Tagung

Arbeit 4.0 und Gender: Wem nützt die Digitalisierung der Arbeit?

Julia Korbik23. September 2016
Frauen und Digitalisierung
Ist die Digitalisieriung der Arbeit für Frauen eher Chance oder Risiko? Darüber diskutierten Experten bei der Tagung „Arbeit 4.0: BlindSpot Gender“.
Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Ob sie Bedrohung oder Chance ist, darüber wird viel diskutiert. Die Geschlechterperspektive kommt dabei aber oft zu kurz. Grund genug, auf der Tagung „Arbeit 4.0 – BlindSpot Gender“ die Diskussion über geschlechterpolitische Herausforderungen der Digitalisierung anzustoßen.

Industrie 4.0, Arbeit 4.0: Begriffe, die seit Jahren in Medien, Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert werden. Dahinter steckt ein grundlegender Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung, gerne auch „vierte industrielle Revolution“ genannt. Worüber allerdings kaum diskutiert wird, sind die Geschlechteraspekte dieses Wandels. Die Tagung „Arbeit 4.0: BlindSpot Gender“ – organisiert von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und dem Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) – in Berlin fragte deshalb genau nach den geschlechterpolitischen Herausforderungen der Digitalisierung: Inwiefern reproduzieren neue Wirtschaftsformen die alten Geschlechterverhältnisse? Ist der Wandel der Arbeitswelt im Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit und gegen männliche geprägte Unternehmenskulturen eher Vor- oder Nachteil?

Manuela Schwesig: Neue Dynamiken und Möglichkeiten

Das schon mal vorweg: So genau lässt sich das nicht sagen. Schließlich ist der Wandel im vollen Gange und wird auch noch eine ganze Zeit dauern – wissenschaftliche Studien können nur mit Zukunftsszenarien arbeiten und vorsichtige Prognosen abgeben. In verschiedenen thematischen Einheiten, Vorträgen und Diskussionen gaben sich die geladenen Experten und Expertinnen trotzdem Mühe, Antworten auf zumindest einige der Fragen anzubieten. Das Themenfeld reichte von der Rolle von Gender im digitalen Wandel bis zur der Auswanderung von Frauenbranchen auf Online-Plattformen wie Helpling und Co.

Frauen- und Familienministerin Manuela Schwesig wies in ihrer Rede auf die bestehenden strukturellen Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt hin: die Abwertung „weiblicher“ Berufe, ungleiche Bezahlung, ungleiche partnerschaftliche Aufgabenverteilung. In der Digitalisierung sieht Schwesig großes Potenzial: „In vielen Branchen ergeben sich neue Dynamiken und daraus neue Möglichkeiten, die Männer und Frauen nutzen sollten.“ Insbesondere würde sich durch mobiles Arbeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern – wenn die Arbeitgeber dieses Arbeiten denn möglich machen. Das Präsenzdenken, so Schwesig, sei in vielen Betrieben noch stark ausgeprägt.

Erwerbs- und Sorgearbeitszeiten angleichen

Markus Grabka vom DIW war etwas skeptischer, was die geschlechterpolitischen Potenziale der Digitalisierung angeht. Er sprach über „Genderspezifische Verteilungseffekt der Digitalisierung“ – ein sperriger Titel, hinter dem sich aber interessante Erkenntnisse verbargen: Frauen, so Grabka, seien häufiger als Männer in Berufen beschäftigt, die durch die Digitalisierung bedroht sind, zum Beispiel im Bereich der Dienstleistungen. Die Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern könnte durch die Digitalisierung eher noch größer werden. Trotzdem ist der Wandel der Arbeitswelt nicht nur negativ zu sehen, sagt Grabka: „Es entstehen auch eine Menge neuer Jobs.“ Grabkas DIW-Kollegin Katharina Wrohlich wies darauf hin, dass Erwerbsarbeit und Sorgearbeit gerechter zwischen Paaren aufgeteilt werden müsse. Sie spricht vom „double earner, double carer“-Modell und glaubt wie Schwesig, dass die Digitalisierung zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen könnte: Durch Flexibilisierung könnten sich männliche und weibliche Erwerbs- und Sorgearbeitszeiten angleichen.

Für Christiane Funken, Professorin der Medien- und Geschlechtersoziologe an der TU Berlin, sind Frauen in der neuen, digitalen Arbeitswelt schon jetzt im Vorteil. Funken hat das Buch „Sheconomy“ geschrieben und glaubt: Frauen verfügen über Qualifikationen, die für die heute dominierende „Wissensarbeit“ gebraucht werden. Sie sind, unter anderem, teamorientierter, kommunikativer und belastbarer. Ihren Ansatz will Funken nicht biologistisch verstanden wissen: Es geht ihr nicht darum, Frauen als von Natur aus „besser“ darzustellen – vieles, so Funken, sei tatsächlich anerzogen und gesellschaftlich geprägt. Aber warum diese anerzogenen Fähigkeiten nicht zum beruflichen Vorteil nutzen? Aus dem Publikum gab es an diesem Ansatz durchaus Kritik: Die schöne neue Arbeitswelt, so schien es einigen Teilnehmerinnen, ist eben nur für einen bestimmten Typ Frau eine Chance. Nämlich für gut ausgebildete, mittelschichtige, weiße Frauen – das weibliche Gegenstück zum „männlichen, mobilen Wissensarbeiter“, wie Funken ihn nennt.

Noch jede Menge Forschungspotenzial

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Geht es um Genderperspektiven beim Thema Arbeit 4.0, besteht noch jede Menge Forschungspotenzial und -bedarf. Und: Einfache Antworten gibt es nicht. Aber noch bleibt ja Zeit, welche zu finden – die richtigen Fragen zumindest sind nun gestellt worden.

weiterführender Artikel