Parteipartnerschaft

Nach den Anschlägen: Berliner SPD besucht Pariser PS

Marisa StrobelKai Doering02. Dezember 2015
Berliner SPD in Paris
Trauer in Paris: Der Berliner SPD-Vorsitzende Jan Stöß (2.v.r.) gedachte mit der Pariser PS der Anschlagsopfer vom 13. November.
Als am 13. November in Paris Bomben explodierten und Menschen im Kugelhagel starben, bangte auch die Berliner SPD. Sie verbindet seit Jahren eine enge Freundschaft mit der Pariser Parti Socialiste (PS). Nun war eine Berliner Delegation zu Besuch in der französischen Hauptstadt.

Als die Terroristen um sich schossen, war Aurelia Bollé mit ihrer Familie zuhause. Dass nur einige hundert Meter von ihrem Haus Menschen wahllos getötet werden, erfährt sie am Telefon, noch ehe sie über die Nachrichten informiert wird. Freunde rufen an, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Auch ihre Parteifreunde aus Deutschland nehmen noch am selben Abend Kontakt mit Bollé auf.

Zu ihnen gehört auch Karin Pieper von der SPD Friedrichshain-Kreuzberg. Sie organisiert den Parteiaustausch mit der Parti Socialiste (PS) im zehnten Arrondissement von Paris, der auch Aurelia Bollé angehört. Seit sieben Jahren besteht die Partnerschaft, längst sind aus den regelmäßigen Besuchen gute Freundschaften entstanden. Umso erschütterter war Karin Pieper, als sie während des Fußballspiels am Freitagabend von den Anschlägen erfuhr.

Partnerschaft zwischen Berliner SPD und Pariser PS seit 2008

Das zehnte Arrondissement, in dem die Attentäter mordeten, ist ihrem Wohnort in Friedrichshain-Kreuzberg sehr ähnlich. „Es sind beides jüngere Bezirke mit einem hohen Ausländeranteil und viel Kreativwirtschaft“, berichtet Pieper. Ein Grund dafür, weshalb die beiden Kreisverbände 2008 ihre Partnerschaft aufnahmen. Die Sorge, ein solcher Anschlag könnte sich auch in ihrem Bezirk ereignen, schwingt mit, während Pieper die Tage nach den Pariser Anschlägen Revue passieren lässt.

Schnell organisierte die Sozialdemokratin für den Kreisparteitag am 22. November eine Beileidsnote, in der sie die tiefe Erschütterung der Genossen ihres Kreisverbandes zum Ausdruck bringt. 90 Delegierte unterschrieben die Karte, die eine Reisegruppe der SPD Friedrichshain-Kreuzberg am vergangenen Wochenende persönlich übergeben hat.

Jan Stöß telefoniert noch in der Anschlagsnacht mit Paris

Mit dabei war auch der Vorsitzende der Berliner SPD, Jan Stöß. Er hatte die Partnerschaft 2008 mit begründet, damals als Kreisvorsitzender. „Die Leichtigkeit, die man sonst in Paris spürt, war weg“, schildert Stöß seine Eindrücke nach dem Besuch. Ihm selbst seien die Anschläge sehr nahe gegangen. In einem der Cafés, in dem die Attentäter mehrere Menschen erschossen, hatten Pariser und Berliner Genossen vor wenigen Jahren gemeinsam gegessen.

Noch in der Nacht des 13. November, wenige Stunden nach den Bluttaten von Paris, telefonierte Stöß mit dem Bürgermeister des zehnten Arrondissements, Rémi Féraud. Beide kennen sich seit Jahren, sind gut befreundet. „Ihm und den anderen Pariser Genossen hat es viel bedeutet, dass wir gerade jetzt zu ihnen gekommen sind“, berichtet Jan Stöß.

Ursprünglich war die Reise zur Unterstützung im Wahlkampf der anstehenden Pariser Regionalwahlen geplant. Doch an Wahlkampf ist in Paris noch nicht wieder zu denken. Stattdessen suchten Pariser und Berliner Genossen gemeinsam die Orte der Anschläge auf und sprachen über die Geschehnisse. An der Place de la République legten sie einen Kranz nieder, am Konzertsaal „Bataclan“ im benachbarten elften Arrondissement gedachten sie der Toten. Für Stöß „der bewegendste Moment“ der Reise.

Die Antwort muss mehr Laizismus sein

„Der Anschlag hat zwar in Paris stattgefunden, aber er galt genauso uns“, ist der Berliner SPD-Vorsitzende überzeugt. „Das war ein Angriff auf unseren Lebensstil und auf unsere Werte.“ Die Forderungen von Frankreichs Staatspräsident François Hollande nach Unterstützung im Kampf gegen den IS kann Stöß nachvollziehen. „Das ist eine berechtigte Erwartung.“ Und eine Verantwortung, aus der die Bundesregierung sich nicht stehlen dürfe.

Doch auch die Gesellschaft müsse reagieren. „Die Pariser Genossen haben uns gesagt: Wir halten am Laizismus jetzt umso mehr fest.“ Die strikte Trennung von Kirche und Staat ist in Frankreich bereits seit Jahrzehnten Teil der Staatsräson. „Die Herausforderungen, die wir zurzeit zu bewältigen haben, sind groß. Da ist es umso wichtiger, dass der Staat religiös neutral ist“, sagt Stöß.

Der nächste Besuch der Berliner in Paris steht bereits fest. Rund um den 8. Mai werden sie an den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs teilnehmen. Und im Spätsommer kommen die Pariser nach Berlin – um der SPD im Abgeordnetenhauswahlkampf zu helfen.

weiterführender Artikel