISBN 978-3-7003-1771-5

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