75 Jahre nach der Shoa

Warum Antisemitismus in Deutschland wieder auf dem Vormarsch ist

Kai Doering28. Januar 2020
Zunehmende Bedrohung: Sobald die Leute wissen, dass man Jüdin oder Jude ist, trägt man einen unsichtbaren Stempel, sagt Juna Grossmann.
Zunehmende Bedrohung: Sobald die Leute wissen, dass man Jüdin oder Jude ist, trägt man einen unsichtbaren Stempel, sagt Juna Grossmann.
Jüdinnen und Juden in Deutschland werden zunehmen angefeindet. „Ich verstecke mein Jüdisch-Sein mehr als früher“, sagt die Autorin und Bloggerin Juna Grossmann. Den Umschwung eingeleitet hat aus ihrer Sicht ein FDP-Politiker.

Was bedeutet es, im Jahr 2020 in Deutschland jüdisch zu sein?

Zunächst mal ist es anstrengend. Nach der Shoah war es nie normal, jüdisch in Deutschland zu sein, aber es hat kaum jemanden gestört. Wenn ich vor 20 Jahren erwähnt habe, Jüdin zu sein, hat es am ehesten Neugier und Interesse geweckt. Das hat sich dramatisch geändert. Heute muss man sich als Jüdin schnell für die Politik Israels rechtfertigen oder wird dafür sogar angefeindet. Dabei wird vorausgesetzt, als Jüdin die israelische Politik natürlich gut zu finden. Dabei fühle ich mich gar nicht kompetent genug, in dieser Frage eine Position zu beziehen. Das interessiert aber meistens nicht.

Gerne werden antisemitische Äußerungen als Kritik an der Politik Israels getarnt. Wo hört legitime Kritik am Staat Israel auf und wo fängt Antisemitismus an?

Um das herauszufinden, gibt es den sogenannten Drei-D-Test: Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimation. Wenn eines der Kriterien auf eine Aussage gegenüber der Politik Israels zutrifft, sollte man besonders aufmerksam sein. Es ist auch sehr wichtig, in den Äußerungen zu differenzieren und klar zu sagen, dass die Kritik auf die Regierung bezogen ist und nicht auf die Israelis allgemein oder gar „die Juden“. Ich merke bei meinen eigenen Reaktionen, dass meine Verteidigungshaltung umso größer ist, je pauschaler der Angriff erfolgt. Was bei aller durchaus auch gerechtfertigten Kritik an der israelischen Regierung nie vergessen werden darf: Israel ist für uns Juden eine Lebensversicherung und die lassen wir uns nicht kaputtmachen.

Juna Grossmann

2018 haben Sie ein Buch „über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus“ veröffentlicht. Wie macht sich der bemerkbar?

Das sind oft nur Details. Sobald die Leute wissen, dass man Jüdin oder Jude ist, trägt man einen unsichtbaren Stempel. Das Gefühl, bedroht zu sein, läuft im Hinterkopf immer mit. Berlin-Mitte meide ich inzwischen, weil es das Zentrum antisemitischer Anfeindungen in der Stadt ist, und auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre ich nur sehr selten. Ich verstecke mein Jüdisch-Sein mehr als früher. Seit dem Anschlag von Halle trage ich auch keinen David-Stern mehr, sondern ein Chai-Symbol, um mit dem „Lebe!“-Symbol an die Opfer zu erinnern. Ich spreche auch weniger darüber, dass ich Jüdin bin, was natürlich nicht ganz leicht ist als Bloggerin und Buchautorin. Mein Vorteil ist, dass ich optisch keinem Klischee entspreche.

Der Titel Ihres Buchs lautet „Schonzeit vorbei“. Gibt es ein Ereignis, das dieses Ende für Sie markiert?

Nein, das war eher ein schleichender Prozess, der mindestens die letzten zehn Jahre im Gang ist. Ein Umschwung waren für mich die antisemitischen Äußerungen von Jürgen Möllemann im Jahr 2002. Da ist etwas gekippt. Zurzeit beschäftige ich mich auch viel mit dem Mauerfall, der für mich als Ostdeutsche vor allem Freiheit bedeutet hat. Diese Freiheit wird inzwischen wieder deutlich anders eingeschränkt. Für Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, gilt das noch viel mehr. In vielen Gemeinden führt das inzwischen leider dazu, dass sie sich abschotten, um sich zu schützen.

Gedenkstätten in ehemaligen Konzentrationslagern berichten, dass sich die Haltung der Besucher seit einigen Jahren verändert, die Verbrechen der Nazis immer häufiger angezweifelt werden. Was ist Ursache dieser Veränderung?

Relativierungen und sogar Verleugnungen gab es schon immer, aber sie sind deutlich mehr geworden und finden viel offener statt als noch vor einigen Jahren. Sie werden auch innerhalb von Gruppen weniger sanktioniert. Manche Dinge, die lange Common Sense waren, gelten nicht mehr. Grundlage ist das für mich nicht nachvollziehbare, aber doch weit verbreitete Gefühl, dass Dinge lange nicht gesagt werden durften. Das macht sich bemerkbar in der Sprache, wenn etwa Begriffe benutzt werden, die von den Nazis geprägt wurden. Da sehe ich auch die Medien in der Pflicht, die zum Beispiel nicht von „Fremdarbeitern“ sprechen sollten, wenn sie eigentlich Zwangsarbeiter meinen. Da erwarte ich mehr Sensibilität.

Welchen Einfluss hat die Pop-Kultur, etwa Sänger wie „Kollegah“, die in ihren Liedern zum Teil den Holocaust relativieren?

Als Künstler hat man eine Verantwortung, die Kollegah bewusst nicht wahrgenommen hat. Er kann sich dabei auch nicht darauf zurückziehen, dass seine antisemitischen Texte ja vom Publikum gewünscht seien. Ich denke aber, wir alle tragen eine Verantwortung, respektvoll miteinander umzugehen. Diese Verantwortung vermisse ich generell.

„Kollegah“ hat daraufhin Auschwitz besucht und gibt sich seitdem geläutert. Sollten Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern für Schulklassen verpflichtend sein?

Nein, davon halte ich gar nichts. Ich habe ja lange in einer Gedenkstätte gearbeitet und kann nur sagen, dass ein verpflichtender Besuch absolut kontraproduktiv ist. Ob ein Gedenkstättenbesuch etwas bewirkt oder nicht, ist häufig Zufall und kann nicht erzwungen werden. Manchmal bewirkt er sogar das Gegenteil. Wenn die Initiative dagegen von den Schülerinnen und Schülern selbst ausgeht, kann so ein Besuch viel mehr bringen. Wir sollten die jungen Menschen nicht unterschätzen.

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