Ost-West-Geschichten

Anwalt des Ostens

Kai Doering28. Mai 2014
90 Prozent der Mecklenburger und Vorpommern kennen Erwin Sellering.
Als Urlauber kam Erwin Sellering einst ins Land. Heute regiert er als erster Ministerpräsident aus Westdeutschland Mecklenburg-Vorpommern.

Die Entscheidung, den Schritt in den Osten zu wagen, fiel auf der Rückfahrt aus dem Osterurlaub. Familie Sellering hatte die Ferien an der Ostsee verbracht, Usedom und Rügen besucht und in der Hansestadt Greifswald vorbeigeschaut. „Auf dem Weg zurück ins Ruhrgebiet haben wir diskutiert und uns dann vier zu null entschieden, nach Greifswald zu ziehen“, erzählt Erwin Sellering. Das war 1994. Zwanzig Jahre später ist der 64-Jährige der dienstälteste sozialdemokratische Ministerpräsident eines Flächenlandes. Nur Klaus Wowereit in Berlin und Jens Böhrnsen in Bremen regieren länger. „Es ist etwas Besonderes, Ministerpräsident eines Landes zu sein, in dem man nicht geboren wurde“, hebt Sellering hervor. Er kam 1949 in der Ruhrgebietsstadt Sprockhövel zu Welt. Erwin Sellering ist der erste Regierungschef von Mecklenburg-Vorpommern, der aus dem Westen stammt. 

Auf die schicksalhafte Autofahrt im Frühjahr 1994 folgte im Sommer der Umzug aus dem Ruhrgebiet an die Ostsee. Seit 1978 hatte der Jurist Sellering am Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen gearbeitet. Nun nahm er diese Funktion in Greifswald wahr. „Das Verwaltungsgericht in der Hansestadt suchte damals dringend Richter“, erinnert sich Sellering. Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung galt es, eine unabhängige Justiz aufzubauen. „Neben einem Kollegen und mir gab es am Gericht nur Berufsanfänger.“

Minister statt Oberbürgermeister

Bald kam Erwin Sellering auch mit der Politik in Kontakt. Nach der Landtagswahl im September 1994, bei der die SPD Stimmen hinzugewann und eine Koalition mit der CDU bildete, trat er in die Partei ein. „Ich wollte mich mit den Dingen beschäftigen, die das Leben dort, wo ich jetzt wohnte, in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern ausmachen“, begründet Sellering den Schritt. Und er hatte das Gefühl, in einer Partei mit gerade mal 3000 Mitgliedern gebraucht zu werden. Wären die Sellerings in Nordrhein-Westfalen geblieben, wäre er vielleicht nie SPD-Mitglied geworden.

Doch an der Küste hatte Erwin Sellering Blut geleckt. 1998 ging er als Abteilungsleiter in die Staatskanzlei in Schwerin. Zwei Jahre später berief ihn Ministerpräsident Harald Ringstorff in sein Kabinett. „Ich wollte eigentlich in Greifswald als Oberbürgermeister kandidieren, aber in Schwerin wurde dringend ein Justizminister gebraucht“, erzählt Sellering. Sechs Jahre später wechselte er ins Sozialministerium und schließlich am 6. Oktober 2008 als Ministerpräsident in die Staatskanzlei. „Vieles hat sich Schritt für Schritt ergeben“, blickt Sellering zurück. Eine Politiker-Karriere habe er nie geplant, in Mecklenburg-Vorpommern sei sie allerdings möglicherweise leichter gewesen als anderswo: „Wir sind das am dünnsten besiedelte Bundesland. Da kommt es auf jeden Einzelnen an.“

Vom Nobody zum Bürgerliebling

Der Partei hat Erwin Sellering gut getan. Lag die SPD bei seinem Amtsantritt als Regierungspartei in den Umfragen weit hinter CDU und PDS, hängte sie bei der letzten Landtagswahl im September 2011 mit 35,6 Prozent die anderen Parteien deutlich ab. Im Wahlkampf hatten die Sozialdemokraten ganz auf ihren Spitzenmann Sellering gesetzt. „Gut, wie das Land“ stand auf den Großflächenplakaten zwischen Pasewalk und Wismar unter seinem Porträt.

Kurz nach Sellerings Amtsantritt hatte es noch ganz anders ausgesehen. „Erwin wer?“, fragten die Mecklenburger und Vorpommern, wenn die Rede auf den neuen Ministerpräsidenten kam. Viele wünschten sich damals statt eines zugereisten Westdeutschen einen Einheimischen als Regierungschef. Erwin Sellering ließ sich davon nicht beirren. Mit viel Verständnis für die Nöte der Menschen hielt er dagegen. Einmal im Monat tourt er für eine mobile Bürgersprechstunde durchs Land. Die Menschen können ihm ihre Nöte mitteilen. „Ich habe gern den direkten Kontakt. So stelle ich mir die Zusammenarbeit mit den Bürgern vor.“ Im April fand die 50. Veranstaltung statt. Neun von zehn Mecklenburgern und Vorpommern kennen Sellerings Namen inzwischen. Er ist der mit Abstand beliebteste Politiker im Nordosten.

„Entscheidend ist, dass die Menschen sagen: Der setzt sich für uns ein“, sagt Erwin Sellering – und tut genau das. Der Jurist aus dem Westen ist ein Anwalt ostdeutscher Interessen. In den Koalitionsverhandlungen über die große Koalition im Bund Ende vergangenen Jahres machte er sich dafür stark, dass im Osten dieselben Renten bezahlt werden wie im Westen. Und er verurteilt die immer wieder auftretende moralische Abwertung der früheren DDR-Bürger durch Westdeutsche. „Es gab Millionen von Menschen, die unter schwierigen Bedingungen versucht haben, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Das verdient Respekt.“

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